Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Nouriel Roubini ist Wirtschaftsprofessor an der New York University. Er warnte bereits 2004 vor einer Immobilienkrise und handelte sich damit den Spitznamen "Dr. Doom" ein.
Die griechische Euro-Tragödie nähert sich ihrem letzten Akt: Griechenland wird entweder dieses oder nächstes Jahr höchstwahrscheinlich insolvent sein und die Euro-Zone verlassen. Auch wenn es nach den Wahlen im Juni eine neue Regierung gibt, die sich zu einer Variante der gleichen gescheiterten Sparpolitik bekennt und den Ausstieg hinausschiebt, lassen sich Wachstum und Konkurrenzfähigkeit so nicht wiederherstellen. Griechenland steckt in einem Teufelskreis von Insolvenz, verlorener Konkurrenzfähigkeit, Leistungsbilanzdefiziten und einer sich stetig verschlimmernden Depression.
Der einzige Ausweg besteht in einer Insolvenz Griechenlands und dem Ausstieg aus dem Euro. Sie beschränken die Kollateralschäden für das Land und die Euro-Zone auf ein Minimum.
Der Schuldenschnitt für Griechenland war viel zu gering. Doch selbst bei einem deutlich größeren Erlass der griechischen Staatsschulden ist Wachstum nur möglich, wenn die Wettbewerbsfähigkeit schnell wiederhergestellt wird. Aber alle dahin gehenden Optionen erfordern eine reale Währungsabwertung. Die erste Möglichkeit - eine deutliche Schwächung des Euro - ist unwahrscheinlich, da Deutschland stark ist und die EZB die Geldpolitik nicht in aggressiver Weise lockert.
Genauso unwahrscheinlich ist eine schnelle Senkung der Lohnstückkosten durch Strukturreformen, die dafür sorgen, dass das Produktivitätswachstum die Lohnzuwächse übersteigt. Deutschland hat zehn Jahre gebraucht, um seine Wettbewerbsfähigkeit so wiederherzustellen. Griechenland kann nicht eine Dekade in einer Depression verharren. Und auch die dritte Option, eine rasche Preis- und Lohndeflation, würde zu einer fünf Jahre langen Depression führen.
Wenn also keine dieser drei Optionen praktikabel ist, bleibt nur der Austritt aus der Euro-Zone. Die Rückkehr zu einer nationalen Währung und eine steile Abwertung würden schnell für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum sorgen.
Das wäre ein traumatischer Prozess, nicht nur für Griechenland. Das wichtigste Problem dabei wären die Kapitalverluste, die Finanzinstituten innerhalb der Euro-Zone entstünden. Die Auslandsschulden der griechischen Regierung, der Banken und Unternehmen in Euro würden über Nacht in die Höhe schnellen. Aber diese Probleme sind lösbar. Argentinien hat es 2001 vorgemacht, als es seine Dollar-Schulden "pesofizierte". Die USA taten 1933 Ähnliches, als sie den Dollar stark abwerteten.
Eine Umstellung der griechischen Euro-Schulden auf die Drachme ist unvermeidlich. Die Verluste, die die Banken der Euro-Zone erleiden würden, wären zu bewältigen, wenn die Banken ordnungsgemäß und aggressiv mit neuem Kapital versorgt würden. Um einen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems nach dem Ausstieg zu vermeiden, wären Maßnahmen wie die temporäre Schließung der Banken und Kapitalkontrollen erforderlich, um einen ungeordneten Sturm auf die Einlagen zu verhindern. Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) sollten den griechischen Banken durch direkte Kapitalspritzen helfen. Die europäischen Steuerzahler würden damit praktisch das griechische Bankensystem übernehmen - aber das wäre eine Teilentschädigung für die Verluste, die den Gläubigern durch Umstellung auf die Drachme zugefügt werden.
Griechenland müsste zudem seine Staatsschuld erneut restrukturieren. Dabei müssten die Forderungen der Troika (EU, IWF und EZB) gegenüber Griechenland nicht reduziert, aber ihre Laufzeit um ein Jahrzehnt verlängert und der Zinssatz gesenkt werden. Auch weitere Schuldenschnitte von Privatgläubigern wären erforderlich, beginnend mit einem Moratorium auf Zinszahlungen.
