Sie hat die Hände erhoben, tritt ein, ganz in Schwarz gekleidet. Es ist Montagmittag in der Casa Rosada, dem rosafarbenen Präsidentenpalast in Buenos Aires. Ein Tag, den die Presse Argentiniens als "historisch" feiern wird.
Der Raum ist dicht besetzt, junge Funktionäre von La Cámpora, der parteinahen Jugendorganisation, stehen Spalier. Bewegung geht durch die Reihen, Freudenschreie, obwohl noch gar nichts gesagt wurde, Beifall.
Beifall für die Frau vorn am Pult, Cristina Fernández de Kirchner, Präsidentin von Argentinien.
Noch macht sie nichts, noch sagt sie nichts, steht bloß da vor der perfekten Kulisse, gerahmt vom Blau-Weiß der argentinischen Flagge und dem Konterfei der Nationalheldin Eva Perón.
Endlich bittet sie um Ruhe und dann sagt sie, was ihr Land hören will, die Gesten energisch, die Stimme fest, die Miene entschlossen. Ja, es ist wahr, der Ölkonzern YPF soll verstaatlicht werden. Ja, sie werde den Kongress um die Zustimmung für eine Übernahme von 51 Prozent der Aktien an der Tochter des spanischen Repsol -Konzerns bitten. Ja, sie werde "die nationalen Interessen" verteidigen". Keinem Druck von außen werde sie sich beugen. "Ich repräsentiere das argentinische Volk. Ich bin das Staatsoberhaupt und keine Verbrecherin." Schallender Applaus. Parlamentarier, Provinzgouverneure und Unternehmer erheben sich. Sie rufen "Viva, viva, viva la corazón!" Es lebe das Herz.
Da ist sie losgetreten, binnen wenigen Minuten, eine der größten Verstaatlichungen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Auf den ersten Blick geht es um Öl und Gas, also um Geld. Viel Geld. Vor allem aber geht es um ein Zeichen, den symbolischen Schlag eines Landes, das sich immer wieder missachtet fühlt und seinen Platz in der Welt sucht.
Es ist ein Kampf nicht nur gegen den Konzern Repsol, sondern auch gegen Spanien und die internationale Gemeinschaft. Noch am Sonntag hatte US-Präsident Barack Obama versucht, Kirchner zum Einlenken zu bewegen - vergeblich. Argentinien lässt sich nichts vorschreiben. Kirchner lässt sich nichts vorschreiben.
"Ich werde nicht aufhören, daran zu glauben, dass Ölunternehmen auch für das Wohl der Argentinier sorgen können", sagt sie. Es ist die perfekte Rolle für sie - Kirchner, die Freiheitskämpferin, die Nationalheldin.
Für Repsol, den spanischen Mutterkonzern von YPF, ist die Enteignung ein schwerer Schlag. Mit der Verstaatlichung bliebe den Spaniern von 57,4 Prozent nur noch 6,4 Prozent - den Wert der Tochter beziffert Repsol auf 18 Mrd. Dollar. Der Marktwert von YPF beläuft sich auf gut 10 Mrd. Dollar. Ein argentinisches Tribunal wird jedoch einen eigenen Wert festlegen. YPF ist eine wichtige Ertragssäule der Spanier: Das Argentinien-Geschäft erwirtschaftete 2011 21 Prozent des Gesamtgewinns. Repsol-YPF-Chef Antonio Brufau war denn auch fassungslos, sprach von einem "illegitimen und illegalen Akt". Funktionäre wären schon im Hauptquartier erschienen und hätten handstreichartig die Kontrolle übernommen, bevor Kirchner ihre Rede beendet hätte. "Das gehört sich nicht für ein modernes Land. Das verdient Argentinien nicht." Auch gab es Listen mit Namen von spanischen Managern, denen der Zutritt zum Gebäude untersagt wurde.
Der Streit zwischen der Regierung und den Spaniern, die YPF 1999 gekauft hatten, schwelt seit Anfang des Jahres. Immer wieder forderte Kirchner Repsol auf, mehr Geld in die Förderung von Gas und Öl zu stecken. In den vergangenen Wochen hatten die Provinzregierungen den Druck auf den Ölkonzern erhöht und ihm bereits 16 Förderlizenzen entzogen.
Kirchner will weg von der Abhängigkeit ausländischer Energiekonzerne. Argentinien sitzt auf riesigen Reserven. Und doch muss das Land Gas teuer aus Chile importieren. Etwa 9,4 Mrd. Dollar hat Argentinien 2011 für Gas- und Ölimporte gezahlt - mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor.
Derartige Importe kann sich Lateinamerikas drittgrößte Volkswirtschaft kaum mehr leisten. Das wirtschaftliche Wohl ist vom Exportüberschuss abhängig. Buenos Aires braucht die Dollar-Milliarden aus Soja, Weizen und Fleisch, um den riesigen Staatsapparat zu bezahlen und den heimischen Konsum anzuheizen.
Ökonomen erwarten, dass sich das Wirtschaftswachstum im diesem Jahr mit der Abkühlung der Weltwirtschaft und hoher Inflation von mehr als 25 Prozent auf gut vier Prozent halbiert.
Mit ihrem Schritt trifft Kirchner den Nerv der Argentinier. "Gracias, Cristina", heißt es auf den Facebook-Seiten ihrer peronistischen Anhänger YPD Nacional y Popular. "YPF ist wieder unser. Danke, dass du dich unserer Sache annimmst." "Cristina, Cristina, Cristina, du kämpfst für unsere Freiheit!", jubelt eine Peronistin. "Du kämpfst gegen alle Gorillas!"
