Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses und Professor emeritus für politische Ökonomie an der Warwick University.
Der König von Bhutan will alle Menschen glücklicher machen. Regierungen, meint er, sollten danach streben, das Bruttonationalglück ihres Volkes zu maximieren - und nicht das Bruttonationaleinkommen (BNE). Macht das Sinn?
Es ist leicht einzusehen, warum Regierungen weniger Wert auf das Wirtschaftswachstum legen sollten; zumal es sich immer wieder als unzuverlässig erweist. Die Eurozone wird in diesem Jahr voraussichtlich nicht wachsen. Die britische Wirtschaft wird kleiner. Griechenlands Wirtschaft schrumpft seit Jahren. Selbst Chinas Wachstum wird sich voraussichtlich verlangsamen. Warum geben wir das Wachstum also nicht auf und genießen endlich das, was wir bereits haben?
Ohne Zweifel wird sich dieses Streben nach Glück legen, wenn das Wirtschaftswachstum wieder an Fahrt gewinnt. Trotzdem hat sich die Einstellung zum Wachstum tiefgreifender verändert: Es wird in Zukunft als Leitstern weniger wichtig sein wird – vor allem in reichen Ländern.
Der erste Faktor, der das stetige Streben nach immer stärkerem Wachstum abgeschwächt hat, war die Sorge über die fehlende Nachhaltigkeit des Wachstums. Können wir im alten Tempo weiterwachsen, ohne unsere Zukunft zu gefährden?
Als die Menschen in den 1970er Jahren anfingen, über die "natürlichen" Grenzen des Wachstums zu sprechen, meinten sie das drohende Ende der Nahrungsmittelreserven und die nichterneuerbaren Bodenschätze. In jüngster Zeit hat sich die Debatte auf CO2-Emissionen verlagert. Wie bereits im Stern-Report von 2006 hervorgehoben wurde, müssen wir einen Teil unseres Wachstums heute opfern, um sicherzustellen, dass wir morgen nicht alle "verschmoren".
Merkwürdigerweise gibt es immer Tabuthema in dieser Diskussion: das Bevölkerungswachstum. Je weniger Menschen es gibt, desto geringer ist das Risiko, den Planeten zu überhitzen. Doch anstatt den natürlichen Rückgang ihrer Bevölkerung zu akzeptieren, nehmen die Regierungen reicher Länder immer mehr Menschen auf, um Löhne niedrig zu halten und schneller wachsen zu können.
In jüngerer Zeit wurde die Frage nach enttäuschenden Ergebnissen des Wachstums aufgeworfen. Es wird immer deutlicher, dass ein Wirtschaftswachstum unser Wohlbefinden nicht unbedingt steigern kann. Warum sollen wir also so weiter wachsen wie bisher?
Das Fundament für diese Frage wurde schon vor einiger Zeit gelegt. 1974 veröffentlichte der Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin einen berühmten Aufsatz: "Verbessert Wirtschaftswachstum das Los der Menschheit? Einige empirische Beweise". Nachdem Easterlin das Pro-Kopf-Einkommen und die selbst eingeschätzte Zufriedenheit in den Ländern zueinander in Beziehung setzte, kam er zu einer erstaunlichen Schlussfolgerung: Wirtschaftswachstum verbessert das Los wahrscheinlich nicht.
Oberhalb eines eher niedrigen Einkommensniveaus, sagen wir genug, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen, fand Easterlin keine Korrelation zwischen Glück und BNE pro Kopf. Anders ausgedrückt: Das BNE eignet sich schlecht als Maß für die Lebenszufriedenheit.
Diese Erkenntnis verstärkte die Bemühungen, alternative Indizes zu entwickeln. 1972 stellten die beiden Wirtschaftswissenschaftler William Nordhaus und James Tobin ein Maß vor, das sie Net Economic Welfare nannten. Das wird berechnet, indem man "schlechte" Auswirkungen, wie beispielsweise Umweltverschmutzung, vom BNE abzieht und Aktivitäten außerhalb des Marktes, wie Freizeit, hinzurechnet. Sie zeigten, dass eine Gesellschaft mit mehr Freizeit und weniger Arbeit einen ebenso hohen Wohlstand erreichen kann, wie eine Gesellschaft mit mehr Arbeit – und damit einem höheren BNE – und weniger Freizeit.
In letzter Zeit wurde versucht, eine größere Bandbreite an Indikatoren für "Lebensqualität" in die Messwerte einfließen zu lassen. Das Problem ist, dass man die Quantität einer Sache messen kann, nicht aber die Qualität. Wie man diese beiden Betrachtungsweisen zu einem Index der "Lebenszufriedenheit" kombinieren kann, ist eher eine Frage der Moral als der Ökonomie. Daher überrascht es nicht, dass die meisten Wirtschaftswissenschaftler ausschließlich bei ihren quantitativen Maßen für die Berechnung des "Wohlstands" bleiben.
