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Merken   Drucken   20.10.2012, 17:34 Schriftgröße: AAA

Homosexuelle in Amerika: Schwul und tapfer

Nach langem Zögern hat US-Präsident Barack Obama den Homosexuellen in Amerika mehr Rechte gegeben. Für die Republikaner ist dies eine Kriegserklärung. Die ideologische Spaltung zerreißt das Land - und mobilisiert die Wähler.
von Washington
Einsatz für Homosexuelle: US-Präsident Barack Obama begrüßt den ...   Einsatz für Homosexuelle: US-Präsident Barack Obama begrüßt den Aktivisten Danny Ingram in Washington

Danny Ingram hatte eine Wette abgeschlossen, und der Einsatz war seine berufliche Existenz. Er verlor.

"Ich habe geglaubt, dass Bill Clinton sein Versprechen halten wird", sagt Ingram. Der heute 51-Jährige spricht von einer Zusicherung, die Clinton 1992 im Wahlkampf gab: Als Präsident werde er dafür sorgen, dass Schwule im amerikanischen Militär dienen dürfen. Bis dahin war das strikt verboten. Damit stieß Clinton einen Kampf an, der die USA heute tiefer spaltet als wohl jemals zuvor und der auch die kommende Präsidentschaftswahl beeinflussen wird: den Kampf um die Rechte von Homosexuellen.

Obwohl Schwule damals im Militär nicht erwünscht waren, war Ingram Ende der 80er zur Armee gegangen - um den Preis, seine sexuelle Orientierung vor den Kameraden und Vorgesetzten verbergen zu müssen. Er kannte das: Seine Familie stammt aus einer ländlichen Region des Südstaats Georgia, noch heute leben dort kaum bekennende Schwule. "Als ich ein Kind war, wussten wir überhaupt nicht, was das ist", sagt Ingram.

Doch nach Clintons Versprechen wollte Sergeant Ingram, damals 32 Jahre alt und Single, sich nicht länger verbiegen. Andere waren mutig vorangegangen, eine Liberalisierung schien denkbar. Ingram schrieb an seinen Vorgesetzten und outete sich.

Wenige Monate später wurde Clinton ins Weiße Haus gewählt. Sein Versprechen aber setzte er nicht durch. Die Widerstände im Militär und in der Öffentlichkeit waren zu groß. Stattdessen beschlossen die Politiker einen verlogenen Kompromiss: "Don't ask, don't tell" - stell keine Fragen, gib keine Auskünfte. Schwule durften von da an für das Vaterland kämpfen und sterben, solange ihre sexuelle Neigung unausgesprochen blieb.

Ingram hatte gegen das Schweigegebot verstoßen, und er wurde dafür bestraft. Im April 1994 wurde er aus der Armee entlassen. "Es ist mir sehr schwergefallen, die Uniform auszuziehen. All das aufzugeben, wofür ich gearbeitet hatte. Zu merken, dass alle Auszeichnungen, die ich bekommen hatte, nichts zählten", erzählt er. Er war einer der Ersten, die auf Grundlage der neuen Richtlinie aus der Truppe flogen. Seither erging es rund 14.000 Kameraden wie ihm. "Mein Vorgesetzter war auf meiner Seite. Aber er hatte keine Wahl", sagt Ingram.

Der junge Mann schaffte es, sich eine neue Existenz aufzubauen. Er fand eine Stelle in der IT-Abteilung des Georgia Institute of Technology in Atlanta. Heute ist er mit seinem Leben zufrieden: Der geschasste Soldat wurde zum Aktivisten für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Als Präsident Barack Obama fast zwei Jahrzehnte später Clintons Versprechen einlöste und Ende 2010 "Don't ask, don't tell" abschaffte, war Ingram dabei. Das Weiße Haus lud ihn, den Vorsitzenden der American Veterans for Equal Rights (Aver), zur Feier ein.

Gewachsene Toleranz: US-Amerikaner, die Homosexualität für ...   Gewachsene Toleranz: US-Amerikaner, die Homosexualität für moralisch akzeptabel halten

Obamas Entscheidung verschaffte der Bewegung neuen Schwung. Im Frühjahr 2012 traute zum ersten Mal ein Militärpfarrer in der Basis von Fort Polk in Louisiana zwei lesbische Soldatinnen. Weil gleichgeschlechtliche Ehen in dem Südstaat verboten sind, wurde die Hochzeit als "religiöse Zeremonie" verbrämt.

