Der umstrittenste deutsche Großversuch bei der Behandlung psychisch Kranker droht zum Misserfolg zu werden. Die AOK Niedersachsen hatte unter ihren Versicherten 13.000 Schizophrenie-Patienten als geeignete Teilnehmer für die sogenannte Integrierte Versorgung (IV) ausgemacht. Seit dem Start im Oktober 2010 haben sich aber erst 500 Patienten bei dem Projekt eingeschrieben, das von der Tochterfirma eines Pharmakonzerns gesteuert wird. "Das sind weniger Teilnehmer, als wir uns ursprünglich erhofft hatten", sagt Frank Preugschat, Leiter des Versorgungsmanagements bei der AOK Niedersachsen.
Das Projekt hatte vom Start weg für Aufsehen gesorgt. Die AOK und das Bundesgesundheitsministerium sehen die Versorgung der psychisch Kranken unter Führung einer Pharmafirma als ein sinnvolles Instrument, um Kosten zu senken und die Betreuung möglicherweise sogar zu verbessern. Für Betroffenenverbände, Bundesärztekammer und den Berufsverband der Psychiater ist der Modellversuch in Niedersachsen dagegen ein Dammbruch, der auf keinen Fall Vorbild für andere Bundesländer werden sollte. Die AOK möchte ihre gesamten Schizophrenie-Patienten in dem Bundesland durch ein Netzwerk von zurzeit 84 Ärzten und 23 Pflegediensten betreuen lassen. Diese Zahl würde noch steigen, wenn die Nachfrage zunimmt.
Dass ein Pharmaunternehmen überhaupt ein IV-Projekt leiten kann, wurde nur durch eine Gesetzesänderung der schwarz-gelben Koalition in Berlin möglich. "Die Pharmaindustrie ist genauso ein Leistungserbringer wie ein Arzt oder ein Krankenhaus", sagt ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). "Es ist nicht so, dass die Pharmafirma neben dem Krankenbett steht und dem Arzt sagt, welches Medikament er verordnen soll."
Die Patienten in Niedersachsen würden nicht zwangsweise auf Medikamente der Pharmafirma Janssen-Cilag umgestellt. Jürgen-Helmut Mauthe, Professor für Psychiatrie an der Universität Braunschweig und Vorsitzender des Landesfachbeirats für diese Fachrichtung, führt die Gesetzesänderung jedoch eindeutig darauf zurück, dass FDP-Bundesminister die Ressorts für Gesundheit und Wirtschaft führen. Der heutige Wirtschaftsminister Philipp Rösler habe die Änderung in seiner Zeit als Gesundheitsminister vorbereitet, und Bahr setze sie um.
In Niedersachsen hatte die Firma Janssen-Cilag die Ausschreibung für das Projekt der AOK gewonnen. Neun Unternehmen hatten sich beworben. Janssen-Cilag, eine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson , stellt eines der umsatzstärksten Medikamente gegen Schizophrenie her. Vertragspartner der AOK ist die Firma I3G, die Janssen-Cilag gehört. Die Versorgung der Kranken vor Ort übernimmt eine weitere Tochter mit dem Namen Care4S.
Nach Beobachtung von Thomas Zauritz, Geschäftsführer des AWO-Psychiatriezentrums in Königslutter bei Braunschweig, versucht Care4S, die Kosten dadurch zu drücken, dass die Betreuung von den Ärzten auf die Pflegekräfte verlagert wird. Auch Frank Preugschat von der AOK räumt ein: "Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten mit Care4S. Die wollten ihren Vertrag mit möglichst wenigen Mitarbeitern erfüllen. Da mussten wir die Geschäftsführung austauschen." AWO-Geschäftsführer Zauritz sagt jedoch, dass die Kostendrückerei bis heute anhalte.
Das Tochterunternehmen von Janssen-Cilag hat nach Einschätzung von Branchenkennern ein Budget im zweistelligen Millionenbereich. "Die Managementgesellschaft profitiert von jeder Einsparung. Dadurch steigt automatisch ihr Gewinn", sagt Preugschat. Ziel von Krankenkasse und Gesundheitsministerium ist es, dass die Schizophrenen weniger Tage in Kliniken verbringen und damit weniger Kosten verursachen. Der IV-Vertrag läuft noch bis 2017. Andere Krankenkassen und Bundesländer beobachten genau, ob die Niedersachsen die Kosten tatsächlich drücken können. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für integrierte Versorgung gibt es in Deutschland insgesamt 6339 IV-Projekte mit mehr als drei Millionen Versicherten.
Peter Falkai, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, sagt: "Ich habe generell nichts gegen IV. Auf lokaler Ebene gab es gute Projekte zum Beispiel in Berlin und Aachen." Wenn aber Krankenkassen Kosten senken wollten und dazu Pharmafirmen einspannten, sei eine Grenze überschritten: "Sie wollen die Kränksten behandeln und dabei auch noch Geld sparen - das muss schiefgehen."
Für Falkais Fachkollegen Mauthe ist das Projekt von Janssen-Cilag "der Versuch, einen Fuß in die Tür zu bekommen". Das Unternehmen verfolge Gewinnmaximierung, das müsse sich auf die Patientenversorgung auswirken. "Das ist, als ob die Herzklappenhersteller die Herzchirurgie betreiben würden." Auch die Manager von I3G hätten ihm in Gesprächen sein Misstrauen nicht nehmen können. Gerade die Psychiatrie sei für solche Experimente denkbar ungeeignet, sagt Mauthe: "Schizophrene Menschen organisieren sich kaum, sie wehren sich leider nicht, auch wenn sie schlecht behandelt werden."
| Was Schizophrenie ist |
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| Keine Spaltung Die Vorstellung, an Schizophrenie Erkrankte hätten eine "gespaltene Persönlichkeit", ist veraltet. In der heutigen Medizin spielt dieses Konzept keine Rolle mehr. |
| Symptome Typisch sind aber Wahnvorstellungen. 84 Prozent der Erkrankten hören Stimmen. Zwar bilden Betroffene sich nur selten ein, diese würden ihnen Befehle erteilen. Doch häufig haben sie den Eindruck, fremde Stimmen würden sie beleidigen. Solche Wahnvorstellungen fallen auch Laien auf. Die Krankheit kann biochemische und psychosoziale Ursachen haben. Im klassischen Sinne heilbar ist Schizophrenie nicht. Medikamente können aber helfen. |