Nein, die Männer, die sich am Donnerstag als die neuen Herren Chinas präsentiert haben, sind sehr wahrscheinlich keine großen Reformmotoren für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die sieben Funktionäre, die jetzt im Ständigen Ausschuss des Politbüros sitzen, sind klassische Parteikader. Sie werden alles dafür tun, die Macht der Kommunistischen Partei Chinas zu wahren und zu festigen. Wer auf anderes hofft, wird enttäuscht werden.
Wenngleich nun also nicht die Demokratie über China hereinbrechen wird, ist das Ergebnis des 18. Parteikongresses der KP positiv: Die Führung ist geschlossen, der neue Parteichef Xi Jinping stark. Das ist nicht nur gut für die Volksrepublik. Das ist auch gut für den Rest der Welt, der mit einer schwachen, in Machtkämpfen aufgeriebenen chinesischen Führung größte Schwierigkeiten bekommen hätte - ökonomische wie politische.
Diese Gefahr hat sich nun verringert. Xi wurde nicht nur wie erwartet relativ geschmeidig als Nummer eins der Partei installiert, er hat auch gleichzeitig den wichtigen Vorsitz der Zentralen Militärkommission von seinem Vorgänger Hu Jintao übernommen. Hu ist zwar noch bis März Präsident, spielt aber schon jetzt machtpolitisch kaum mehr eine Rolle. Diese Eindeutigkeit schafft Sicherheit.
Mit klarer Führung und einer schlankeren Struktur - statt vormals neun gibt es nur noch sieben Mitglieder - geht die neue Parteispitze an den Start. Das wird ihr dabei helfen, Lösungen für die riesigen Probleme des Landes auf den Weg zu bringen - seien es Korruption, Umweltzerstörung, Minderheitenkonflikte, soziale Ungleichheit, Überalterung oder schlicht die Frage, wie man einer zunehmend aufmüpfigen Mittelschicht wieder echte Perspektiven aufzeigt.
Deutlich wurde aber auch, dass die neue Führungsriege selbstbewusste Töne an das Ausland sendet. Manche würden auch sagen: nationalistische. Xi jedenfalls will "die große Erneuerung der chinesischen Nation vollbringen", wie er schon in seiner Antrittsrede klarmachte. Das kann man als pathetische Politlyrik abtun. Wahrscheinlich aber formuliert Xi damit einen Anspruch, den er einzulösen gedenkt.
Der Westen muss sich auf ein China einstellen, dessen Macht gewachsen ist und das um diesen Machtzuwachs weiß. Mit einem starken China lässt sich aber immer noch besser umgehen als mit einem schwachen und unberechenbaren - vorausgesetzt, das Land lässt sich in internationale Regelwerke einbinden. Bei deren Formulierung wird Peking künftig noch mehr Mitspracherechte fordern. Wenn Europa ein ernst zu nehmender Verhandlungspartner bleiben will, muss es mit ähnlichem Gewicht auftreten können. Dafür muss Europa zusammenstehen. Der Erfolg Chinas ist auch ein Auftrag an uns selbst.
Wenn ich, weil ich die Maßnahmen der EU-Troika als wirtschaftlichen Wahnsinn empfinde; wenn ich, weil ich die illegale Staatsfinanzierung GRs durch die EZB kritisiere; wenn ich, weil ich den Staatsbankrott mehrerer EU-Länder für vermeidbar halte; wenn ich, weil ich eine Fiat-Währung auf Schuldenbasis für blanke Idiotie halte; und wenn ich, weil ich nicht glaube, dass eine direkte Konkurrenz zwischen der EU und China für wirtschaftlich schlicht unnötig halte, für einen Euro-Skeptiker gehalten werde, dann könnt Ihr mich auch weiterhin gern so nennen.
Aber mir muss mal einer erklären, welchen wirtschaftlichen Sinn es hat, einen freiwilligen Staatenbund wie den der EU mit einem Zentralstaat wie dem Chinas zu vergleichen.
Wie viel Einfluss hatte noch gleich Olympia 2008 auf die Demokratisierung des Reichs der Mitte? Wie viele politische Gefangene sind seitdem auf freien Fuß gesetzt worden? Und wie viele Chinesen konnten während des letzten Parteitags auf google zugreifen?
Die Antwort auf alle drei Fragen lautet Null.
Es sind also sowohl im Artikel als auch in den Kommentaren zwei Fehler enthalten: Erstens wird der Eindruck erweckt, als sei in China eine Demokratisierung DURCH DIE REGIERUNG möglich. Die historische Erfahrung deutet auf das Gegenteil hin.
Zweitens erscheint es, als hätte die EU den Bürgern bisher so viel Gutes gebracht und solle noch viel mehr tun.
Tut mir Leid - noch mehr Outsourcing, noch mehr ungewählte Kommissare, noch mehr Abgabe der Souveränität an die EU, noch mehr Arbeitslose, noch mehr geschlossene Krankenhäuser und Schulen, noch mehr unmotivierte Kriege wie die gegen Irak, Libyen oder jetzt Syrien, als nächstes Iran?
Wenn also Europa so weitermacht wie bisher: Was dann?