Regis Fitchner wusste, dass es Ärger geben würde. Als der Staatssekretär des Bundesstaates Rio de Janeiro Mitte November die Privatisierungspläne für das legendäre Maracanã-Stadion vorstellte, nahm er einen Regenschirm zu der öffentlichen Anhörung mit. Den brauchte er auch: Fäkalien und Müll gingen auf den Bürokraten nieder, außerdem Dutzende Fußbälle. "Maracanã gehört uns", schrie die Menge aus Fußballfans, Kindern in Schuluniformen und Indios mit Kriegsbemalung.
In einem Land, in dem Fußball die nationale Religion ist, gilt die Privatisierung von Stadien als Sakrileg. Trotzdem will die Regierung zwölf Sportstätten, in denen die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 ausgetragen werden, an private Betreiber übertragen. "Es wäre schwer für den Staat, ein modernes Stadion wie dieses zu managen", sagte Fitchner. "Das Maracanã-Stadion muss den gleichen Standards genügen wie andere internationale Stadien." Im Klartext: Die Fifa hat Brasilien knallharte Auflagen gemacht, von denen die bestehenden Stadien des Landes weit entfernt sind. Um das nötige Know-how dafür sicherzustellen, werden die WM-Stätten gemeinsam mit privaten Betreibern neu errichtet oder bestehende Stadien umgebaut - obwohl mehr als 90 Prozent der Kosten vom Staat getragen werden.
Besonders groß ist die Empörung darüber beim sagenumwobenen Maracanã, in dem das Land bei der WM 1950 ein nationales Trauma erlebte, als Uruguay Brasilien elf Minuten vor Schluss den sicher geglaubten Titel entriss. In zwei Jahren soll hier wieder das Endspiel der Fußball-WM ausgetragen werden. Und 2016 sollen hier die Eröffnungs- und die Schlussfeier der Olympischen Spiele stattfinden. Dem Umbau sollen eine renommierte staatliche Schule und ein ehemaliges Indio-Museum zum Opfer fallen. Wegen der Schule, die vielen Slumkids zum Aufstieg verholfen hat, laufen die Schüler Sturm, und in dem Museum haben obdachlose Indios Unterschlupf gefunden, die jetzt gegen ihre Verdrängung protestieren.
Vor allem aber werfen Kritiker der Regierung vor, die Stadien viel zu billig zu verscherbeln. Beispiel Maracanã: Nachdem Brasília Fußballklubs als Bieter ausgeschlossen hat - und sich damit gegen ein Finanzierungsmodell entschieden hat, das in vielen Stadien Europas praktiziert wird - gibt es derzeit nur noch einen Interessenten: Brasiliens superreichen Unternehmer Eike Batista, der mit dem US-Sportvermarkter IMG Worldwide ein Joint Venture gebildet hat.
In den vergangenen zehn Jahren habe der Steuerzahler umgerechnet mehr als 370 Mio. Euro in das Stadion gesteckt, sagt Chris Gaffney, Professor für Urbanistik, der sich auf Sportstätten spezialisiert hat. Der künftige Betreiber soll für die 35-jährige Konzession 2,7 Mio. Euro pro Jahr zahlen und eine Anfangsinvestition zur Fertigstellung der Umbauarbeiten in Höhe von rund 175 Mio. Euro leisten - viel zu wenig, findet Gaffney. Er kritisiert zudem, dass die kostspieligen Fifa-Auflagen dazu führen, dass statt der in Brasilien üblichen Stehplätze nun teure Logen für Promibesucher in die Stadien eingebaut werden. "In Brasilien hat es Tradition, dass die Stadien staatlich, die Ticketpreise und Betriebskosten gering sind - aber dass ein großes Spiel geboten wird. Dieses Spiel wird jetzt korrumpiert." Auch Amir Somoggi, ein Berater für Sportmarketing in São Paulo, hält es für einen Fehler, die Vereine als Bieter auszuschließen. Erst durch eine Vermarktung der Klubnamen werde der Betrieb der Stadien profitabel.
Mindestens vier der zwölf WM-Stadien hält Somoggi schon jetzt für Millionengräber. So könnte es Brasília oder Manaus am Ende wie Kapstadt ergehen: Dort gab der Betreiber die Konzession nach Prüfung der Kosten zurück. Die Rechnung zahlten die Steuerzahler.