FTD.de » Politik » Europa » Thomas Fricke - Europa lernt schlechtes Deutsch

Merken   Drucken   25.11.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Europa lernt schlechtes Deutsch

Unsere Regierung hat durchgeboxt, dass uns selbst für extreme Handelsüberschüsse keine Sanktionen drohen. Ein trügerischer Erfolg, der den Deutschen am meisten schaden könnte. von Thomas Fricke 
Das Thema mag etwas sperrig wirken, der Ablauf der vergangenen Monate an sich hat aber das Zeug, mit Dschungelcamps mitzuhalten. Und die Sache ist immerhin auch nicht ganz unwichtig. Seit eineinhalb Jahren steht fest, dass die Europäer künftig nicht nur Haushaltssünder verfolgen wollen, sondern auch die, deren Außenhandel aus dem Lot ist. Und seit eineinhalb Jahren ging der Streit zwischen den Instanzen darum, ob nur Länder mit Außendefiziten an den Pranger kommen - oder auch solche, die viel mehr exportieren als sie importieren. Sagen wir: Deutschland.
Um wieviel die deutschen Exporte die Importe aus ausgewählten ...   Um wieviel die deutschen Exporte die Importe aus ausgewählten über- und unterbieten
Ergebnis nach gefühlten 257 Runden Hin und Her zwischen Ministern, Kommissionsbeamten und Parlamentariern: Europa spricht jetzt deutsch. Was sich in diesem Fall so äußert, dass alle bestraft werden, nur Deutschland nicht. Jedenfalls nach aktueller Handelsbilanz. Toll. Hat bei näherem Hinsehen nur den Haken, dass es im Ergebnis das Gegenteil von dem auszulösen droht, was die Deutschen wollten, nämlich unsere Exporteure zu schonen. Gut möglich, dass uns stattdessen die nächste Krise dahinrafft (sofern das die Kanzlerin nicht schon bei dieser schafft).
Deutschland droht ein Du-duAuf den ersten Blick wirkt die Regel logisch. Wenn ein Land mehr importiert als exportiert, ist es womöglich nicht wettbewerbsfähig genug - was eher unwahrscheinlich ist, wenn die Exporte viel höher als die Importe sind. Und: Ein Defizitland häuft Schulden gegenüber dem Ausland an, was irgendwann zu griechischen Zahlungsproblemen führen kann.
EU-Kommission und Ecofin-Rat wollen deshalb Überschussländer künftig zwar durchaus auch mal mit einem Du-du anstubsen; Sanktionen gibt es nach letzter Version des ab Dezember geltenden EU-Rechts aber nur für Defizitländer. Deutscher Wille geschehe. Mit Strafen bis 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - was im (sozusagen definitionsgemäß ausgeschlossenen) Fall Deutschlands immerhin 2,5 Mrd. Euro wären.
Zu den Kuriositäten der Regelung zählt, dass das Du-du erst bei einem Exportüberhang von mehr als sechs Prozent des BIPs einsetzen soll, die Sanktionen aber schon bei Defiziten von vier Prozent - was unter der Annahme, dass dahinter eine irgendwie universelle Gültigkeit steckt, formallogisch nicht geht: Es kann auf der Welt nicht mehr Überschüsse als Defizite geben; da müssen wir unsere schönen Maschinen schon auf den Mond schicken. Das können nur deutsch sprechende Beamte erfinden.
Der gefährlichere Denkfehler liegt darin zu glauben, dass es nicht unser Problem sei, wenn andere nicht wettbewerbsfähig und deshalb defizitsündig sind; und dass die das jetzt selbst lösen müssten. Erstens kriegen Länder durchaus selbst ein Problem, wenn sie über viele Jahre Überschüsse anhäufen und im Rest der Welt wieder anlegen müssen. "Das birgt die Gefahr fehlgelenkter Kapitalströme, nährt Finanzblasen und Crashs", sagt der britische Geldpolitikexperte Charles Goodhart. Und es könnte erklären, warum die Banken aus dem vermeintlichen Musterland Deutschland so auffällig stark in der Finanzkrise steckten: Da wurde viel Überschussgeld in US-amerikanische Subprime-Märkte und andere Blasen gesteckt.

Teil 2: Bei wirtschaftshistorisch interessierten Ökonomen blinken Alarmleuchten

  • Aus der FTD vom 25.11.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 27.11.2011 14:40:27 Uhr   Hinrich: Regulierung von Leistungsfähigkeit ?

    Die Exportüberschüsse sind doch kein Selbstzweck. Sie sind Indikatoren für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Und zwar im globalen Kontext! Und die will man bestrafen, wenn sie zu gut ist?
    Das ist kein sperriges Thema, das ist planwirtschaftlicher Oberwahnsinn!

  • 27.11.2011 13:29:45 Uhr   Stabilisator: Krise des Wirtschaftsjournalismus
  • 27.11.2011 11:26:43 Uhr   R.S.: Individualgleichgewicht im Handel aufsuchen
  • 27.11.2011 10:52:52 Uhr   Andrés Ehmann: Deutschland profitiert vom Euro
  • 27.11.2011 05:11:26 Uhr   Jürgen Carpantier: Sorry, aber hier werden wohl Äpfel mit Birne...
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