Auch das iranische Nuklearprogramm stützte Erdogan beim Staatsbesuch vor zwei Wochen. Jene, die "nukleare Waffen besitzen, haben nicht das Recht, anderen zu sagen, dass sie keine haben dürfen", sagte Erdogan. Die türkische Annäherung an Teheran ist für den Westen hochbrisant. USA und EU werfen Teheran vor, dass es an einer Atombombe baut und wollen das dortige Atomprogramm stoppen. Sollte der Iran sich nicht auf einen Kompromiss einlassen, droht eine drastische Verschärfung bestehender Sanktionen.
Mit der Hinwendung zum Osten zeigt die Türkei den Europäern, dass es Alternativen zur prowestlichen Orientierung hat. Wirtschaftlich können die unterentwickelten Nachbarn zwar den EU-Markt nicht ersetzen. Doch politisch könnte Ankara durchaus an Bedeutung gewinnen und zur dominierenden Kraft in der Region werden. Mit Syrien sind bereits eine Reihe neuer Wirtschaftsverträge abgeschlossen und die Grenzen geöffnet worden. In der türkischen Presse ist schon vom "Neo-Ottomanismus" die Rede. Wie das Osmanische Reich, das über Jahrhunderte die Region beherrschte, strebe die Türkei nach der Führung im östlichen Mittelmeerraum.
Die USA und Israel geben der EU die Schuld an der Wende der Türkei. Die Europäer sollten sich nicht darüber wundern, dass Ankara sich nach neuen Wegen umsehe, sagte Robert Wexler, Vorsitzender des Unterausschusses für Europäische Politik im US-Repräsentantenhaus. "Seht Euch euer eigenes Benehmen und eure eigene Haltung an." Seit Jahrzehnten verweigere die EU eine Antwort auf Ankaras Bemühungen um eine EU-Mitgliedschaft.
"Israel zahlt den Preis dafür, dass die Türkei wegen Europa frustriert ist", sagte Botschafter a.D. Eli Schaked, der acht Jahre als israelischer Diplomat in Ankara und Istanbul diente. "Die EU ist ein christlicher Club." Das sei unausgesprochen der Hauptgrund für die Vorbehalte gegen die Türken. "Ein nicht-christliches Mitglied im Club zu haben, würde einen enormen Unterschied machen. Die Union wäre nicht mehr dieselbe", so Schaked.
Für Washington ist das Nato-Mitglied Türkei ein strategisch wichtiger Verbündeter. Es hat nach den USA die zweitgrößte Armee des Bündnisses und grenzt an den Iran, den Irak und Syrien. Außerdem ist die Türkei politisch ein wichtiger Beleg dafür, dass Demokratie, Islam und Marktwirtschaft vereinbar sind. US-Präsident Barack Obama würdigte die Bedeutung der Türkei mit einem Besuch nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt - und unterstützte ausdrücklich den angestrebten EU-Beitritt.