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Merken   Drucken   05.11.2010, 07:12 Schriftgröße: AAA

Anleihenkäufe: Dollar-Schwemme der Fed schürt Angst vor neuer Blase

China wirft US-Notenbankchef Bernanke vor, mit seiner großzügigen Geldspritze der nächsten Finanzkrise den Weg zu bereiten. Auch Bundeswirtschaftsminister Brüderle zeigt sich besorgt. Die Märkte reagieren dagegen positiv. Eine Analyse. von Christine Mai  und Barbara Schäder, Frankfurt
Die 600 Mrd. Dollar schwere Geldspritze der Notenbank Fed für die angeschlagene US-Wirtschaft erhitzt die Gemüter. Kritiker warnen vor neuen Spekulationsblasen, weil die Niedrigzinspolitik der Fed renditehungrige Anleger zu Fehlinvestitionen verleiten werde: "Solange die Welt keine Zurückhaltung bei der Ausgabe von Weltwährungen wie dem Dollar übt, ist das Eintreten einer neuen Krise unvermeidlich", schrieb der Berater der chinesischen Notenbank, Xia Bin, in einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag in der "Financial News".
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle äußerte Zweifel, ob eine Lockerung der Geldpolitik die US-Konjunktur tatsächlich ankurbeln werde: "Es reicht nicht, allein das Wasser hinzustellen. Die Pferde müssen auch saufen", sagte Brüderle in Anspielung auf die strukturellen Probleme der US-Wirtschaft. "Eine starke industrielle Basis ist unerlässlich."
Nach der Entscheidung der Fed könnten sich andere Zentralbanken genötigt sehen, die Geldpolitik ebenfalls zu lockern, um eine weitere Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar zu verhindern. Die Europäische Zentralbank (EZB) zeigte sich am Donnerstag indes unbeeindruckt und hielt an ihrem bisherigen Kurs fest.
An den Aktienmärkten wurde die Fed gefeiert. Der deutsche Leitindex DAX  stieg am Donnerstag auf den höchsten Stand seit Juni 2008. In den USA kletterte der Dow Jones  wieder auf das Niveau vor dem Crash der Investmentbank Lehman. FTD.de analysiert die Gründe für die widersprüchlichen Reaktionen.
US-Notenbankchef Ben Bernanke   US-Notenbankchef Ben Bernanke
Eineinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession in den USA verläuft die wirtschaftliche Erholung nur schleppend. Die Fed begründet ihre Geldspritze vor allem mit dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit: "Die Arbeitslosenrate liegt bei fast zehn Prozent, zahlreiche Menschen bekommen keine Vollzeitstelle, und viele Erwerbslose sind schon seit sechs Monaten und länger ohne Job", schreibt Notenbankchef Ben Bernanke in einem Beitrag für die "Washington Post". Zudem sei die Inflationsrate niedrig und könnte "im Extremfall in eine Deflation münden".
Zu einem solchen Preisverfall könnte es kommen, wenn Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen die Nachfrage einbrechen lassen. Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass die Einkommen der US-Haushalte im September erstmals seit 14 Monaten wieder gesunken sind.
Mit der angekündigten Geldspritze von 600 Mrd. Dollar will die Fed nun gegensteuern. Insgesamt will die Fed den Geschäftsbanken bis Ende Juni sogar Staatsanleihen im Wert von 850 bis 900 Mrd. Dollar abkaufen, weil in das Programm auch Einnahmen aus der Rückzahlung fällig werdender Wertpapiere einfließen.
Die Fed will auf diese Weise die Zinsen auf Staatsanleihen senken, an denen sich auch die Zinsen für Kredite an Verbraucher und Unternehmen orientieren. Damit will sie das Wachstum ankurbeln: "Niedrigere Hypothekenzinsen werden die Kosten für Wohnraum senken und es Hauseigentümern erleichtern, ihre Schulden abzuzahlen. Niedrigere Zinsen auf Unternehmensanleihen werden Investitionen anschieben", prophezeit Bernanke in der "Washington Post".