Doch noch eine weitere Erkenntnis beeinflusst langsam aber sicher die aktuelle Debatte über Wachstum: Die arme Bevölkerung eines Landes ist weniger glücklich als die reiche Bevölkerung. Mit anderen Worten: Der Grad an Zufriedenheit wird weniger vom absoluten Einkommen bestimmt als vom Einkommen im Verhältnis zu einer Referenzgruppe. Wir vergleichen unser Schicksal ständig mit dem der anderen und fühlen uns entweder überlegen oder unterlegen, egal wie hoch unser Einkommen ist; Wohlbefinden hängt stärker davon ab, wie die Früchte des Wachstums verteilt sind, als von ihrer absoluten Menge.
Für die Lebenszufriedenheit ist also nicht das Wachstum des Durchschnittseinkommens wichtig, sondern das des mittleren Einkommens. Als Beispiel kann eine Gruppe von zehn Personen dienen, in der der Geschäftsführer pro Jahr 150.000 Euro verdient, die anderen neun Personen, allesamt Arbeiter, jeweils 10.000 Euro. Der Durchschnitt ihrer Einkommen beträgt 25.000 Euro. 90 Prozent verdienen aber je nur 10.000 Euro. Bei dieser Art der Einkommensverteilung wäre es erstaunlich, wenn Wachstum das Wohlbefinden eines typischen Mitarbeiters steigern würde.
Das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen. In den reichen Gesellschaften sind die Durchschnittseinkommen im Laufe der letzten drei Jahrzehnte stetig gestiegen, die typischen Einkommen dagegen stagnierten oder sind teilweise sogar gesunken. Mit anderen Worten hat eine Minderheit – eine sehr kleine Minderheit in Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien – einen Großteil der Gewinne durch Wachstum an sich gerissen. In solchen Fällen sollten wir nicht mehr Wachstum, sondern mehr Gleichheit anstreben.
Denn mehr Gleichheit würde nicht nur dazu führen, dass wir durch mehr Sicherheit und bessere Gesundheit zufriedener werden. Sie würde uns auch mehr Befriedigung verschaffen durch mehr Freizeit, mehr Zeit mit Familie und Freunden, mehr Respekt von Seiten der Mitmenschen und durch mehr Wahlmöglichkeiten, was den eigenen Lebensstil betrifft. Große Ungleichheit lässt unser Verlangen nach Waren stärker werden, weil wir ständig daran erinnert werden, dass wir weniger haben als andere.
Der Philosoph John Stuart Mill vertrat im neunzehnten Jahrhundert eine zivilisiertere Ansicht: "Ich gebe zu, nicht entzückt zu sein vom Ideal des Lebens, das von jenen vertreten wird, die denken […], dass das Treten, Schubsen, Stoßen und Herumtrampeln auf den Füßen der anderen, die das derzeitige gesellschaftliche Leben bestimmen, das wünschenswerteste Los der Menschheit seien. […] Der beste Zustand für die menschliche Natur ist der, in dem niemand arm ist, niemand sich wünscht, reicher zu sein, und niemand Grund hat, sich zu fürchten, dass er durch die Bemühungen anderer, die nach vorn drängen, zurückgeworfen wird."
Dies ist den meisten Wirtschaftswissenschaftlern heute nicht bewusst, dafür aber dem König von Bhutan – oder den vielen Menschen, die die Grenzen des messbaren Wohlstands erkannt haben.
In der Ökonomie und der Wirtschaftspolitik wird unbewußt oder bewußt oft eine vernebelnde Sprache verwendet. So wird aus einer ökonomische K r i s e bagatellisierend eine bloße Rezession oder Wachstumsschwäche. K ü r z u n g e n der Staatsausgaben werden fälschlich als Sparen bezeichnet. Und Wirtschaftswachstum verweist irrig auf biologische Wachstumsprozesse, während es sich doch um K a p i t a l a k k u m u l a t i o n auf Grundlage kapitalisierter P r o f i t e handelt: mit N a t u r hat das überhaupt nichts zu tun.
Und es ist doch sonnenklar, dass die Auswirkung auf die Lebensqualität von der V e r t e i l u n g und von den P r o d u k t i o n s b e d i n g u n g e n (Zeitstruktur, Arbeitsintensität, etc.) abhängig sind. Das ist alles nicht neu, aber es ist dennoch erfreulich, dass Robert Skidelski - zusätzlich mit erinnerndem Verweis auf John Stuart Mill - hier und heute darauf hingewiesen hat; eine Anmerkung, die offenbar an die heutigen Liberalen adressiert ist.