Im endlosen Streit über Israels Siedlungspolitik ist für Benjamin Netanjahu die kurzfristige Perspektive wichtiger als die mittelfristige. Angesichts des heftigen Widerstands in seiner Koalition gegen einen Ausbaustopp für jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten lautet das vordringliche Interesse des israelischen Ministerpräsidenten, seine Regierung zusammenzuhalten. Dass er mit der Genehmigung von rund 450 neuen Wohnungen die Amerikaner mit ihrer Forderung nach einem Baustopp brüskiert, ist für Netanjahu zweitrangig - Hauptsache, seine Koalition überlebt.
Wer die Folgen dieser Entscheidung analysiert, sollte daher die taktischen Motive dahinter nicht unterschätzen. Sicher ist der Ausbau der Siedlungen ein weiteres Hindernis für neue Gespräche mit den Palästinensern, wie deren erwartet harsche Reaktion zeigt. Auch belastet der Alleingang die ohnehin schon kriselnden Beziehungen zur Obama-Regierung, die Israel seit Monaten zu einem Baustopp drängt, weil sie nur so Chancen auf Frieden sieht. Doch ist noch lange nicht gesagt, dass es Netanjahu auch zur maximalen Konfrontation mit seinem wichtigsten Verbündeten kommen lassen will.
Vielmehr erhöht der Regierungschef die Verhandlungsmasse für die laufenden Gespräche mit den USA über einen Baustopp, wenn er jetzt den Ausbau der Siedlungen genehmigt. Auch die Amerikaner wissen, dass es sich keine israelische Regierung innenpolitisch erlauben kann, in der Siedlerfrage klein beizugeben. Nicht nur Netanjahus rechte Koalitionspartner, auch weite Teile seiner Wählerschaft machen massiven Druck auf ihn, beim sogenannten natürlichen Wachstum bestehender Siedlungen hart zu bleiben.
Um Zugeständnisse an die US-Regierung innenpolitisch durchzusetzen, muss Netanjahu den Eindruck vermeiden, er knalle vor den USA die Hacken zusammen. Wenn seine harte Linie jetzt dazu führt, dass sich der Regierungschef künftig Kompromisse mit den Amerikanern leisten kann, ist der mittelfristige Nutzen dieses Kurses größer als der kurzfristige Schaden.