Vergewaltigungen seien selten, weil sich der Körper der Frau dagegen wehre. Diese Äußerung sorgte selbst im Lager des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney für Empörung - doch den rechten Fundamentalisten sprach Akin aus dem Herzen. Sie wollen Abtreibungen ohne Ausnahme verbieten.

Abtreibung, Schwulenrechte und Waffengesetze - diese drei Streitfragen gehören in Amerika zusammen. Denn die Haltung dazu bildet eine Weltanschauung: liberal oder konservativ. Republikaner und Demokraten sehen die Welt völlig unterschiedlich. Und noch nie war die Spaltung des Landes so tief. Laut einer Gallup-Studie von Anfang 2012 sehen sich 40 Prozent der Amerikaner als konservativ, 21 Prozent als liberal. "Der Anteil der Amerikaner, die sich selbst als moderat bezeichnen, ist Schritt für Schritt gesunken", sagte die Autorin der Studie, Lydia Saad: Von 43 Prozent bei Beginn der Erhebung 1992 auf nur noch 35 Prozent 2011. "Es ist das dritte Jahr in Folge, dass die Konservativen die Moderaten überholt haben - nach mehr als einem Jahrzehnt, während dessen die Moderaten gleichauf oder gar vorne lagen."

Obama gegen Romney Das wundersame Spiegelgefecht der Kandidaten

So nimmt die Debatte um Homosexuelle, Waffen und Schwangerschaftsabbrüche Züge eines Kulturkampfs an. George W. Bush hat seinen Wahlsieg 2004 nach Ansicht mancher Beobachter auch der Tatsache zu verdanken, dass die gleichzeitig in wichtigen Bundesstaaten stattfindenden Referenden zur gleichgeschlechtlichen Ehe konservative Wähler mobilisierten. Seit 1998 haben die Bürger in 32 Bundesstaaten über diese Frage entschieden - und in 32 Bundesstaaten eine Liberalisierung abgelehnt.

Die Schwulenbewegung hofft, dass es nun anders kommt. Am 6. November steht in den vier Staaten Maryland, Minnesota, Washington und Maine wieder eine Entscheidung an. "Die Gesellschaft hat sich verändert", meint Ingram. "Viele Leute sagen nun: Wer sich liebt, soll heiraten können."

Obama hat diesen Satz lange vermieden. Im Frühjahr 2012, wenige Monate vor Ende seiner ersten Amtszeit, bekannte er sich. "An einem bestimmten Punkt bin ich zum Schluss gekommen, dass es für mich persönlich wichtig ist, voranzugehen und zu bestätigen, dass ich finde, gleichgeschlechtliche Paare sollten heiraten können", sagte er dem Sender ABC.

Die gewundene Formulierung spricht Bände: Denn genau wie Romney muss Obama einen Spagat vollbringen: Beide müssen sich extrem genug positionieren, um die eigene, polarisierte Basis bei Laune zu halten. Trotzdem müssen sie wählbar bleiben für Wähler in der Mitte, die am Ende zum entscheidenden Faktor werden könnten. Wie in anderen gesellschaftlichen Fragen wie der Einwanderung hat sich Obama erst nach langem Zögern entschieden. Er zeigt Flagge. Romney positioniert sich mal so, mal so, mal gemäßigt, mal als Hardliner. Er gilt persönlich als eher moderat, doch der rechte Flügel seiner Partei verlangt von ihm ein klares Bekenntnis zu den konservativen Werten.

Für Ingram ist die Wahl klar. Er vertraut darauf, dass der schwarze Präsident in einer zweiten Amtszeit die Liberalisierung fortsetzt. "Er hat versprochen, sich für die Homoehe einzusetzen", sagt der Veteran. Doch eine Gesetzesinitiative hat Obama bislang nicht angekündigt. Dass die Demokraten im Kongress bei der Wahl eine Mehrheit erringen werden, ist zudem zweifelhaft. Glaubt Ingram wirklich, dass Obama anders als Clinton damals sein Versprechen einlösen kann? "Ich weiß es nicht", sagt Ingram. Es klingt nicht sehr siegesgewiss.

Die nächste Folge der Serie "Wahlen in den USA" erscheint am Montag, 22. Oktober: Bilanz der amerikanischen Außenpolitik unter Hillary Clinton.

  • FTD.de, 20.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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