Höflich, zurückhaltend und für italienische Verhältnisse erstaunlich ernst bei der Sache - so kennt die Welt Mario Monti. Wenn dem 69-jährigen Ex-EU-Kommissar, der seit November Italiens Ministerpräsident ist, überhaupt ein Scherz über die Lippen kommt, dann ist die Pointe klinisch rein. Beispiel. Silvio Berlusconi sagt, er könne jeder Zeit dem Kabinett Montis den Stöpsel ziehen. Monti antwortet: "Wir halten uns für kein Haushaltsgerät."
Doch seit dieser Woche ist Monti kaum wiederzuerkennen. Gleich zweimal hintereinander gelang es ihm, erst die deutsche und dann die italienische Politik gegen sich aufzubringen. Gegenüber dem "Spiegel" sagte Monti, jede Regierung habe "auch die Pflicht, das Parlament zu erziehen". Deutsche Parlamentarier reagierten empört. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" keilte Monti gegen seinen Vorgänger Berlusconi. Wenn der noch an der Macht wäre, würde der Risikoaufschlag für italienische Staatsanleihen zu deutschen Papieren bei 1200 Basispunkten liegen - und nicht bei 450 wie derzeit. Berlusconis Partei, die Popolo della Libertà, probte den Aufstand. Monti griff zum Telefonhörer und entschuldigte sich beim Cavaliere. Es sei nicht so gemeint gewesen.
Alles bloß ein Missverständnis, alles bloß unbedacht? Das ist eher unwahrscheinlich. Monti erscheint nach neun Monaten Amtszeit desillusioniert und genervt von einem Politikbetrieb, der sich immer häufiger seinen Reformen und Ideen entgegenstellt. Viel hat der Wirtschaftsprofessor angepackt. Er hat ein Sparpaket verabschiedet, er hat Berufe liberalisiert, das Pensionsalter heraufgesetzt - und dennoch wird er an einer einzigen Kennziffer gemessen, dem Risikoaufschlag, dem Spread. Und der verharrt auf hohem Niveau. Es ist nicht auszuschließen, dass Italien Hilfe aus dem europäischen Rettungsfonds beantragen muss. Die Schuld sieht Monti nicht bei sich selbst. Er gibt sie der Parteipolitik in Berlin und Rom. Und schweigt dazu nicht länger.
Die Entfremdung zwischen Monti und seiner Heimat bricht sich das erste Mal im Juni Bahn: Er spricht per Videoschaltung auf der Konferenz des Sparkassenstiftungsverbands ACRI, der in Sizilien tagt. Der Premier gibt hier zum ersten Mal zu, den Rückhalt der "starken Mächte" des Landes verloren zu haben. Zuvor hat er Monate lang um seine Arbeitsmarktreform gekämpft, die von links und rechts attackiert und immer weiter verwässert wird. Richtig enttäuscht ist er, als er in der größten Tageszeitung "Corriere della Sera" einen Leitartikel seines eigenen Beraters Francesco Giavazzi lesen muss, der ihm darin eine verfehlte Politik vorwirft. Mit Tabus habe sein Kabinett gebrochen, verteidigt sich Monti auf der ACRI-Konferenz.
Einen Monat später teilt er richtig aus. Dieses Mal auf der Jahresversammlung des Bankenverbands ABI. Monti wettert gegen das verkrustete System aus Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, das einen Aufbruch in die Zukunft verhindere. Diese verflochteten Interessen seien die Ursache allen Übels. Er löst sich vollkommen vom Redemanuskript, er spricht frei. Giorgio Squinzi, Chef des Unternehmerverbands Confindustria, und Gewerkschaftsführerin Susanna Camusso trauen ihren Ohren nicht.
Deutschland hat auch schon Bekanntschaft mit dem neuen Monti gemacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist dem italienischen Premier allzu sehr auf ihre Wählerstimmen bedacht. Damit Italien sich retten kann, muss zuerst die Euro -Zone gerettet werden, ist Monti überzeugt. Beim denkwürdigen EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni spielt er va banque. Er werde alle Vereinbarungen blockieren, solange nichts gegen die steigenden Risikoprämien Spaniens und Italien unternommen werde.
"Das ist nicht hilfreich, Mario", soll Merkel gesagt haben. "Ich weiß", soll Monti geantwortet haben. Am Ende kommt ein Kompromiss heraus, der in erster Linie Spanien hilft. Dennoch sprechen die Zeitungen von einem Sieg Italiens, dem zweiten nach dem Triumph im Halbfinale der Fußballeuropameisterschaft. Monti und sein Kabinett gehen in die Sommerpause. Danach wollen sie durch Verkäufe von Staatsbesitz die Schuldenlast von 1900 Mrd. Euro senken. "Es wird ein heißer Herbst". sagt Ministerin Elsa Fornero. Monti wird das die anderen spüren lassen.