Finanztransaktionssteuer:Steuerflucht nach London ist nicht so einfach
Was wird besteuert, wer muss zahlen, wie viel würde der Fiskus verdienen? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur geplanten Finanztransaktionssteuer.
von Jens TartlerBerlin
und Mark SchrörsKopenhagen
Die Finanztransaktionsteuer sorgt für Ärger - sowohl zwischen den EU-Staaten, aber vor allem auch in Deutschland zwischen Union und FDP. Wie der politische Streit ausgeht, ist derzeit völlig unklar. Die wichtigsten Sachfragen klärt die FTD.
Am stärksten setzt sich Frankreich dafür ein. Die französische Regierung wäre sogar bereit, die Finanztransaktionsteuer im Alleingang einzuführen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist aber mittlerweile damit einverstanden, die Steuer auf die Euro-Zone zu begrenzen. Zuvor hatte sie eine Einführung in der gesamten EU mit ihren 27 Staaten gefordert. Österreich tendiert zur Position Frankreichs und Deutschlands. Vor allem Großbritannien, das um den Finanzstandort London fürchtet, ist strikt dagegen. Unterstützung bekommt Großbritannien von Schweden und Irland.
Die dänische Regierung ist skeptisch gegenüber einem europäischen Alleingang. Nötig sei eine weltweite Lösung, sagte die dänische Wirtschaftsministerin Margrethe Vestager am Dienstag in Kopenhagen. Sie verwies darauf, dass die EU-Kommission selbst davon ausgehe, dass eine solche Steuer in Europa rund 1,7 Prozent Wachstum und einige Hunderttausend Jobs kosten werde. Das stehe im Widerspruch zum Ziel der EU, Jobs zu schaffen. Der aktuelle Vorschlag der Kommission sei nicht akzeptabel. Premierministerin Helle Thorning-Schmidt sagte, Dänemark habe "keine ideologischen Bedenken" gegen eine solche Steuer, es sei aber schwierig, sie so zu gestalten, dass sie die EU-Wirtschaft nicht belaste.
Nach dem Konzept der EU-Kommission sollen Käufe von Aktien und Anleihen mit einem Mindestsatz von 0,1 Prozent belastet werden. Für Derivate soll ein Steuersatz von 0,01 Prozent gelten. Die deutsche Regierung ist dafür, auch die sogenannten OTC-Produkte (over the counter) zu erfassen, die nicht an der Börse gehandelt werden.
Sie würde nicht von den Börsen gezahlt, sondern von Banken, Versicherungen oder Fonds, die mit Wertpapieren handeln. Die Banken führen als Argument gegen die Steuer an, dass sie die Belastung ihren Kunden in Rechnung stellen würden. Letztlich würde die Politik also nicht die Geldhäuser treffen, sondern die normalen Anleger. Das ist richtig, wenn die Bank oder der Fonds für die Kunden handelt. Experten wie Stephan Schulmeister vom Wifo-Institut in Wien halten es auch für sinnvoll, dass hier die Kunden belastet werden. Ein großer Teil des Wertpapierhandels der Banken entfällt aber auf den Eigenhandel. Dabei arbeiten die Banken nicht im Namen der Kunden, sondern auf eigene Rechnung. Da im Eigenhandel häufiger ge- und verkauft wird, wäre hier die relative Steuerbelastung höher als bei Kundengeschäften.
Die EU-Kommission rechnet mit Einnahmen von rund 57 Mrd. Euro pro Jahr in der EU. Allein für die Euro-Zone wäre das Steueraufkommen deutlich niedriger, genaue Schätzungen liegen aber noch nicht vor.
Das ist die entscheidende Frage, und sie ist sehr umstritten. Die deutschen Banken und die FDP behaupten, dass bei der Einführung der Steuer noch mehr Umsätze von Paris oder Frankfurt nach London abwandern würden. Die CDU hält mit dem sogenannten Sitzlandprinzip dagegen. Ihr Bundestagsfraktionsvize und Finanzexperte, Michael Meister, sagt, entscheidend sei, dass die Steuer nicht vom Ort des Handels abhängig sein werde, sondern vom Steuersitz. Im Klartext: Eine deutsche Bank oder ein deutscher Privatanleger, der ein Geschäft über die Londoner Börse abwickelt, muss trotzdem in Deutschland die Transaktionssteuer zahlen, wenn er dort gemeldet ist. Die FDP lässt sich davon aber nicht überzeugen. Ihre Finanzexperten wie Volker Wissing oder Otto Fricke sagen, der steuerliche Informationsaustausch in Europa funktioniere nicht so gut wie von der CDU dargestellt.
Der Finanzdistrikt in London
Ökonom Schulmeister verweist jedoch darauf, dass nach EU-Richtlinien alle Steuerbehörden in Europa anderen Ländern Auskunft geben müssen. Alle elektronischen Geldtransfers ließen sich über das Swift-System zurückverfolgen. Auch die Eigentumsverhältnisse von Tochtergesellschaften zum Beispiel in Großbritannien ließen sich nicht verheimlichen. Wer also über London der Transaktionssteuer entgehen wolle, habe ein großes Entdeckungsrisiko. "Das macht den britischen Premier David Cameron ganz nervös", so Schulmeister.
Experten wie Schulmeister sagen: Ja. Vor allem der Hochfrequenzhandel wäre betroffen. Diese Geschäfte in Sekundenbruchteilen würden unattraktiver. Sie machen bei der Deutschen Börse fast 40 Prozent des Handels aus.
Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr
Die Bundeskanzlerin lehnt Eurobonds kategorisch ab. Vielleicht könnte sie den Plänen zu einer europäischen Einlagensicherung eher zustimmen? Das Vertrauen in die Banken würde steigen. mehr
Die Idee einer Wiedereinführung der Vermögensteuer mag populär sein, klug ist sie jedoch nicht. Denn der bürokratische Auffwand ist unabsehbar. Lohnenswerter wäre eine Reform der Erbschaftsteuer. mehr
Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?
An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?
Aus Sicherheitsgründen möchten wir Ihre E-Mail-Adresse bestätigen.
Klicken Sie bitte dazu den Aktivierungs-Link, den wir Ihnen
gerade per E-Mail an zugesendet haben.
Die staatliche Unterstützung für Eltern kleiner Kinder wird zum Haushaltsrisiko: Neben der Herdprämie soll es auch mehr Geld für Kitas geben. Nicht nur in der FDP regt sich Widerstand. mehr
Viele meinen, ein Austritt der Griechen aus der Währungsunion sei ein beherrschbares Problem. Das könnte sich als verheerende Fehleinschätzung erweisen. mehr
Das hochverschuldete Japan leidet unter der schwachen Nachfrage nach Staatsanleihen. Daher zieht Tokio nun alle Register: Singende Teenager in Miniröcken und Schuluniformen sollen das Geschäft beleben. mehr
Der Konsum der Spanier ist schon lange im Sinkflug - so heftig wie im April fiel das Minus aber noch nie aus. Das Land verdaut die Folge der Immobilienblase und sorgt sich um die Zukunft des Bankensektors. mehr
Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions
AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!