FTD.de » Politik » International » Das Grass-Gedicht im Faktencheck
Merken   Drucken   07.04.2012, 13:21 Schriftgröße: AAA

Umstrittene Thesen: Das Grass-Gedicht im Faktencheck

Der Schriftsteller hat seine Meinung zum Konflikt zwischen dem Iran und Israel vorgelegt. Er löste damit eine Welle der Entrüstung aus. FTD.de untersuchte die Aussagen des Literaturnobelpreisträgers auf Wahrheitsgehalt.
von Berlin
Das Gedicht des Schrifstellers Günter Grass auf der ...   Das Gedicht des Schrifstellers Günter Grass auf der Feuillton-Seite der "Süddeutschen Zeitung"

Der deutsche Schriftsteller Günter Grass hat ein in Gedichtform geschriebenes Thesenpapier zum Konflikt zwischen Israel und dem Iran veröffentlicht und empfiehlt der Bundesregierung, keine U-Boote mehr an Israel zu liefern. Die Financial Times Deutschland listet seine wichtigsten Punkte auf und unterzieht sie einem Faktencheck.

"Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden."

Falsch. In dem Konflikt geben sich beide Seiten nicht gerade friedlich. Der Iran unterstützt die Israel-feindlichen Palästinensergruppen Hisbollah und Hamas mit Geld und Waffen. Und Israel steckt wohl hinter der Mordserie an iranischen Nuklearforschern und mit den USA hinter dem Computervirus, das die Zentrifugen in den Atomanlagen des Iran beschädigte.

"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das (...) iranische Volk auslöschen könnte"

Falsch. In Israel wird kein atomarer Erstschlag debattiert, sondern ein gezielter Luftangriff auf die atomaren Produktionsstätten des Iran, die fern von Wohngebieten liegen. Dazu würden bunkerbrechende Bomben eingesetzt, keine atomaren.

"Israels Spezialität" sei, "allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist"

Falsch. Wenn der Iran bereits eine Atombombe hätte, würde kaum debattiert ihn anzugreifen, denn dann wäre das Risiko für Israel viel zu groß. Richtig ist, dass niemand mit 100-prozentiger Sicherheit sagen kann, ob der Iran gerade eine Atombombe baut oder wie weit er damit möglicherweise ist. Dies liegt daran, dass der Iran den Beobachtern der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) keinen freien Zugang ermöglicht. Die IAEA-Experten halten es für wahrscheinlich, dass der Iran eine Bombe bauen will. In ihrem letzten Bericht schrieben sie dieses Jahr, das Land bemühe sich, die Reinheit des von ihm produzierten Urans zu erhöhen. Nahezu reines Uran braucht man jedoch nicht für Atomstrom, sondern für Bomben. Eindeutig bewiesen sind die Absichten des Iran damit nicht.

"Das von einem Maulhelden unterjochte (...) iranische Volk"

Falsch. Grass spielt hier auf den populistischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an. Doch das letzte Wort im Iran hat der oberste geistliche Führer, Ajatollah Ali Chamenei. Iran-Experten gehen davon aus, dass er auch die Entscheidungen über das iranische Atomprogramm trifft. Der Ajatollah herrscht seit 1989 und ist alles andere als ein politisches Leichtgewicht.

"Aus meinem Land soll ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können"

Falsch. Israel hat bereits drei deutsche so genannte Dolphin-U-Boote und wird in den nächsten Jahren noch drei weitere bekommen. Die U-Boote können zu Spionagezwecken eingesetzt werden. Wichtiger ist jedoch, dass sie mit Kurzstreckenraketen ausgestattet sind, die auch atomare Sprengköpfe tragen können. Solche Waffen sind taktische: Sie sollen den Gegner abschrecken, indem sie Zweitschlagskapazitäten garantieren. Wirft der Iran eine Atombombe auf Israel ab, kann Israel mithilfe seiner U-Boote dem Iran noch immer Schaden zufügen. Dass Israel mit seinen U-Booten aus der Straße von Hormus am Persischen Golf einen Angriff ausführt, ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Vom Meer aus dürften die iranischen Atomproduktionsstätten für Israel kaum zu erreichen sein.

"Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestands empfinde ich als belastende Lüge und Zwang (...) das Verdikt ‚Antisemitismus' ist geläufig"

Falsch. Die "Süddeutsche Zeitung" hat Grass für seine ohne Kommentar veröffentlichte Meinung sogar Platz auf zwei Seiten eingeräumt. Von einer Zensur kann daher keine Rede sein. Zutreffend ist allerdings keine der sechs zentralen Thesen.

Fazit Thesenpapiere können danebengehen. Die FTD freut sich auf das nächste Gedicht von Günter Grass.

  • FTD.de, 07.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler