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Merken   Drucken   02.12.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Wenn die Euro-Zone auseinanderbricht

Die Krise bringt die Euro-Zone an den Rand des Abgrunds. Doch was, wenn der Ernstfall tatsächlich eintritt und sie zerfällt? FTD.de beantwortet die wichtigsten Fragen für Unternehmen, Banken und Anleger.
© Bild: 2011 Bloomberg/Chris Ratcliffe
Die Krise bringt die Euro-Zone an den Rand des Abgrunds. Doch was, wenn der Ernstfall tatsächlich eintritt und sie zerfällt? FTD.de beantwortet die wichtigsten Fragen für Unternehmen, Banken und Anleger. von Peter Ehrlich  , Reinhard Hönighaus  , Rolf Lebert  , Kathinka Burkhardt, Herbert Fromme  und Timo Pache
Vier Rettungspakete für Griechenland, Irland und Portugal, ein Multimilliardenfonds, ein weiterer Rettungsfonds in Planung, ein geplanter Billionenhebel und unzählige Gipfeltreffen und Krisenrunden haben den Euro  bisher nicht retten können. Die Krise der europäischen Gemeinschaftswährung schwelt und schwelt, über neue Gegenmittel wird erbittert gestritten. Viele Ökonomen sehen die Euro-Zone daher bereits vor dem Kollaps. Was ein Ende des Euro für Unternehmen, Banken und die Bürger bedeuten würde, erklärt die FTD.
In den EU-Verträgen ist weder ein Austritt einzelner Länder noch der Ausschluss vorgesehen. Möglich wäre formell nur ein Verlassen der EU. Das ist für schwache Länder unattraktiv, weil sie dann jeden Anspruch auf Zuschüsse verlieren würden. Anfang November waren Deutschland und Frankreich schon so weit, Griechenland zu einem Austritt aus der Euro-Zone zu drängen. Möglich wäre, dass zunächst Griechenland und wegen seiner strukturellen Verschuldung auch Portugal die Euro-Zone verlassen, aber weiter EU-Hilfen bekommen.
Deutschland könnte sich entschließen, den Euro aufzugeben, um eine drohende Aufweichung der Währung zu verhindern. Einige andere Länder wie die Niederlande, Finnland und Österreich könnten folgen und ihre wiederbelebten nationalen Währungen an die D-Mark koppeln.
Um ein völliges Zerbrechen zu vermeiden, könnte sich mit Deutschland und Frankreich eine größere Kernzone bilden, die aber dann nicht nur aus mit "AAA" bewerteten Ländern bestehen würde. Die Interessen der anderen Staaten von Irland über Portugal, Spanien, Italien bis Griechenland wären wohl zu unterschiedlich, um sofort eine gemeinsame Währung zu schaffen. Auch der Binnenmarkt stünde in diesem Szenario auf der Kippe: Frankreich etwa würde versuchen, seine Wirtschaft durch Zölle gegen den billigeren Süden zu schützen.
Das hängt davon ab, ob die Anleihen nach heimischem oder nach ausländischem Recht begeben wurden. Griechenland zum Beispiel hat 94 Prozent der ausstehenden Staatsanleihen nach griechischem Recht begeben. Diese Schuldtitel können durch ein einfaches Währungsgesetz in neue Drachmen getauscht werden. Griechische Bonds, die nach britischem Recht in Euro oder nach US-Recht in Dollar begeben wurden, müssten dagegen wohl auch in Euro und Dollar  beglichen werden.
Banken und Handelshäuser wie der Londoner Broker ICAP haben begonnen, ihre Programme im Devisenhandel zu testen, wie sie bei einem Zerfall des Euro die Kursverhältnisse neuer Währungspaare berechnen könnten. Ansonsten herrschen bislang Durchhalteparolen vor: Zu einem Zerfall des Euro werde es nicht kommen, hört man meist.
Um einen Sturm auf die Banken zu unterbinden, werden die Konten zunächst eingefroren. Banken und Geldautomaten geben nur noch gestempelte Euro-Noten aus, die auf die lokale Währung lauten, und die bis zur neuen Währung gültig bleiben. Geschäfte dürften nur noch die zur lokalen Währung gestempelten Euro-Scheine annehmen. An den Grenzen würden Kontrollen eingeführt, damit Euro nicht in großen Mengen außer Landes geschafft werden - dorthin, wo sie noch die gültige Währung sind.
Souveräne Staaten haben das Recht, ihre Währung zu bestimmen ("Lex Monetae"). Die Staaten legen fest, ob private oder staatliche Verbindlichkeiten aus Verträgen, die vor dem Zusammenbruch des Euro geschlossen wurden, in der alten oder neuen Währung zu begleichen sind.
Wenn etwa Griechenland eine neue Drachme einführt, könnte das Land seinen Bürgern und Unternehmen erlauben, ihre Schulden in Drachmen zu dem am Tag der Währungsreform festgelegten Kurs zurückzuzahlen. Deutsche Unternehmen, die Forderungen in Griechenland und anderen Ländern haben, die aus dem Euro austreten, würde das hart treffen - denn die Währungen würden zur D-Mark stark abwerten.
Hat ein Privatanleger ein Finanzprodukt gekauft, für das an einer deutschen Börse ein Preis gestellt wird oder für das es entsprechende Laufzeiten- und Zinsvereinbarungen mit einer Bank gibt, dann würde dieses Produkt nach dem Wegfall des Euro in der Ersatzwährung notiert. Einen Wertverlust der neuen Währung hätten gerade die Deutschen kaum zu befürchten, da eher mit einer drastischen Aufwertung zu rechnen ist.
Formal ändert sich wenig - die Verträge werden von Euro in die neue Währung umgeschrieben. Die Verpflichtungen des Versicherers gegenüber seinen Kunden bleiben gleich. Allerdings würde ein Zusammenbruch des Euro schwere Einschnitte für die Versicherer bedeuten.
Sie müssen für Forderungen von Kunden in Euro, vor allem aus fällig werdenden Lebensversicherungen und Privatrenten, in derselben Währung Kapitalanlagen vorhalten. Wenn der Euro beispielsweise in Teilen der heutigen Euro-Zone nicht mehr gilt, müssen sie Gelder aus diesen Ländern abziehen - nicht nur aus Staatsanleihen, sondern auch aus allen anderen Anlageformen. Solche Zwangsverkäufe bringen Verluste.
Für Bürger aus Staaten, die den Euro behalten, bleiben diese Guthaben in Euro - auch bei Banken in jenen Ländern, die aus dem Euro austreten. Tritt Griechenland aus der Euro-Zone aus, werden die Konten der Griechen bei den heimischen Banken in die neue Währung getauscht. Den heimischen Banken wäre vorübergehend verboten, neue Euro-Konten für Bürger Griechenlands aufzumachen oder Euro auf Euro-Konten von Nicht-Griechen zu transferieren.
Wer über das nötige Kleingeld verfügt, könnte Land oder Häuser oder sonstige langlebige Güter kaufen. Dinge also, die nicht verschwinden, wenn sie nicht gewaltsam unbrauchbar gemacht werden oder kaputt gehen. Bargeld zu horten würde nichts bringen, weil es verlustanfällig ist.
Außerdem ist es keineswegs ausgeschlossen, dass der gesamte umlaufende Bargeldbestand vollständig durch eine neue Währung ersetzt wird. Sollten Obergrenzen für den Bargeldumtausch oder Umtauschquoten festgelegt werden, wäre ein Teil des Geldes auf jeden Fall verloren.
  • Aus der FTD vom 02.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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