Die Fed hat bereits während der Finanzmarktkrise Erfahrungen mit dieser als quantitative Lockerung bezeichneten Methode gemacht. Bis März 2010 kaufte die Notenbank rund 1700 Mrd. Dollar an US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren. Dies habe dazu beigetragen, dass die Wirtschaft ein Jahr nach dem Konjunktureinbruch 2008 Mitte 2009 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrte, argumentiert Bernanke.
Ähnlich sehen es Analysten der Investmentbank Morgan Stanley. Die quantitative Lockerung bringe gleich mehrere Vorteile: Zum einen müssten die Banken bei sinkenden Zinsen auf Staatsanleihen nach ertragreicheren Anlagemöglichkeiten suchen, etwa Unternehmensanleihen und Aktien. Zum anderen nutze der Verfall des Dollar-Kurses der amerikanischen Exportwirtschaft.
Nach Einschätzung von Goldman Sachs haben die Unternehmen von den ersten Staatsanleihe-Käufen der Fed bereits profitiert: Dank niedriger Zinsen sei der Markt für Unternehmensanleihen seit der Krise wieder um 7,5 Prozent gewachsen, was in etwa der Rate früherer Jahre entspreche. Allerdings hielten sich die Banken mit der Vergabe von Krediten weiter zurück: Das Volumen ausstehender Darlehen liege mit 6,3 Mrd. Dollar deutlich unter dem Vorkrisenniveau von 7 Mrd. Dollar.
Verärgert: der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva   Verärgert: der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva
Kritiker fürchten, dass Investoren das billige Geld der Fed weniger in heimische Unternehmen als im Ausland anlegen - vor allem in schnell wachsende Schwellenländer. "Der Rest der Welt braucht diese zusätzliche Liquidität nicht", schrieb Pimco-Chef Mohamed El-Erian in der Financial Times. "Schwellenländer wie Brasilien und China sind bereits einer Überhitzung nahe. Und die Eurozone und Japan können eine weitere Aufwertung ihrer Währungen schlecht gebrauchen."
Wegen der niedrigen Zinsen in den USA und anderen Industriestaaten steigen die Investitionen in Schwellenländern schon seit Monaten. Allein in den indischen Aktienmarkt investierten Fonds in diesem Jahr bereits mehr als 18 Mrd. Dollar. Neben der Inflation - in Indien liegt sie nahe zehn Prozent - steigt damit auch der Kurs vieler Schwellenländer-Währungen zum Dollar. So legte der brasilianische Real seit Anfang 2009 gegenüber dem Dollar um rund 35 Prozent zu. Das schmälert die Exportchancen. Der scheidende brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva kündigte am Mittwoch an, er werde auf dem G-20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländer nächste Woche für einen fairen Wechselkurs "kämpfen".
Zugleich birgt der schwache Dollar auch Risiken für die USA selbst. Denn er steigert den Preis von Verbraucherprodukten, die überwiegend aus dem Ausland eingeführt werden, was die gebeutelten US-Privathaushalte weiter belasten könnte. "Schauen Sie sich doch um - was wird schon noch in den USA hergestellt?", zitierte die Nachrichtenagentur AP einen spöttischen Analysten. Damit stellt sich zugleich die Frage, ob allein ein schwacher Dollar der US-Exportwirtschaft wirklich auf die Beine helfen wird.
Am Donnerstag rutschte der Dollar-Index, der die Entwicklung des Greenback gegenüber einem Währungskorb abbildet, zeitweise um 0,8 Prozent auf ein Elfmonatstief. Der Euro kletterte auf 1,4223 Dollar.
Der Asia-Dollar-Index von Bloomberg und JP Morgan Chase, der die Entwicklung der zehn meistgehandelten Währungen der Region außer dem Yen abbildet, stieg auf bis zu 116,01 Punkte und damit den höchsten Stand seit April 2008.
