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Merken   Drucken   16.08.2012, 14:57 Schriftgröße: AAA

Iran-Geschäfte: Standard Chartered - Der Werdegang des Vergleichs

Die britische Bank Standard Chartered akzeptierte einen Vergleich mit der New Yorker Finanzaufsicht über 340 Mio. Dollar, um sich von mutmaßlich illegalen Iran-Geschäften freizukaufen. Die FTD erklärt, wie der Deal zustande kam und was er bedeutet.
© Bild: 2011 Bloomberg
Die britische Bank Standard Chartered akzeptierte einen Vergleich mit der New Yorker Finanzaufsicht über 340 Mio. Dollar, um sich von mutmaßlich illegalen Iran-Geschäften freizukaufen. Die FTD erklärt, wie der Deal zustande kam und was er bedeutet.
von Kim Bode, New York

Noch nicht einmal ein Jahr, im Amt mischt der oberste Finanzaufseher Benjamin Lawsky des US-Bundesstaates New York die Branche mit dem Fall Standard Chartered  mächtig auf. Fast ebenso überraschend wie die Geldwäsche-Vorwürfe selbst verkündete das Department of Financial Services (DFS) am Dienstag den Vergleich, demzufolge die britische Bank 340 Mio. Dollar zahlen wird, um der ursprünglich für Mittwoch angesetzten Anhörung sowie weiteren Ermittlungen und peinlichen Anschuldigen des New Yorker Aufsehers zu entgehen. Eine Rekordsumme: So viel hat noch nie eine einzige Behörde im Zusammenhang mit Geldwäsche-Vergehen erhalten. Damit scheint die Auseinandersetzung zunächst zur Zufriedenheit beider Seiten gelöst. Dennoch bleiben viele offene Fragen zurück.

Mit der Vergleichssumme von 340 Mio. Dollar liegt Standard Chartered derzeit auf dem fünften Platz der größten US-Geldwäsche-Vergleiche - hinter dem Spitzenreiter, der niederländischen ING Bank, mit insgesamt 619 Mio. Dollar, gefolgt von Lloyds , Credit Suisse  und der Royal Bank of Scotland . Besonders ist allerdings, dass die Summe im Fall Standard Chartered ganz an das DFS geht. Die im Juni vereinbarte Vergleichssumme der ING  etwa geht zu gleichen Anteilen von jeweils 309,5 Mio. Dollar an die Bundesbehörden und für die New Yorker Staatsanwalt.

Experten zufolge war der Vergleich bitter nötig: Mit der Einigung mit dem DFS scheinen die Risiken durch mögliche Rechtskosten zunächst "ausreichend abgesichert", um den Aktienkurs zu stabilisieren, sagt etwa Analyst Ian Gordon von Investec Securities in London. "Standard Chartereds Management-Team hat sich bewundernswert verhalten angesichts der extremen Provokation."

Das DFS und Standard Chartered lagen zu Beginn der Verhandlungen am Dienstag der vergangenen Woche noch sehr weit auseinander mit ihren Vorstellungen: Während die Bank zunächst lediglich 5 Mio. Dollar anbot, soll Lawsky ursprünglich eine Vergleichssumme von 700 Mio. Dollar im Sinn gehabt haben, hieß es. Warum es nun genau 340 Mio. Dollar sind, ist nicht bekannt - eine formelle Version der Einigung steht noch aus. Offensichtlich ist aber, dass der Betrag irgendwo zwischen den Summen liegt, die zuvor im Raum standen.

Die Meinungsverschiedenheit des New Yorker Aufsehers und des britischen Instituts setzte schon eine Ebene darunter an: Das DFS warf der Bank vor, über zehn Jahre hinweg 250 Mrd. Dollar an iranischen Geldern illegal über US-Konten geschleust zu haben. Standard Chartered vertrat dagegen die Meinung, dass lediglich 0,1 Prozent der Iran-Transaktionen, also 14 Mio. Dollar, nicht ganz rechtmäßig abgelaufen seien. Sie berief sich dabei auf eine US-Sonderregel namens "U-Turn", wonach Banken in den USA die Abwicklung iranischer Zahlungen erlaubt ist, solange sie nicht direkt aus dem Iran kommen oder dorthin fließen. Diese Ausnahme wurde 2008 vom US-Finanzministerium aufgehoben, also erst zum Ende des Zeitraums der umstrittenen Transaktionen. Nun scheint das Geldhaus allerdings dennoch eingeknickt zu sein: "Die Parteien haben sich darauf geeinigt, dass das beanstandete Verhalten Transaktionen in Höhe von mindestens 250 Mrd. Dollar umfasst", sagte Lawsky zur Vergleichsverkündung.

Lawskys mächtigstes Argument war zweifelsohne der angedrohte Lizenzentzug für die New Yorker Niederlassung. Experten zufolge hätte der Verlust der Außenstelle in der Finanzmetropole das Geschäftsmodell der in London ansässigen Bank schwer beschädigen und einen Ertragseinbruch von rund 40 Prozent zur Folge haben können. Wäre keine Einigung zustande gekommen, hätten dem Institut zudem Strafen in Höhe von bis zu 1,5 Mrd. Dollar gedroht, schätzten Experten im Vorfeld. Weitere Bedingung des DFW dafür, dass Standard Chartered in New York bleiben darf, war die Einsetzung eines unabhängigen Buchhalters, der die Vorgänge innerhalb der Bank auf Unregelmäßigkeiten überprüfen soll.

Dieser Vergleich ist eine typische Win-Win-Situation: "Beide, Standard Chartered und die Aufsichtsbehörde, haben in gewisser Weise einen Punkt gemacht", sagte Analyst David Marshall von CreditSights gegenüber dem US-Finanzsender CNBC. "Der Aufseher hat Standard Chartrered dazu bekommen, eine große Zahl betroffener Transaktionen zuzugeben, und die Bank hat ein relativ schmerzloses Ergebnis - im Vergleich zu dem, was ihnen geblüht hätte und angesichts der Angst über einen Lizenzverlust."

Nein. Der Disput mit dem ambitionierten Lawsky ist zwar mit dem Vergleich erst einmal beigelegt, dennoch halten die Ermittlungen zahlreicher Bundesbehörden - darunter auch das Finanz- und das Justizministerium - an, die sich nicht mit dem DFS auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Hier verhandelt die Bank weiter über einen möglichen Vergleich. Angesichts der Vergleichssumme mit dem DFS und des indirekten Eingeständnisses des Geldhauses erhöht sich hier der Druck. Experten zufolge könnten noch einmal einige Hundert Millionen Dollar auf Standard Chartered zukommen.

  • FTD.de, 16.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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