Der russische Energiekonzern Gazprom stoppt die geplante Entwicklung des Shtokman-Erdgasfelds in der Arktis. Ein hochrangiger Vertreter des Konzerns sagte am Mittwoch, die Kosten seien dermaßen gestiegen, dass das Projekt bis auf Weiteres nicht mehr durchführbar sei.
Gazprom hatte sich bei dem Vorhaben mit den französischen Ölkonzernen Total und Statoil aus Norwegen zusammengetan. "Alle Beteiligten sind zu dem Schluss gekommen, dass die Finanzierungskosten momentan zu hoch sind", sagte Wsewolod Tscherepanow, der bei Gazprom die Produktionssparte leitet. "Wir erheben neue Daten. Und wir haben ja noch umfassende Gasressourcen. Wir sollten nichts überstürzen." Ein Gazprom-Sprecher sagte der Financial Times, das Projekt stehe erst wieder zur Debatte, wenn sich das Umfeld ändere: "Entweder müssen die Preise steigen oder die Kosten sinken."
Die Entscheidung, das Projekt vorerst auf Eis zu legen, kommt zu einer Zeit, da Gazprom sowohl auf dem Heimatmarkt als auch im Ausland immer stärker unter Druck gerät. Shtockman ist mit knapp 4000 Milliarden Kubikmetern oder mehr als zwei Prozent der gesamten globalen Reserven das größte Gasfeld der Welt. Die Entscheidung, es vorläufig nicht zu erschließen, belegt, wie tief die Umwälzung des weltweiten Erdgasmarkts durch amerikanisches Ton- und Schiefergas ist. Die in der russischen Barentssee gewonnene Energie sollte als von Gastankern transportiertes Flüssiggas (LNG) vor allem zur Versorgung des US-Markts dienen. Doch mit neuen Fördertechniken erschlossen US-Energiefirmen in den letzten Jahren so große Mengen heimisches Erdgas, dass die USA als Importmarkt für Shtokman ausfallen.
Die Angebotsschwemme in den USA drückt die Preise weltweit und erhöht damit die Rentabilitätsschwelle für technisch aufwendige Projekte wie Shtokman. In den USA erreichen die Großhandelspreise für Erdgas nur noch ein Viertel des westeuropäischen Niveaus. Der Preisdruck hat Gazprom indirekt erreicht. So haben Eon und andere europäische Exporteure kürzlich bedeutende Preiszugeständnisse von Gazprom ertrotzt.
Westeuropa, Gazproms wesentlicher Absatzmarkt, ist außerdem nicht mehr so aufnahmefähig für russisches Gas wie früher. Derzeit dämpft die Euro-Krise den Verkauf an die Industrie. Erst kürzlich musste das Wirtschaftsministerium in Moskau seine Exportprognose für 2012 um neun Prozent auf 193 Milliarden Kubikmeter zurückfahren. Auch langfristig wachsen Zweifel an Gazproms optimistischen Absatzprognosen. Im wichtigsten Einsatzfeld, der Raumwärme, dämpfen bessere Isolierung und der zunehmende Einsatz von Wärmepumpen die Absatzchancen für Gas nachhaltig.
Auf dem Heimatmarkt gewinnt der Konkurrent Nowatek rapide an Einfluss. Einer der Eigentümer des Unternehmens ist Gennadi Timtschenko, ein Verbündeter von Wladimir Putin. Nowatek erhielt grünes Licht für das LNG-Projekt Jamal in der Arktis, das Russland offenbar wichtiger ist als Gazproms Shtokman-Vorhaben.
Statoil hatte diesen Monat bereits angekündigt, Shtokman-Investitionen in Höhe von 336 Mio. Dollar abzuschreiben und die Aktien an Gazprom zurückzugeben. Die drei Parteien hatten bis zum 30. Juni Zeit, sich auf die Konditionen der Zusammenarbeit zu einigen, ließen die Frist aber ergebnislos verstreichen. Statoil hielt 24 Prozent an dem Konsortium, Total 25 und Gazprom 51 Prozent.