Kommentar
Verbraucher können sich freuen. Nach dem Abschalten von Atomkraftwerken in Deutschland ist jeder Investor willkommen - solange er die Gesetze akzeptiert. Monopolrenditen haben die Verbraucher lange genug finanziert.
von Michael Gassmann
Das russische Erdgasunternehmen Gazprom hält an seinen Plänen fest, in den deutschen und westeuropäischen Strommarkt einzusteigen. Das ist eine erfreuliche Nachricht für die Verbraucher. Seit in Deutschland mit acht Kernkraftwerken mal eben knapp ein Zehntel der jederzeit zur Verfügung stehenden Leistung abgeschaltet wurde, muss jeder Investor willkommen sein, der die Lücke füllt. Aber er muss die Spielregeln erfüllen.
Aber an seiner Bereitschaft dazu lässt Gazprom-Chef Alexej Miller Zweifel aufkommen. Es zeuge von "wenig Sinn für Realität", Gas-Pipelines und Gasfelder trennen zu wollen, sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Damit greift er den Kern des europäischen Gasmarkts an: die allgemeine Zugänglichkeit zu Transportmöglichkeiten. Ohne sie ist das freie Spiel von Angebot und Nachfrage bei Energien, die an Leitungen gebunden sind - also Strom und Gas - nicht denkbar.
Aus der Gazprom-Perspektive ist die Strategie richtig, tiefer in die Endverbrauchermärkte einzudringen statt nur das Gas an der Grenze abzuliefern. Der Kauf des hessischen Energievermarkters Envacom und die gescheiterten Verhandlungen mit RWE über gemeinsame Kraftwerksaktivitäten belegen den Drang des Moskauer Konzerns, an den letzten Stufen der Wertschöpfungskette bei Gas beteiligt zu werden.
Gaskraftwerke ergänzen besonders gut den weiteren Ausbau von Wind- und Solarkraft. Theoretisch jedenfalls. Praktisch rechnen die Investoren durch, wie lange ihre gasbetriebenen Generatoren künftig noch zum Einsatz kommen, wenn Strom, Wasser und Wind ihren Anteil an der Stromerzeugung von jetzt 20 Prozent wie geplant in den nächsten zehn Jahren auf 35 Prozent ausbauen. Ergebnis: Bei den heutigen Gaseinkaufs- und Stromverkaufspreisen lohnt der Bau neuer Gaskraftwerke nicht. Zu diesem Resultat kommen nicht nur deutsche Energiekonzerne wie RWE oder Eon, sondern auch Newcomer wie die norwegische Statkraft, die einer Verweigerungshaltung zum Thema Energiewende oder der Verteidigung ererbter Marktmacht unverdächtig sind.
Wenn Gazprom dennoch in Kraftwerke im Westen investieren will - sehr gerne. Gut, wenn es Gaskraftwerke sind, bei denen der Konzern anders kalkulieren kann als die meisten Wettbewerber, weil er über eine gewaltige eigene Rohstoffreserve verfügt. Auch gegen ein Engagement bei anderen Brennstoffen oder Erneuerbaren ist nichts zu sagen, solange der Konzern gewillt ist, sich an die Marktregeln zu halten.
Die Wettbewerbshüter in Brüssel, Bonn und anderswo haben einen langen Kampf hinter sich, um einen freien Energiemarkt zu realisieren. Wenn Gazprom die Regeln respektiert, gilt das "Willkommen" dem russischen Staatskonzern wie jedem anderen, der sein Geld in eine sichere Energieversorgung stecken will. Aber auch nur dann. Denn Monopolrenditen haben die Verbraucher lange genug finanziert.
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