Knapp drei Wochen später ist das Szenario Realität, und es klingt genauso absurd, wie das von DSK skizzierte. Ein französischer Ex-Finanzminister, weltweit geachteter Banker, 62 Jahre alt, stürzt sich in seiner New Yorker Hotelsuite splitternackt auf ein Zimmermädchen und versucht, es zu vergewaltigen. Kann das sein?
Der Artikel in "Libération" hat eine Debatte losgetreten, vor allem in Frankreich: Wurde DSK Opfer eines Komplotts? Seine sozialistische Parteifreundin Michèle Sabban ist "von einer internationalen Verschwörung überzeugt". Ex-Ministerin Christine Boutin, eine Christdemokratin, hält es "für wahrscheinlich, dass man ihm eine Falle gestellt hat". Sogar der amtierende konservative Minister Henri de Raincourt sagt, es sei "unmöglich, nicht an eine Falle zu denken".
Verschwörungstheorien haben in Frankreich ein solides Fundament. Zum Beispiel, weil Polizei und Geheimdienste in der Vergangenheit den Regierenden gerne zu Diensten waren - auch mit illegalen Mitteln. Legendär ist die Aktion des französischen Geheimdiensts, der 1985 in Neuseeland das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" versenkte. Das Abhören politischer Gegner und kritischer Medien wie dem Enthüllungsblatt "Canard Enchainé" ist fast schon Tradition. Auch Strauss-Kahn vermutet bei dem Treffen mit Guiral, abgehört zu werden, und zwar auf Anweisung von Innenminister Claude Guéant, Sarkozys Ex-Wahlkampfchef. Dass Sarkozy DSK als Konkurrenten bei der Präsidentschaftswahl fürchtete, liegt auf der Hand. Bis zu seiner Festnahme führte Strauss-Kahn in allen Umfragen.