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Merken   Drucken   09.11.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Ungeklärte Verhältnisse im Fall Leuna

Dossier Die Affäre um den Bau der Raffinerie wurde nie richtig aufgeklärt. 20 Jahre nach dem Mauerfall kommt wieder Bewegung in den Schmiergeldskandal - und in andere unsaubere Geschäfte der Nachwendezeit. von Jens Brambusch  Düsseldorf
Plötzlich ist er da. Ausgerechnet bei den diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken. Dabei dürfte er gar nicht anwesend sein. Sein Name fehlt auf der Gästeliste. Die Staatskanzlei ist irritiert: "Ich mag mir nicht vorstellen, wie der da reingekommen ist", sagt eine Mitarbeiterin. "Wir kennen ihn, und wir haben ihn sicherlich nicht eingeladen." BKA-Beamte kontrollieren die beiden Eingänge, nur mit Einladung und Ausweis ist der Zugang zu dem Festakt möglich: Keine Maus hätte da unbemerkt hineinkommen dürfen. Schließlich sind Bundespräsident Horst Köhler, Kanzlerin Angela Merkel sowie viele Bundes- und Landespolitiker anwesend.
Doch er ist da. Irgendwie hat Dieter Holzer den Weg in die Mitte der illustren Gesellschaft geschafft. Jahrzehntelang gehörte der Geschäftsmann selbst dazu. Ein Lobbyist mit exzellenten Beziehungen in Politik und Wirtschaft. Dann erschüttert die Leuna-Affäre die Republik: Schmiergelder in Millionenhöhe sollen bei der Privatisierung von DDR-Unternehmen geflossen sein. Auch an deutsche Politiker und Parteien. Akten verschwinden spurlos aus dem Bundeskanzleramt. Der Skandal ist perfekt. Und mittendrin: Dieter Holzer. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags sieht ihn als "Schlüsselfigur" der Affäre.
Die Raffinerie in Leuna in Sachsen-Anhalt   Die Raffinerie in Leuna in Sachsen-Anhalt
Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall sind die größten Skandale der Nachwendezeit noch nicht aufgeklärt. Aber es kommt Bewegung in die Affären um den Ausverkauf der DDR. Mehrere Akteure, die sich abgesetzt hatten, sind kürzlich an die Bundesrepublik ausgeliefert worden. Es könnte noch mal spannend werden für die Glücksritter, die damals gen Osten zogen und als millionenschwere Raubritter zurückkamen.
Nach dem 9. November 1989 wittert eine Schar von Unternehmensberatern, Insolvenzverwaltern, Investoren, Anwälten und Wirtschaftsprüfern die Chance, aus der Abwicklung der Planwirtschaft ordentlich Kapital zu schlagen. Ihr Gebaren liegt irgendwo zwischen schlitzohrig, schamlos und kriminell. Der Bereich, in dem sie sich bewegen, ist ebenso grau wie die Straßenzüge in Bitterfeld. Sie weiden die marode DDR-Wirtschaft aus, schnappen sich die Filetstücke und liquidieren den Rest - subventioniert von der Treuhand. 38.000 Betriebe werden bis 1994 privatisiert. Nur fünf Prozent gehen an ostdeutsche Investoren.
"Nur in weniger als 100 Fällen ist das Treuhand-Management betrügerischen Manövern aufgesessen. Das sind ohne Frage 100 zu viel. Aber ich werde eher misstrauisch, dass es angeblich so wenige sind", zitiert der Journalist Michael Jürgs in seinem Buch "Die Treuhändler - wie Helden und Halunken die DDR verkauften" den Verwaltungsratsvorsitzenden der Treuhand Manfred Lennings.
Leuna wird zum Synonym für Korruption und Kumpanei. Der Politkrimi um die Chemiewerke beginnt als deutsch-französisches Prestigeprojekt: 1992 verpflichtet sich der Ölkonzern Elf Aquitaine, eine neue Raffinerie zu bauen. Im Gegenzug erhalten die Franzosen das Minol-Tankstellennetz. Subventionsgelder in Milliardenhöhe werden gezahlt. 256 Mio. Francs - umgerechnet knapp 40 Mio. Euro - fließen als Provisionen. Der Großteil davon landet bei Holzers liechtensteinischer Firma Delta International. Der Rest geht an den französischen Ex-Geheimdienstoffizier Pierre Léthier.

Teil 2: Akten im großen Stil vernichtet

  • Aus der FTD vom 09.11.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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