Jetzt ist es offiziell: Der staatlich kontrollierte russische Ölkonzern Rosneft ist am britischen Teil des Gemeinschaftsunternehmens TNK-BP interessiert. "Die Parteien einigten sich auf Verhandlungen zu dem Thema und unterschrieben eine Vertraulichkeitsvereinbarung", teilte Rosneft am Dienstag mit.
Rosneft gilt seit längerem als wahrscheinlicher Käufer der Hälfte dieses Joint-Ventures. Das Unternehmen hat einen direkten Draht zum Kreml. Erst vor Kurzem wurde mit Igor Setchin ein Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin als Rosneft-Chef installiert.
In der Putin-Ära stieg Rosneft zum größten Ölförderer des Landes auf, indem es sich beispielsweise wesentliche Teile des von Moskau zerschlagenen Jukos-Konzerns einverleibte. Der Kauf des BP-Anteils würde Rosneft endgültig zur unangefochtenen Nummer eins im russischen Energiegeschäft machen - und damit auch international aufwerten.
BP wiederum ist gerade dabei, sich aus dem für sie nervenaufreibenden Gemeinschaftsunternehmen zu verabschieden, und hatte Anfang Juni den Ausstieg angekündigt. Die Ausschreibung der 50-prozentigen Beteiligung von BP kam nach Streitigkeiten mit dem russischen Partner, dem Konsortium AAR mit vier Milliardären in Hintergrund.
Vor gut sechs Wochen hatte BP verkündet, viele Angebote für das Aktienpaket an TNK-BP erhalten zu haben. Wirtschaftlich dürfte es den Briten allerdings schwerfallen, auf die lukrative Russland-Tochter verzichten, die etwa 15 Prozent zum Konzerngewinn beiträgt und zuletzt 3,7 Mrd. Dollar Dividende nach London überwies.
Der britische Konzern benötigt das russische Geld vor allem, um die finanziellen Lasten der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko aus dem Jahr 2010 zu stemmen. Außerdem braucht er neue Förderstätten, um sich auch in Zukunft als internationaler Konzern gegen inzwischen deutlich größere Rivalen wie Exxon Mobil durchsetzen zu können. BP hatte zur Begleichung der Kosten der Ölpest viele Beteiligungen verkauft.
Besonders gern trennen sich die Briten also nicht von dem Joint-Venture. Vor einer Woche hatte es denn auch einmal geheißen, AAR schlage seinem britischen Partner vor, das Gemeinschaftsunternehmen ganz zu kaufen - also genau das Gegenteil von einem Ausstieg. In der Vergangenheit hatten sich BP und AAR mehrfach über die Besetzung von Vorstandsposten gestritten. Krach gab es auch über die Kontrolle von TNK-BP und die Dividende.
Die Nachrichtenlage um das Gemeinschaftsunternehmen ist zuweilen verworren. So hatte auch das russische Konsortium selbst in der vergangenen Woche Interesse bekundet, die andere Hälfte der BP-Beteiligung für 10 Mrd. Dollar zu übernehmen. Die TNK-BP-Eigentümer vereinbarten, dass BP auch mit Dritten über den Anteil verhandeln könne, ein Abkommen aber nicht vor einer Frist von 90 Tagen möglich sei. Auch Gazprom war Interesse an dem TNK-BP-Anteil nachgesagt worden. BP-Aktien legten am Dienstag in London zeitweise um mehr als zwei Prozent zu.
TNK-BP ist Russlands drittgrößter Ölkonzern. Die Atmosphäre zwischen den Eigentümern gilt als vergiftet, seit BP im vergangenen Jahr versuchte, eine strategische Allianz mit Rosneft einzugehen.
Ende Mai trat der russische Milliardär Michail Fridman als Firmenchef bei dem Joint-Venture ab. BP hatte TNK-BP zusammen mit AAR 2003 gegründet, um in Russland stärker expandieren zu können. Zwar zahlten sich die Investition durchgehend finanziell aus. Neben den Streitigkeiten zwischen der russischen und der britischen Seite gilt es jedoch auch noch als Ärgernis, dass Russlands Regierung größere Ölfelder lieber an staatseigene Betriebe vergibt. Das schränkte den Aktionsradius von TNK-BP zusätzlich ein. Würde Rosneft bei TNK-BP einstiegen, wäre zumindest dieses Problem für das Unternehmen gelöst.