Zugegeben, was sich die Europäer seit Monaten leisten im Bemühen, ihre Währungskrise zu meistern, hat nur einen Namen verdient: Dilettantismus. Da tummeln sich zuhauf durcheinander gackernde Laiendarsteller auf der Bühne und schreiben so gut wie jeden Tag einen neuen Akt der griechischen Tragödie. Die Folge sind Ausschläge an den Aktienmärkten abwechselnd in Richtung Himmel und Hölle. Politik, die Vertrauen schafft, und sauberes nachvollziehbares Krisenmanagement sehen anders aus.
Natürlich darf das kritisiert werden. Und natürlich auch von Barack Obama. Aber, bitte schön, nicht so plump und scheinheilig wie jüngst. "Sie bemühen sich, verantwortungsvoll zu handeln", bescheinigt der US-Präsident seinen transatlantischen Partnern gönnerhaft. "Aber diese Aktionen waren nicht ganz so schnell, wie es nötig gewesen wäre. Sie haben sich nie wirklich von der Krise 2007 erholt und haben nie umfassend auf die Herausforderungen reagiert, denen ihr Bankensystem ausgesetzt war." Zusammen mit der Situation in Griechenland habe dies eine Finanzkrise ausgelöst, die "der Welt Angst einjagt".
Abgesehen einmal davon, dass das Lehman-Desaster, das Obama meinen dürfte, 2008 und nicht 2007 war, stimmt vieles von dem, was er moniert. Doch dass sich gerade ein Politiker, dessen Land der Welt mit seiner Casino-Mentalität die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten eingebrockt und selbst gerade das "AAA" verloren hat, zum oberschlauen Zeigefingererheber aufschwingt, mutet befremdlich an. Der mächtigste Mensch der westlichen Welt lässt sich ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl von der erzkonservativen "Tea Party" treiben und verfällt in ärgerlichen Populismus.
Ausgerechnet Obama klagt über Zögern und langwierige Diskussionen bei der Lösung einer Krise. Er hätte ja alles Recht dazu, zumindest ein moralisches, wenn die US-Politik ein glänzendes Beispiel dafür wäre, wie man - zum Schutz vor Wiederholungen - konsequent Lehren aus dem Lehman-Desaster zieht, tief greifende Probleme in Windeseile im breiten politischen Konsens löst und dann auch noch der Konjunktur Flügel verleiht. Doch das ist sie nicht.
Die Reformen zur Eindämmung künftiger Risiken in der Bankenwelt fallen auch in den USA längst nicht so scharf aus wie erhofft. Für die gestrauchelten Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac muss erst noch eine nachhaltige Lösung gefunden werden, damit auf das Multimilliardengrab endlich der Deckel genagelt werden kann. Die US-Notenbank kaufte von Dezember 2008 bis Juni 2011 für 2300 Mrd. Dollar US-Staatsanleihen, um die Wirtschaft zu stützen - ohne durchschlagenden Erfolg.
Die Vereinigten Staaten befinden sich in einer Schuldenstaatskrise. Gemessen an der Wirtschaftsleistung liegt die Verschuldung noch ein paar Prozentpunkte über der der gesamten Euro-Zone. Allen Anschein nach sind die Amerikaner selbst durch den Warnschuss der Ratingagentur Standard & Poor's nicht wach geworden, die den USA die Spitzenbonitätsnote aberkannt hat. Gar keine Frage, das Durcheinander der Europäer ist gewaltig, die erzielten Kompromisse und deren Nachhaltigkeit bieten jede Menge Angriffsfläche für Kritik. Und die Amerikaner? Regierung und Opposition verharren in einem unerträglichen Endlosstreit um Einsparungen und Belastungen für Reiche.
Es gibt keine Nachrichten, wo man das Wort "Obama" nicht vorkommt. Die deutschen sind so USA und Obama-verliebt... Morgen hat man ihm verziehen haben!