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Merken   Drucken   18.12.2011, 09:00 Schriftgröße: AAA

Italiens Sparpaket: Abgehoben, ausgeflogen, abgeschoben, vergessen

Italien peitscht eine Rentenreform durch. Was den Kapitalmarkt freut, stürzt frühere Alitalia-Angestellte in Existenznot. Sie wollen nicht mehr "Bankomat für alles" sein. von Tobias Bayer  Rom
Er hat sich fest vorgenommen, nicht auf den Tisch zu hauen. Doch dann drischt Guido Gazzoli wieder auf das wehrlose Holz ein: "Ich kenne das aus Argentinien. Dort sind die Rentner auch immer der Bankomat für alles", sagt der Ex-Flugbegleiter von Alitalia und versetzt dem Möbelstück einen Schlag mit der Handkante. Gazzoli ist 57 Jahre alt und hätte mit 60 in Pension gehen sollen. Wegen der Rentenreform von Italiens neuem Ministerpräsidenten Mario Monti kann er das nun wohl erst mit 63. "Drei Jahre muss ich überbrücken. Ohne Geld. Wie soll ich das schaffen?", schimpft Gazzoli.
Entsorgt und vergessen: der Ex-Alitalia-Flugbegleiter Guido Gazzoli ...   Entsorgt und vergessen: der Ex-Alitalia-Flugbegleiter Guido Gazzoli in Rom
Die Frage stellen sich derzeit Millionen Italiener. Um den Schuldenkollaps abzuwenden und bei den europäischen Partnern zu punkten, packt Monti das an, was unter seinem Vorgänger Silvio Berlusconi 17 Jahre lang ruhte. Derzeit peitscht er ein Sparpaket von 30 Mrd. Euro durch das Parlament. Wichtigster Baustein ist der Umbau des Rentensystems.
Künftig müssen alle länger arbeiten, Frührenten werden verschärft, und selbst für kleine Pensionen fällt die Anpassung an die Teuerung weg. Was den Kapitalmarkt erfreut, versetzt ein ganzes Land in Aufruhr: Allen voran die Gewerkschaften sprechen von Ungerechtigkeit und legen mit Streiks das Land lahm. Am Freitag beispielsweise tut sich im Nahverkehr nichts mehr.
Wegen des hohen Tempos fehlt der Regierung der Blick für Details. Und für besondere Fälle wie für die rund 7000 Ex-Alitalia-Angestellten, zu denen Gazzoli gehört. Ihre Leidensgeschichte beginnt im Sommer 2008.
Das einstige Aushängeschild Alitalia ist de facto bankrott. Ein Konsortium um die Bank Intesa Sanpaolo gründet ein neues Unternehmen, die Compagnia Aerea Italiana. Sie übernimmt die guten Teile - und stößt die schlechten ab. Was in der nationalen Presse als "Rettung" gefeiert wird, hat harte soziale Konsequenzen. Ältere Mitarbeiter wie Gazzoli werden in die Cassa Integrazione abgeschoben.
Das ist eine Art Endbahnhof für alle, die nicht mehr gebraucht werden. Der Staat verspricht, 80 Prozent des Gehalts zu zahlen und sie dann nach sieben Jahren in Rente gehen zu lassen. Mit der Monti-Reform ist das hinfällig: "Erst haben sie uns die Arbeit genommen. Und jetzt nehmen sie uns auch die Rente", sagt Gazzoli.

Teil 2: Gazzolis Schicksal exemplarisch für viele im Land

  • FTD.de, 18.12.2011
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