Ein Überschuss an Erdgas wirbelt den Energiemix in den USA durcheinander - und der gesamte Weltmarkt spürt nun die Folgen. Der billige Rohstoff drängt nach Asien und nach Europa: in verflüssigter Form, als Liquified Natural Gas (LNG). Acht US-Unternehmen haben sich bereits um Ausfuhrlizenzen für LNG beworben. Mit ihnen könnte das Land, traditionell ein Gasimporteur, schon bald zum größten Exporteur aufsteigen. "Dass die USA in den LNG-Export einsteigen, verändert die Spielregeln am Gasmarkt massiv", schreibt die Bank Société Générale in einer Studie.
Bisher ist die Erdgaswelt sehr zersplittert, anders als bei Öl gibt es keinen Weltmarktpreis. Die Preise in den verschiedenen Regionen mit mehreren Handelspunkten, etwa dem Henry Hub in den USA, richten sich nach der regionalen Nachfrage. Weil Gas bislang noch größtenteils durch Pipelines transportiert wird, erreichte der Rohstoff bislang keine entfernt gelegenen Regionen. Die USA sind mit Asien und Europa nicht verbunden.
Wegen der neuen Gasförderung aus Schiefergestein, die keinen Weg aus dem Land heraus findet, ist Erdgas in den USA extrem billig geworden, die Preise klaffen so stark auseinander wie nie zuvor: Während in den USA eine Million britische Wärmeeinheiten, das branchenübliche Vergleichsmaß, nur rund 2,50 Dollar kosten, zahlen die Europäer 9 Dollar , die Asiaten sogar 16 Dollar - ein massiver Faktor für die produzierende Industrie.
Entsprechend groß ist das Interesse der Asiaten am billigen Gas aus Amerika und das Interesse der US-Gasfirmen am renditeträchtigen Export über den Pazifik. Schließlich kann man LNG, schockgefrostet und komprimiert, per Tanker um die Welt schicken. Langfristig werden sich die Preisunterschiede nicht halten, da sind sich die Energieexperten auf ihrem jährlichen Branchentreff Cera Week in Houston einig. Ein Erdgasweltmarkt rücke näher.
Das Interesse an LNG steigt rasant. Bis 2030 soll die Hälfte des internationalen Gashandels über LNG abgewickelt werden, erwartet das Bundeswirtschaftsministerium. 2011 wurden laut den Marktforschern von Trendresearch rund 350 Milliarden Kubikmeter LNG umgeschlagen, 12,5 Prozent des weltweiten Gashandels. Besonders Asien plant, seinen wachsenden Energiehunger mit LNG zu stillen. Der Import des Kontinents werde sich bis 2025 verdoppeln, prognostiziert das Recherchehaus Wood MacKenzie.
Weltweit gibt es derzeit 34 Terminals, in denen aus Gas Flüssiggas gemacht und auf Schiffe verladen wird. 56 sind im Bau oder in Planung. Weltmarktführer beim LNG-Export ist mit großem Abstand Katar. Doch das dürfte sich ändern: "Die USA und Australien werden sich um die Weltmarktspitze rangeln", prognostizieren die Analysten von Société Générale. Bis 2018 gehen allein in Australien acht Terminals in Betrieb, die Investitionen liegen in Summe bei 100 Mrd. Dollar.
Doch die Ambitionen der amerikanischen Gasproduzenten, ihren Export massiv auszubauen, stoßen im eigenen Land auf Widerstand. Vor allem Industriekonzerne fürchten einen Anstieg der niedrigen Preise in den USA. Derzeit verschaffen ihnen der billige Strom und das billige Gas einen wichtigen Wettbewerbsvorteil gegenüber Rivalen in Europa und Asien. "Wegen des günstigen Gases siedeln sich immer mehr Industrieunternehmen in den USA an", sagte Peter Voser, Chef des Ölkonzern Shell , in Houston.
Vorbehalte gegen den Export von LNG haben auch Umweltschützer, denn die Förderung würde dadurch zusätzlich steigen. Sie fürchten die Vergiftung des Grundwassers durch Chemikalien, die beim Bohren in Schiefergestein verwendet werden.
Die Politik ist gespalten. Grundsätzlich strebt die US-Regierung an, primär die Energieversorgung im eigenen Land möglichst billig und langfristig zu sichern. Zugleich aber versucht sie seit Jahren, das Außenhandelsdefizit zu reduzieren. "Mit LNG-Ausfuhren könnte sich die Handelsbilanz ausbalancieren", sagte Wolfgang Möhler, Gasexperte beim Recherchehaus IHS.
"Die Ressourcen sind groß genug für den Heimatmarkt und die Ausfuhren", fügte Möhler hinzu. Bis zu zwölf Milliarden Kubikfuß pro Tag wären laut einer Studie des Energieministeriums denkbar - rund ein Drittel des globalen LNG-Marktes. "Es ist keine Frage, ob die USA LNG exportieren werden", sagte John Deutch vom Massachusetts Institute of Technology. "Sie müssen, und sie werden."