Den prallen Optimismus stützte einige Stunden später der Vizepremier. Die Wirtschaft werde in diesem Jahr um vier Prozent wachsen, sagte Ali Babacan, wiederholte damit alte Prognosen und widersprach deutlich pessimistischeren Annahmen des Internationalen Währungsfonds. Der IWF ging zuletzt von einem Wachstum von nur noch rund einem Prozent aus - nach 8,3 Prozent 2011.
Auch im Kleinen verkündeten die Türken Großes. Der türkische Milliardär Ferit Sahenk kündigte Investitionen zwischen 200 und 300 Mio. Dollar in Griechenlands Marinewirtschaft an. Und auch einer anderen notleidenden europäischen Branche will sich der Aufsichtsratschef des Mischkonzerns Dogus annehmen. Er plane, in Osteuropa Anteile an Banken zu übernehmen, sagte er in Davos.
EU-Minister Bagis hatte eine Begründung für die neue Stärke seines Landes und schlug der EU vor, aus den türkischen Erfahrungen zu lernen. Im Grunde sei es ganz einfach gewesen: Die Türkei habe sich zuerst einer politischen Reform unterzogen, angestoßen durch die EU, um irgendwann einmal Beitrittsverhandlungen starten zu können.
Danach habe der IWF sein Land zu ökonomischen Reformen gezwungen. Das sei hart gewesen, aber auch kein Drama. "Ihr hattet härtere Zeiten, wir hatten härtere Zeiten", sagte er. "Europa ist immer noch der beste Ort auf der Welt. Und deswegen will mein Land auch weiter beitreten." Was Bagis verschwieg: Eine rechte Not verspürt Istanbul inzwischen nicht mehr. Der Mitgliedsantrag ist zwar weiterhin aktiv, sein Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verfolgt ihn aber nur noch halbherzig.