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Merken   Drucken   30.05.2011, 10:52 Schriftgröße: AAA

Rettung Griechenlands: Das Märchen vom Kredit aus dem Nichts

Hohe Kapitalexporte vor der Euro-Krise haben Deutschland zu schaffen gemacht. Wie man es auch dreht und wendet: Letztlich gehen so Investitionen im Inland verloren.
© Bild: 2011 AFP
Kommentar Hohe Kapitalexporte vor der Euro-Krise haben Deutschland zu schaffen gemacht. Wie man es auch dreht und wendet: Letztlich gehen so Investitionen im Inland verloren. von Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn leitet das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung.
Beispiele helfen. Jedenfalls wenn sie den Kern treffen, was in der komplexen Welt der Ökonomie nicht immer gelingt. Gustav Horn und Fabian Lindner haben in einem Beitrag für die FTD das Beispiel des Bäckers bemüht, um meine These anzugreifen, dass Deutschland in der Zeit vor der Euro-Krise unter hohen Kapitalexporten gelitten hat. Ich sage: Durch die Kapitalexporte wurde deutsches Sparkapital ins Ausland verschoben und fehlte für Investitionen im Inland. Die beiden Autoren meinen dagegen, dass "Giralgeld aus dem Nichts" geschaffen werde.
Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut   Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut
Mag sein, dass die Vorstellung vom Kredit aus dem Nichts vielen gefällt. Die Welt ist aber kein Schlaraffenland. Güter und Kredite sind in der Regel knapp und lassen sich nicht herbeizaubern.
Der Nettokapitalexport eines Landes entspricht per Definition der Differenz zwischen Exporten und Importen (abzüglich jenes Teils der Güter, die verschenkt werden). Kapital- und Gütersalden bedingen einander. Bei den kurzfristigen, konjunkturellen Wirtschaftszyklen bestimmen die Güterströme häufig die Kapitalströme.
Im längerfristigen Trend ist es aber umgekehrt. Insbesondere wenn es exogene Einflüsse auf die Kapitalströme gibt - wie den Fall des Eisernen Vorhangs und die Einführung des Euro, aber auch die Deregulierung des Kapitalmarkts in den USA, die der Produktion getürkter Finanzprodukte Vorschub leistete. Damals drängte das Kapital aus Deutschland heraus: in die USA, nach Osteuropa und in die südwestliche Peripherie des Euro-Raums, was die Standortdebatte auslöste.
Wie Deutschland erlahmte
Die Länder in der Peripherie der Euro-Zone erlebten daraufhin einen Bauboom, der die Binnenwirtschaft anschob. Die Einkommen stiegen und mit ihnen die Importe. Zugleich sorgte die sinkende Arbeitslosigkeit für höhere Löhne, was wiederum die Exporte dämpfte. Das daraus resultierende Leistungsbilanzdefizit öffnete dem Kapital die Schleusen.
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In Deutschland war es umgekehrt. Unser Land hatte in den vergangenen 15 Jahren die niedrigste Nettoinvestitionsquote aller OECD-Länder, das zweitniedrigste Wachstum (rote Laterne!) und eine Massenarbeitslosigkeit, die die Regierung Schröder zu schmerzlichen Sozialreformen und die Gewerkschaften zur Lohnzurückhaltung zwang.
Wir fielen beim BIP pro Kopf vom dritten (1995) auf den zehnten Platz (2009) der EU. Die niedrigen Lohnsteigerungen belebten die Exporte, das geringe Wachstum dämpfte die Importe. Deutschland entwickelte den größten Kapitalexport und Leistungsbilanzüberschuss der Welt nach China. Von 2002 bis 2010 hatte Deutschland eine gesamtwirtschaftliche Ersparnis von 1622 Mrd. Euro. Davon flossen 1067 Mrd. Euro als Nettokapitalexport ins Ausland (vier Fünftel davon als Finanzkapital, der Rest als Direktinvestition). Nur 554 Mrd. Euro, gerade mal ein Drittel, wurden zu Hause investiert. Kein Wunder, dass Deutschland erlahmte und erst heute wieder boomt, weil die Kapitalanleger sich nicht mehr hinaustrauen.
Nun zum Beispiel des Bäckers, der hier für Deutschland steht. Der Bäcker liefert - in Bezug auf den Wert - mehr Brot, als er selbst von anderen Produzenten in Form von Konsumgütern, eines Backofens (Investition) oder von Mehl (Vorleistungen) erwirbt. Sagen wir, der Wert des Brotes sei 100, des Mehls 20, des Konsums 25 und des Ofens 10. Dann ist der Leistungsbilanzüberschuss des Bäckers 45 (=100 -20 -25 -10), und 45 ist auch der Kapitalexport. Letzteres gilt, weil das Einkommen des Bäckers 80 ist (=100 -20 für das Mehl) und nach Abzug des Konsums von 25 eine Ersparnis von 55 verbleibt.
Zieht man die Investition in den Ofen von der Ersparnis ab, verbleiben 45 für den Kapitalexport des Bäckers. Über seine Bank überträgt der Bäcker Kreditnehmern das Verfügungsrecht auf Waren. Zu sagen, dass der Bäcker Kapital exportiert oder dass er einen Leistungsbilanzüberschuss hat, ist inhaltlich dasselbe, so unterschiedlich diese Begriffe klingen mögen.

Teil 2: Der Zielkonflikt bleibt

  • Aus der FTD vom 30.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 04.06.2011 18:40:00 Uhr   focus: Warnheinweis nötig!

    Angefangen bei seiner "Basarökonomie" bis zu den heutigen Zeilen müsste jeder Erguß von ihm mit dem Warnhinweis versehen sein:

    "Ad usum delphini." Nur für den Gebrauch des Herrn Sinn [geeignet]. Ludwig der XIV. hatte für seinen Sohn bekannte lateinische Klassiker zensieren lassen. Anstößige Stellen wurden herausgestrichen. Der Dauphin (Prinz) durfte nur Bücher in die Hand bekommen, die "ad usum delphini" waren. Bei Sinn werden Stellen zensiert, die etwas mit "Hirn vorhanden" zu tun haben.

  • 03.06.2011 16:00:16 Uhr   Edmund: Güter und Kredit
  • 31.05.2011 16:52:19 Uhr   Eclair: @ Logik-ratio
  • 31.05.2011 10:56:36 Uhr   Thomas Müller: Und er hat doch Unrecht
  • 31.05.2011 03:59:22 Uhr   Anton Weber: Prof.SINN, kleine Lagepräzisierung ;)
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