Kopf des Tages:Paul van Son - In die Wüste geschickt
Kaum jemand in Deutschland kannte bisher Paul van Son. Das ändert sich nun auf einen Schlag. Der 56-jährige Niederländer wird Chef des ebenso spektakulären wie umstrittenen Wüstenstromprojekts Desertec.
von Michael Gassmann
Wo Paul van Son auftaucht, passiert meistens etwas Neues, und immer hat es mit Energie zu tun. Vor zehn Jahren gründete er das europäische Energiehändlernetz Efet; damals konnte von einem europäischen Energiehandel kaum die Rede sein. 2003 startete er für den niederländischen Stromkonzern Essent den Aufbau seiner deutschen Aktivitäten. Wenig später rief er Energy4All ins Leben - eine Stiftung, die Afrikanern mit dezentralen Stromquellen den Zugang zum Internet ermöglichen will.
Das alles ist gar nichts gegen seine jetzige Mission. Als erster Vorstandschef des Wüstenstromprojekts Desertec soll er die kühne Idee umsetzen, Energie für europäische Industriestaaten zentral und in großen Mengen in einer der ärmsten Regionen der Welt zu erzeugen. Am Freitag wird das Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.
Paul van Son, Geschaeftsfuehrer der Deutsche Essent GmbH
Van Sons Job hat es in sich. Der 56-jährige Energiemanager hat denn auch gehörig Respekt. "Mich reizt die historische Chance des Projekts", sagte van Son der FTD. Desertec verbinde erstmals die Idee einer nachhaltigen Energieerzeugung mit der Chance, die Lebensumstände im Nahen Osten und Nordafrikas zu verbessern.
In einem ersten Schritt soll die Desertec-Planungsgesellschaft unter der Regie van Sons in den kommenden drei Jahren einen Businessplan entwerfen. Dann muss entschieden werden, ob und wie das auf vier Jahrzehnte angelegte 400-Milliarden-Projekt machbar ist. Dass es dabei zwischen den zwei Dutzend beteiligten Großkonzernen unterschiedlichster Couleur wie Deutsche Bank, Munich Re, RWE oder Eon ebenso zu Rangeleien kommen dürfte wie zwischen den beteiligten Staaten, gilt als ausgemachte Sache.
Wegbegleiter zweifeln nicht daran, dass van Son die auseinanderstrebenden Interessen befrieden kann. "Er ist als typischer Niederländer geprägt vom Poldermodell", sagt Jörg Spicker, der als deutscher Vertreter jahrelang mit van Son bei Efet zusammengearbeitet hat. Das Poldermodell steht für die Grundhaltung vieler Niederländer, dass Projekte am besten im Konsens aller Gruppen angegangen werden, ohne allerdings die Interessenunterschiede zu verwischen.
Dass Neuanfänge riskant sein können, weiß van Son. Erst im Mai 2009 ging das Energieunternehmen Econcern pleite, in dessen Geschäftsführung er kurz zuvor eingestiegen war. "Das hat er persönlich als Schlag erlebt", sagt ein Kollege.
Für den an der Uni Delft ausgebildeten Elektroingenieur mit dem grauen Vollbart ist der neue Job wie eine Synthese seines Berufslebens, in dem es immer um Netze, Nachhaltigkeit und Strukturen ging. Und um Neubeginn. "Meine Frau und ich werden nach München umziehen, ohne Illusion, dass ich dort viel zu Hause sein werde", sagt er. Aber er sei bester Gesundheit und akzeptiere das viele Reisen. Und die Kinder seien ohnehin längst aus dem Haus.
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