Der deutsche Schriftsteller Günter Grass hat ein in Gedichtform geschriebenes Thesenpapier zum Konflikt zwischen Israel und dem Iran veröffentlicht und empfiehlt der Bundesregierung, keine U-Boote mehr an Israel zu liefern. Die Financial Times Deutschland listet seine wichtigsten Punkte auf und unterzieht sie einem Faktencheck.
"Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden."
Falsch. In dem Konflikt geben sich beide Seiten nicht gerade friedlich. Der Iran unterstützt die Israel-feindlichen Palästinensergruppen Hisbollah und Hamas mit Geld und Waffen. Und Israel steckt wohl hinter der Mordserie an iranischen Nuklearforschern und mit den USA hinter dem Computervirus, das die Zentrifugen in den Atomanlagen des Iran beschädigte.
"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das (...) iranische Volk auslöschen könnte"
Falsch. In Israel wird kein atomarer Erstschlag debattiert, sondern ein gezielter Luftangriff auf die atomaren Produktionsstätten des Iran, die fern von Wohngebieten liegen. Dazu würden bunkerbrechende Bomben eingesetzt, keine atomaren.
"Israels Spezialität" sei, "allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist"
Falsch. Wenn der Iran bereits eine Atombombe hätte, würde kaum debattiert ihn anzugreifen, denn dann wäre das Risiko für Israel viel zu groß. Richtig ist, dass niemand mit 100-prozentiger Sicherheit sagen kann, ob der Iran gerade eine Atombombe baut oder wie weit er damit möglicherweise ist. Dies liegt daran, dass der Iran den Beobachtern der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) keinen freien Zugang ermöglicht. Die IAEA-Experten halten es für wahrscheinlich, dass der Iran eine Bombe bauen will. In ihrem letzten Bericht schrieben sie dieses Jahr, das Land bemühe sich, die Reinheit des von ihm produzierten Urans zu erhöhen. Nahezu reines Uran braucht man jedoch nicht für Atomstrom, sondern für Bomben. Eindeutig bewiesen sind die Absichten des Iran damit nicht.
"Das von einem Maulhelden unterjochte (...) iranische Volk"
Falsch. Grass spielt hier auf den populistischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an. Doch das letzte Wort im Iran hat der oberste geistliche Führer, Ajatollah Ali Chamenei. Iran-Experten gehen davon aus, dass er auch die Entscheidungen über das iranische Atomprogramm trifft. Der Ajatollah herrscht seit 1989 und ist alles andere als ein politisches Leichtgewicht.
"Aus meinem Land soll ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können"
Falsch. Israel hat bereits drei deutsche so genannte Dolphin-U-Boote und wird in den nächsten Jahren noch drei weitere bekommen. Die U-Boote können zu Spionagezwecken eingesetzt werden. Wichtiger ist jedoch, dass sie mit Kurzstreckenraketen ausgestattet sind, die auch atomare Sprengköpfe tragen können. Solche Waffen sind taktische: Sie sollen den Gegner abschrecken, indem sie Zweitschlagskapazitäten garantieren. Wirft der Iran eine Atombombe auf Israel ab, kann Israel mithilfe seiner U-Boote dem Iran noch immer Schaden zufügen. Dass Israel mit seinen U-Booten aus der Straße von Hormus am Persischen Golf einen Angriff ausführt, ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Vom Meer aus dürften die iranischen Atomproduktionsstätten für Israel kaum zu erreichen sein.
"Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestands empfinde ich als belastende Lüge und Zwang (...) das Verdikt ‚Antisemitismus' ist geläufig"
Falsch. Die "Süddeutsche Zeitung" hat Grass für seine ohne Kommentar veröffentlichte Meinung sogar Platz auf zwei Seiten eingeräumt. Von einer Zensur kann daher keine Rede sein. Zutreffend ist allerdings keine der sechs zentralen Thesen.
Fazit Thesenpapiere können danebengehen. Die FTD freut sich auf das nächste Gedicht von Günter Grass.