Devisenstrategen von Barclays Capital erwarten allerdings, dass sich der Wechselkurs des Dollar zu anderen Währungen differenzieren wird. "Längerfristig wird sich die Abwertung des Dollar wahrscheinlich zu den relativ flexiblen Schwellenländern hin verschieben, während gegenüber Währungen wie dem Euro und dem Yen eine Umkehr möglich ist", schreiben sie.
Die staatliche Denkfabrik Chinese Academy of Social Siences warnte am Donnerstag, der Abwertungsdruck auf den Dollar werde "die weltweiten Rohstoffpreise nach oben" treiben. Damit drohe auf Rohstoffeinfuhren angewiesenen Ländern wie China eine importierte Inflation, sagte der Ökonom Wang Zihong.
Tatsächlich legten nach der Fed-Entscheidung die meisten Rohstoffe zu. Da Öl, die wichtigsten Industriemetalle und viele Agrarrohstoffe in der US-Währung notiert sind, erhöht ein sinkender Dollar automatisch ihren Preis und auch die Nachfrage. Außerdem spekulieren Anleger darauf, dass mit der Konjunktur auch die Nachfrage nach Rohstoffen anzieht. Rohölkontrakte zur Lieferung im Dezember kletterten in New York zeitweise um 1,6 Prozent auf 86,05 Dollar je Barrel (159 Liter). Das war der höchste Stand seit sechs Monaten. Auch Kupfer und Zink legten zu.
Gold und Silber verzeichneten ebenfalls Gewinne. Gold kostete am Spotmarkt 1360,88 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) und damit 0,9 Prozent mehr, Silber kletterte auf ein neues 30-Jahreshoch von 26,54 Dollar je Unze. Die beiden Edelmetalle profitieren davon, dass Investoren sie als sichere Häfen betrachten, die Schutz vor Deflation und Inflation bieten.
Aktienmärkte weltweit reagierten mit kräftigen Zugewinnen, etliche Indizes schnellten auf die höchsten Werte seit mehr als zwei Jahren. Der deutsche Leitindex Dax  stieg am Donnerstag auf 6735 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit Juni 2008. Quer durch Asien gab es ebenfalls erhebliche Gewinne. In Tokio legte der Nikkei -Index am Freitag zeitweise 2,9 Prozent zu auf 9625 Punkte und gewann damit allein in dieser Woche 4,6 Prozent.
An den Anleihemärkten gab es unterschiedliche Entwicklungen. US-Staatsanleihen mit kürzeren Laufzeiten legten zu – sie profitieren davon, dass die Fed sich bei ihren Käufen auf Papiere dieser Kategorie konzentrieren will. Die Renditen auf fünfjährige Treasuries fielen zeitweise auf das Rekordtief von 1,0661 Prozent. Kurse und Renditen bewegen sich bei Anleihen gegenläufig zueinander.
Experten erwarten, dass dieser Trend anhält. John Herrmann, Stratege für festverzinsliche Wertpapiere bei State Street Global Markets, sieht die Rendite auf zweijährige amerikanische Staatsanleihen bis Ende des Jahres auf 0,28 Prozent fallen. Sie hatte bereits am Mittwochabend mit 0,33 Prozent fast ihren Tiefstand von Mitte Oktober wieder erreicht. Treasuries mit langen Laufzeiten hingegen verzeichneten Kursverluste und einen Anstieg der Renditen. Sie machen nur einen kleinen Teil des Aufkaufprogramms aus.
Auch Bundespapiere erlitten Kursverluste. Die Renditen für 30-jährige Staatsanleihen kletterten auf mehr als drei Prozent, die für zehnjährige Papiere auf mehr als 2,5 Prozent. Zwar sind deutsche Staatsanleihen grundsätzlich gefragt, da sie als äußerst sicher gelten. Sie werden aber aus Sicht von Experten schlechter laufen als Treasuries, weil die Europäische Zentralbank ihre Ausstiegsstrategie aus der lockeren Geldpolitik vorantreibt. "Die gegensätzlichen Haltungen der beiden großen Zentralbanken sollte dafür sorgen, dass Bunds sich weiter schlechter entwickeln als Treasuries", schrieben Analysten der WestLB.
  • FTD.de, 05.11.2010
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