Dossier
Seine Entführung vor 33 Jahren machte Schlagzeilen, dann verschwand Richard Oetker aus der Öffentlichkeit. Ab dem 1. Januar muss der Familienerbe den traditionsreichen Mischkonzern führen - durch die schwerste Krise seit der Gründung.
von Gregor Kessler
und Birgit DengelHamburg
Der Weg nach oben ist versperrt. Alles dicht. Eine Wand aus Fotografenrücken hat sich quer vor den Treppenaufgang geschoben. Was lässt diese Wand klicken und blitzen und wogen? Es ist ein Mann, er schaut sehr freundlich über eine randlose Brille und wiegt eine Mappe mit dem blau-rot-weißen Dr.-Oetker-Logo wie ein Baby im Arm: Richard Oetker. Er tritt zum ersten Mal offiziell bei einer Pressekonferenz des Unternehmens auf, dessen Namen er trägt.
Im März 2009 war das, 29 Jahre nachdem er bei einer Oetker-Tochter als Trainee angefangen hatte. Sein Bruder August hat zur Vorstellung der Zahlen der Lebensmittelsparte in die Bielefelder Zentrale geladen, doch der 58-jährige Richard steht im Mittelpunkt. Es ist Richard der Unbekannte. Richard der Entführte. Richard der Erbfolger.
Radikale Wenden oder große Deals, wie sie sein Bruder August einfädelte, werden von Richard Oetker nicht erwartet
Am 1. Januar 2010 wird der Weg nach oben frei. August Oetker räumt - wie in den Konzernstatuten festgelegt - mit 65 den Chefposten. Dann übernimmt Bruder Richard einen der am breitesten aufgestellten Mischkonzerne in Deutschland. Von Pizza bis Pils, Schifffahrt bis Chemie, von Bank bis Bionade reicht das Portfolio. Back- und Puddingpulver spielen für die zuletzt 9 Mrd. Euro Umsatz der Oetker-Gruppe schon länger nur noch eine Nebenrolle.
Doch nicht die Vielfalt der Unternehmungen ist es, die Richard Oetkers Erbe zu einem schweren macht - es ist der Zeitpunkt. Die Unternehmensgruppe befindet sich im Strudel, den größten Turbulenzen der Nachkriegszeit. Und ausgerechnet jetzt erfolgt der Stabwechsel. An einen Mann, den viele zwar schätzen, der sich aber immer zurückgehalten, ja zurückgezogen hatte, einer der über den Chefposten gesagt haben soll: "Ich bin da hineingerutscht." "Der wollte eigentlich nie Chef werden", bestätigt einer, der die ihn seit Jahren aus der Nähe beobachtet.
Es gibt Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Die Entscheidung für Richard Oetker war daher für Branchenkenner eine Überraschung: Lange galt der 43-jährige Halbbruder Alfred Oetker als Favorit. Doch die Familie scheute offenbar diesen radikaleren Schritt. Als neuer Chef hat Richard nun viele Baustellen - und den Generationswechsel in der Führung muss er auch noch einleiten.
Wenig ist heute bekannt über Richard Oetker. Dabei war er nach dem 14. Dezember 1976 für ein paar Jahre der Bekannteste der öffentlichkeitsscheuen Oetker-Familie.
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