Als "wunderbare Entscheidung" sieht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Anerkennung des Friedensnobelpreises2012 an die EU. "Das ist Ansporn und Verpflichtung zugleich - auch für mich ganz persönlich", sagte die Regierungschefin in Berlin. Sie habe immer wieder darauf hingewiesen, dass der Euro mehr sei als eine Währung. "Wir sollten auch gerade in diesen Wochen und in diesen Monaten, in denen wir für die Stärkung des Euro arbeiten, genau dies nicht vergessen." Am Ende gehe es immer um die ursprüngliche Idee Europas als Friedens- und Wertegemeinschaft. 60 Jahre Frieden in Europa seien für die Menschen, die jetzt in der EU lebten, eine lange Zeit, sagte Merkel. "In der Geschichte ist es nur ein Wimpernschlag."
Altbundeskanzler Helmut Kohl nannte die Ehrung als "klug und weitsichtig. Ich freue mich sehr über diese Entscheidung", erklärte der 82-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Entscheidung des Nobelkomitees sei "vor allem eine Bestätigung für das Friedensprojekt Europa". Zudem sei die Ehrung "eine Ermutigung für uns alle, auf dem Weg des geeinten Europa weiter voranzugehen. Als Europäer haben wir heute allen Grund, stolz zu sein. Ich bin es."
Im Nicht-EU-Mitgliedsland Norwegen gibt es dagegen nun Ärger. Die Entscheidung ist nicht unumstritten. Audun Lysbakken, Chef der normalerweise in der fünfköpfigen Jury vertretenen Linkssozialisten, warf Komiteechef Thorbjörn Jagland am Freitag unfeine Methoden bei der Durchsetzung der von ihm gewünschten Vergabe vor. "Hat Jagland im Komitee geputscht, während unsere Vertreterin krank war?", fragte der Parteichef polemisch im Onlinemedium aftenposten.no. Die Linkssozialisten sind betont EU-kritisch und im Nobelkomitee turnusgemäß durch Ågot Valle vertreten. Sie war bis zur diesjährigen Entscheidung längere Zeit krank und wurde durch den nicht zur Partei gehörenden Bischof Gunnar Stålsett ersetzt. Jagland hatte bei der Verkündung des Preises erklärt, dass das Komitee einstimmig entschieden habe.
Das Komitee zeichnete die Gemeinschaft dafür aus, dass sie Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und auch dazu beigetragen habe, dass 1989 die Berliner Mauer gefallen und damit der Kalte Krieg beendet worden sei. Besonders hob das Komitee die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich hervor, die drei Kriege gegeneinander geführt hatten. "Heute ist ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar." Das zeige, dass durch Vertrauensbildung aus Erzfeinden enge Partner werden könnten.
Die EU wird das Preisgeld voraussichtlich spenden. Die Summe von umgerechnet rund 930.000 Euro werde wahrscheinlich an eine Wohltätigkeitsorganisation weitergereicht, sagte ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel. Offen sei, wer den Preis am 10. Dezember in Oslo für die Gemeinschaft entgegennimmt. Die Kommission habe dem Nobelpreiskomitee vorgeschlagen, die Auszeichnung Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und dem ständigen Ratspräsidenten Herman van Rompuy gemeinsam zu überreichen, sagte der Sprecher. Es könne aber auch sein, dass nur ein Vertreter nach Oslo fahre.
Der Präsident des Europäischen Parlamentes, der Deutsche Martin Schulz, fühlte sich von der Kunde aus Oslo "bewegt und tief geehrt". Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, twitterte, die Auszeichnung gelte "der ganzen EU, allen 500 Millionen Bürgern". Interessantes Detail: Im fünfköpfigen norwegischen Nobelpreiskomitee saßen auch zwei Vertreter von EU-kritischen Parteien. Die euphorischste Reaktion kam von den österreichischen Sozialdemokraten im EU-Parlament: "Wir sind Friedensnobelpreis!"
Eigentlich galten russische Menschenrechtsgruppen als aussichtsreichste Kandidaten. 231 Vorschläge wurden in diesem Jahr für den Preis eingereicht.
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Bereits am Vorabend hatten sich Spekulationen in Oslo verbreitet, wonach die EU als "erfolgreiches Friedensprojekt" nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem weltweit hochgeachteten Preis ausgezeichnet werden soll. Jagland sowie der Direktor des Nobelinstitutes, Geir Lundestad, gelten seit mehreren Jahren als Verfechter der Vergabe an die EU. "Dank der EU hat es nicht nur die deutsch-französische Versöhnung gegeben. Sondern die EU hat auch zur Stabilsierung der Demokratie in Südeuropa beigetragen und auch dazu, dass die osteuropäischen Länder in eine enge Zusammenarbeit mit dem Rest Europas einbezogen worden sind", hatte Lundestad vor einigen Jahren dem Staatssender NRK gesagt.
Nach dem Testament des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) soll derjenige mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden, der im jeweils voraufgegangenen Jahr am meisten für den Frieden getan habe. 2011 wurden drei Frauen ausgezeichnet. Die Journalistin Tawakkul Karman aus dem Jemen teilte sich den Preis mit der liberianischen Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf und Leymah Gbowee, ebenfalls aus Liberia.
FTD/DPA