Manche argumentieren, dass Griechenlands reales BIP bei einem Ausstiegsszenario viel niedriger ausfiele als bei einer mühsamen Phase der Deflation. Aber das ist ein logischer Fehlschluss: Selbst bei einer Deflation würde im Rahmen der Abwertung die Kaufkraft abnehmen und der Realwert der Schulden steigen. Wichtiger noch: Ein Ausstieg würde über die nominale und reale Abwertung sofort wieder für Wachstum sorgen und eine jahrzehntelange Depression vermeiden. Und die Handelsverluste der Euro-Zone durch die Abwertung der Drachme wären bescheiden, da vom BIP der Euro-Zone nur zwei Prozent auf Griechenland entfallen.
Die erheblichen neuen offiziellen Ressourcen des IWF und des ESM - und die Liquidität der EZB - könnten dann Verwendung finden, um diese Länder und die Banken in anderen Teilen der notleidenden Peripherie der Euro-Zone zu schützen.
Eine Wiedereinführung der Drachme ist mit der Gefahr einer Wechselkursabwertung verbunden, was zu Inflation führen und den Gläubigern der auf die Drachme umgestellten Auslandsschulden größere Verluste zufügen würde. Um diese Gefahr zu mindern, sollten die gegenwärtig für den griechischen Bailout vorgesehenen Reserven der Troika verwendet werden, um Übertreibungen bei der Wechselkursentwicklung zu begrenzen.
Auch die Behauptung, die von einem Ausstieg Griechenlands ausgehende Ansteckung würde andere in die Krise ziehen, geht an der Realität vorbei. Andere Peripherieländer wie Portugal und Spanien haben schon jetzt Probleme griechischen Stils, was die Tragbarkeit ihrer Schulden und die Verringerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit angeht.
Egal, was Griechenland tut: Die Banken der Euro-Zone müssen schnellstens mit frischem Kapital ausgestattet werden, was ein neues EU-weites Programm direkter Kapitalspritzen erfordert.
Die Erfahrung Islands und vieler Schwellenmärkte im Verlauf der letzten 20 Jahre zeigt, dass sich durch eine nominale Abwertung und geordnete Restrukturierung sowie eine Reduzierung der Auslandsschulden die Tragbarkeit der Schulden, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum wiederherstellen lassen. Wie in diesen Fällen wird auch der Austritt Griechenlands aus dem Euro mit erheblichen Kollateralschäden einhergehen, aber diese sind beherrschbar. Dem langsamen, ungeordneten Einsturz der griechischen Volkswirtschaft und Gesellschaft zuzusehen wäre viel schlimmer.
Ziehmlich genau meine Rede seit die EZB ihre Unschuld verlor, vor etwa zwei Jahren.
Mittlerweile ist der neue Stand jedoch schon ein Stück weiter: Nun hilft den noch halbwegs solventen Euro-Ländern (eigentlich sind sie angesichts der Verpflichrungen und Garantien schon insolvent) allein die unverzügliche Rückabwicklung des Euro in je nationale Währungen, eine Forderung, die ich seit über einem halben Jahr öffentlich erhebe.
Immerhin schön zu sehen, wie nach und nach mit der obligatorischen Verspätung von etlichen Monaten bis wenigen Jahren nicht nur Roubini sondern auch zuvor auch schon ein paar wenige Politiker bemerkten, was sich im Euro wirklich abspielt - von dem guten Sarrazin mal abgesehen.
So besteht ja vielleicht doch noch Hoffnung, daß Merkel und Schäuble es erstens selber merken und zweitens beim BVerfG nachlesen, daß sie weder Eurobonds noch Souveränitätsabgaben ohne zweidrittelmehrheitliche Volksbefragung veranstalten dürfen - so gern sie es vielleicht doch auch möchten.
Die zwischenzeitlich verdattelten Hunderte Milliarden deutscher Steuergelder sind allerdings kaum zurückzuholen - es sei beim Steuerzahler hier im Lande.