Doch es gibt auch Kritik. "Cristina Kirchner hat der Welt die Tür vor der Nase zugeknallt", schreibt Argentiniens führende Tageszeitung "La Nación". Die Erschließung der Gasreserven werde Milliarden von Dollar kosten. "Woher nimmt der Kirchnerismus dieses Geld? Wer investiert in ein Land, dessen Regierung die privaten Eigentumverhältnisse austauscht wie seine Garderobe?" Für Investoren sei die Entscheidung der "schwerste Schlag seit dem Zahlungsausfall" argentinischer Staatsanleihen im Jahr 2002 gewesen. Andere kritisieren, dass es Kirchner vor allem um billige Stimmen gehe - Kirchner wolle sich ein Denkmal bauen.
Lange war die 59-Jährige vor allem die Frau an der Seite von Präsident Nestór Kirchner, galt als schnippisch und arrogant. Néstor starb im Herbst 2010 an einem Herzinfarkt, Cristina wurde ein Jahr später gewählt - mit 54 Prozent. So viel wie kein anderer Präsident seit Juan Domingo Perón, der von 1946 bis 1955 und erneut in den 70ern regierte. Seitdem staunen die Argentinier, wie Cristina als politische Figur gewachsen ist.
Ihre Strategie folgte einem bekannten lateinamerikanischem Muster: Staatsdirigismus - durch Preiskontrollen, hohe Zölle und absurde Importauflagen. So muss etwa der Autohersteller Porsche für jeden eingeführten Wagen mehrere Tausend Kisten Wein "als Ausgleich" exportieren. Andere Autohersteller kaufen Leder und Reis - um in einem Land bleiben zu können, das Unternehmer nach Herzenslust gängelt.
Der Schlag gegen Repsol aber hat eine neue Qualität und erinnert an das Vorgehen von Hugo Chávez in Venezuela. Der war auch einer der ersten Gratulanten und ließ ausrichten, dass "die verbrüderten Nationen des Kontinents Argentinien dabei unterstützen, seine Souveränitätsrechte auszuüben". Chávez hatte 2007 die venezolanische Ölindustrie nationalisiert und unter anderem den US-Konzern Exxon Mobil aus dem Land geworfen.
Die Argentinier hoffen nun auf einen Boom bei unkonventionellen Öl- und Gasquellen. Die bescheren den USA derzeit einen Förderrausch. Der große Nachbar fördert inzwischen wieder so viel Rohstoffe, dass es bei Gas zum Exporteur statt Importeur wird. Auch in Argentinien gibt es neue Öl- und Gasfunde. Erst im November vergangenen Jahres hatte Repsol riesige Vorkommen in der Provinz Neuquen entdeckt. Allein im Vaca-Muerta-Becken ("Becken der toten Kuh") sollen 740 Millionen Barrel Öl lagern.
Auch Gas wird immer wichtiger. Argentinien hat nach US-Schätzungen die drittgrößten Schiefergasreserven dieser Art. Die Südamerikaner könnten damit nicht nur ihren eigenen Energiebedarf mindestens für die nächsten zehn Jahre decken, sondern zum Exporteur werden.
"Argentiniens Regierung will, dass die Gewinne nicht mehr an einen ausländischen Konzern abfließen", sagen Vertreter der Ölbranche. Offen kommentieren will die Enteignung keiner - bislang aber fühlen sich die Repsol-Rivalen in Argentinien relativ sicher. "YPF ist ein Spezialfall", sagt ein Manager eines Öl- und Gaskonzerns. Argentinien habe nie aufgehört, sich als wahrer Eigner von YPF zu fühlen, das in den 1920ern als staatliche Fördergesellschaft gegründet worden war.
Die Privatisierung in den 90ern unter dem Präsidenten Carlos Menem haben viele immer als Ausverkauf gesehen. Außerdem, so der Ölmanager, kratze es am Selbstbewusstsein des Landes, dass es quasi das einzige in Südamerika sei, das kein eigenes Öl- und Gasunternehmen hat.
Spanien gab sich am Dienstag geschockt - und kämpferisch. Regierungschef Mariano Rajoy, ohnehin auf Lateinamerikareise, berief ein Krisentreffen ein. Wochenlang hatte die Regierung versucht, den Streit zwischen Repsol und Argentinien zu schlichten. Madrid drohte mit "Vergeltung", möchte das Land international isolieren. Argentinien würde behandelt werden "wie ein Pestkranker", sollte die Enteignung kommen, warnte Industrieminister José Manuel Soria.
Der Konflikt mit Repsol ist für Spanien heikel. Während der Krise im eigenen Land setzen viele Unternehmen auf Wachstum in Lateinamerika, einem der wichtigsten Märkte. Rund 400 spanische Firmen sind in Argentinien ansässig, viele fürchten nun ähnliche Repressionen.
Trotz des Jubels könnte der drastische Eingriff für Kirchner zum Bumerang zu werden. Denn für die Entwicklung der Gasfelder sind 25 Mrd. US-Dollar notwendig. Es dürfte schwierig werden, neuen Investoren nach der Verstaatlichungsaktion zu finden.
Und dann könnte es bald heißen: Cry for Me, Argentina.
Mitarbeit: Kathrin Werner