Die seit Tagen erwartete Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die nördliche Handelsmetropole Aleppo hat begonnen. Unterstützt von Flugzeugen, Helikoptern und schwerer Artillerie rückten im Morgengrauen des Samstags Panzer und Soldaten gegen die Stellungen der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA) vor. Die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London berichteten von schweren Kämpfen im südwestlichen Außenbezirk Salaheddin, einer FSA-Hochburg. In den von den Regimetruppen aufgegebenen Kurdengebieten im Nordosten und Osten Syriens fasst indes die in der Türkei aktive Kurden-Guerilla PKK Fuß.
"Sie setzen alle Arten von Waffen ein, aber unseren Rebellen gelang es, Vorstöße der Regimetruppen gegen Salaheddin und Al-Hamdanija abzuwehren", sagte der FSA-Kommandeur Abu Omar al-Halebi der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Die Aufständischen hätten dabei auch fünf Panzer der Angreifer zerstört, sagte er. Die Informationen lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen, weil die Medien in Syrien nur sehr eingeschränkt arbeiten können.
Gefechte wurden auch aus anderen von der FSA beherrschten Stadtteilen gemeldet. Aus Al-Sukkari flohen die Bewohner nach dem Einschlag von Artilleriegranaten.
Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden in den ersten Stunden der Konfrontation mindestens sieben FSA-Kämpfer, elf Regierungssoldaten und eine nicht näher bekannte Zahl von Zivilisten getötet. Die Beobachter, die ihre Informationen von zahllosen Aktivisten vor Ort erhalten, sprachen von den bisher schwersten Kämpfe seit dem Ausbruch der Revolte gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad im März 2011.
FSA-Kommandos waren vor etwas mehr als einer Woche erstmals in Aleppo eingerückt. Die Millionenstadt und Geschäftsmetropole ist nur 50 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Aufständischen hatten mehrere Stadtbezirke unter ihre Kontrolle gebracht.
Wegen der strategischen Bedeutung der Großstadt liegt dem Regime in Damaskus viel daran, die Rebellen von dort zu vertreiben. In den vergangenen Tagen hatte es Tausende Soldaten aus anderen Landesteilen zusammengezogen und vor Aleppo in Stellung gebracht. Aber auch die FSA verstärkte sich mit zusätzlichen Kämpfern, vor allem aus der Nachbarprovinz Idlib.
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Die Kämpfe in Aleppo strahlen auch auf den benachbarten, ohnehin instabilen Libanon aus. In der nördlichen Küstenstadt Tripoli stießen Anhänger und Gegner des syrischen Regimes zusammen. Bei den Schlägereien, die die ganze Nacht zum Samstag andauerten, wurden nach Polizeiberichten mindestens zwölf Menschen verletzt.
Die in Syrien seit Jahrzehnten unterdrückten Kurden erlangen derweil ungeahnte Freiheiten. Denn unter dem Druck des Aufstands zieht die Führung um Assad Truppen aus dem Kurdengebiet in die Kampfzonen ab. Nach Medienberichten fallen die syrischen Kurden nun teilweise unter den Einfluss der in der benachbarten Türkei aktiven Guerillatruppe der PKK, die von der Türkei als Terrororganisation bekämpft wird.
Verschiedene Kurdenorganisationen hätten sich geeinigt, gemeinsam mit Assad über einen Kurdenstaat in Nordsyrien zu verhandeln. Darunter sei auch die PKK, berichtete das Magazin "Focus". Im Grenzort Al-Kamischli werde eine "Regionalregierung von Nordsyrien-Kurdistan" eingesetzt, sagte der Präsident der syrisch-kurdischen Nationalversammlung, Scherkoh Abbas, dem Blatt.
In Teilen Nordsyriens hat die PKK nach Angaben der syrischen Partei Kurdische Zukunftsbewegung bereits die Kontrolle übernommen. Er befürchte daher Spannungen im syrisch-türkischen Grenzgebiet, sagte Siamend Hajo, Europasprecher der Zukunftsbewegung, im Deutschlandradio Kultur. Kurdische Milizen hätten in einigen Städten die Aufgaben der Sicherheitskräfte übernommen, sagte der in Deutschland lebende Politologe. Die nun in den syrischen Kurdengebieten auftretende PYD-Miliz sei "die syrische Zweigstelle der PKK", sagte er.