Eines hat der syrische Angriff auf türkisches Territorium klar gezeigt: Jeder militärische Zwischenfall an der Grenze der beiden Länder könnte zu einem Krieg führen. Und da es sich bei der Türkei um ein Nato-Land handelt, wäre das ein Krieg, in den Deutschland und die anderen Nato-Partner unweigerlich mit hineingezogen würden. Es braucht nicht viel Fantasie, sich die furchtbaren Folgen einer solchen Eskalation auszumalen. Umso verständlicher ist es, dass Europas Politiker, von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen über Angela Merkel bis hin zu Außenminister Guido Westerwelle, zur Mäßigung in Damaskus und Ankara aufrufen.
Das darf aber nicht alles sein. Bislang ist Baschar al-Assad in diesem Konflikt mit fast allem durchgekommen - auch weil Russland und China im Uno-Sicherheitsrat schützend die Hand über ihn halten. Wenn der syrische Diktator nun den Bürgerkrieg in Nachbarländer trägt, muss der Westen ihm - im Rahmen der Möglichkeiten - Einhalt gebieten.
Für die Nato-Staaten ist das ein extrem heikler Fall von Diplomatie: Auf der einen Seite müssen sie mäßigend auf den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan einwirken, der sich am Donnerstag vom Parlament die Erlaubnis für militärische Interventionen im Nachbarstaat geben ließ. Zugleich müssen die Partner Erdogan zumindest rhetorisch beistehen: Die türkische Selbstverteidigung am Mittwoch war laut Uno-Charta legitim.
Auf der anderen Seite muss die Nato Assad deutlich machen, dass militärische Angriffe auf die Türkei nicht hingenommen werden. Es darf kein Zweifel entstehen, dass der Beschuss einer türkischen Wohnsiedlung ein ernster Vorfall ist und dass die Nato jedem Mitgliedsland zu Hilfe eilt, wenn es angegriffen wird.
Doch wenn die Nato nun offen drohen würde, beim nächsten Vorfall den Bündnisfall auszurufen, würde sie sich damit nur unnötig unter Zugzwang setzen - falls syrische Soldaten erneut bewusst oder aus Versehen auf türkisches Gebiet feuern.
Noch regiert die Diplomatie, und sie tut das hinter den Kulissen und mit verklausulierten Solidaritätserklärungen für die Türkei beziehungsweise kleinlauten Versicherungen der Syrer. Trotzdem sollte Assad an der Entschlossenheit der Nato nicht zweifeln dürfen: Die militärische Option kann nicht völlig ausgeschlossen werden.