Zum ersten Mal sind Foltervorwürfe gegen Palästinenserführer Jassir Arafat aufgetaucht, der Hamas-Mitglieder hat demütigen und misshandeln lassen. Auch damals griff die EU nicht ein. Die Autonomiebehörde bestreitet die Misshandlungen nicht grundsätzlich. Doch sie tut sie als bedauerliche Einzelfälle ab. "Wir sind gegen jegliche Art von Folter", so Adnan al-Damiri, Sprecher der palästinensischen Sicherheitskräfte. "Wir haben klare Befehle, und was passiert ist, sind Einzelfälle."
Doch die Menschenrechtler halten die Einzelfalltheorie für abwegig. "Folter ist eine weitverbreitete Praxis", so Dschabarin von al-Hakk. Internationale Organisationen, darunter Amnesty International und Human Rights Watch, sehen das genauso. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen die "präventiven Sicherheitskräfte" und die Geheimdienste. Die Männer, die mit politischen Häftlingen zu tun haben, werden gezielt "trainiert", so al-Hakk. Zu den Methoden gehören Schlafentzug, Beschimpfungen, Auskühlen, "Schabeh" und "Falaka". "Den meisten Folteropfern wird bei der Entlassung die Warnung mit auf dem Weg gegeben, mit niemandem über die Misshandlungen zu reden", so Dschabarin.
Fahel tut es trotzdem. Er will sich "nicht zum Schweigen bringen lassen". Er lebt in dem kleinen Dorf Kober bei Ramallah, wo der rundliche Vater zweier Töchter einen Imbiss betreibt. Er sagt, er sei lediglich ein "aktives Mitglied" der Hamas, aber nie in einer militärischen Zelle gewesen. Doch er ging in die Moschee, in der Madschid al-Barghuthi predigte. Der Imam starb im Februar 2008 in Haft, angeblich an Herzversagen. Fahel saß genau zu der Zeit im selben Gefängnis. "An einen Herzinfarkt glaubt niemand", sagt er. "Wir haben ihn gesehen, als er zurückgebracht wurde, und ich habe durch ein Loch in der Zellenwand mit ihm gesprochen."
Menschenrechtler Dschabarin prangert nicht nur die Folter selbst an. Er fürchtet auch, dass die Gewalt zwischen den Palästinensern gravierende Folgen haben wird. "Die Konsequenzen sind schlimmer als das, was die Israelis Palästinensern zufügen", sagt er. Man wisse, was man von Feinden zu erwarten habe. Doch die Gewalt unter Palästinensern gehe tiefer und sei zerstörerischer. Sie gefährde die nationalen Ambitionen und rufe einen Teufelskreis an Racheakten hervor. "Wenn wir diese Praxis nicht beenden können, steht unsere Zukunft auf dem Spiel."