Für einen Moment könnte man glauben, man sei tatsächlich in Italien. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, es gibt Pizza und Wein aus der Toskana, und dann erfüllt dieses Heulen und Grollen die Luft. Ein Sound, wie er nur aus dem Motor eines Alfa Romeo kommen kann. Ein feuerroter GTA mit einer weißen Nummer auf der Haube macht da auf sich aufmerksam, direkt dahinter ein GTV 2000 Iniezione, Baujahr 1975. Und schließlich: ein Spider von 1967. Der schönste Alfa aller Zeiten.
Finden zumindest die Mitglieder der Nordwest-Abteilung des Alfa-Romeo-Klubs, die jedes Jahr zum Pacific Racetrack nach Kent im Bundesstaat Washington kommen, um ihre italienischen Autos zu feiern. 3700 Fans machen mit beim Alfa-Klub USA. In den besten Jahren waren es mal 5600, aber diese Zeiten sind lang vorbei. Seit sich der italienische Autobauer 1995 aus Amerika zurückgezogen hat, gibt es dort keine Alfas mehr zu kaufen. Auch der Import neuer Fahrzeuge aus Italien ist verboten. "Wer heute einen Alfa aus Europa in die USA bringen will, muss ein Fahrzeug kaufen, das mindestens 25 Jahre alt ist", sagt Vereinspräsident Dave Hammond. "Für uns Alfa-Fans ist das frustrierend." Seit Jahren schon höre man, Eigentümer Fiat wolle mit Alfa zurück in die USA. "Aber bislang", sagt Hammond mit einem traurigen Ton in der Stimme, "waren das immer nur Ankündigungen."
Bald könnten die Alfa-Fans erlöst werden von ihrem Leid. Fiat -Chef Sergio Marchionne plant für das kommende Jahr die "Gran Ritorno", die große Rückkehr von Alfa Romeo in die Vereinigten Staaten. Mit dem Coupé 4C, das auf der Plattform der Sportwagenschmiede Maserati gebaut wird, will er den BMW Z4, den Mercedes SLK und den Porsche Boxster angreifen.
Erste technische Daten für das Coupé gibt es schon: Eine federleichte Karosserie wird es haben, einen Mittelmotor mit vier Zylindern und 296 PS. Ein Jahr später soll der Giulia folgen, ein eleganter Kombi aus der Feder des Chefdesigners Lorenzo Ramaciotti. Die Krönung könnte die Wiedergeburt des Spider Duetto werden, mit dem Dustin Hoffman im Film "Die Reifeprüfung" über die Straßen von San Francisco bretterte. Der neue Spider soll mit dem japanischen Autohersteller Mazda gebaut werden - und sich die Plattform mit dem MX-5 teilen.
"Back to Alfa" heißt der Plan, den Marchionne mit seinem Alfa-Chef, dem Deutschen Harald Wester, ausgeheckt hat. Und dieser Plan sieht ungefähr so aus: mehr Modelle, internationaler Vertrieb über das Fiat-Chrysler-Netz und günstige Finanzierungen für die Kunden. Künftig soll Alfa Romeo rund 80 Prozent der gesamten Pkw-Palette abdecken, vom flotten Zweisitzer bis zur Geländelimousine.
Den USA kommt dabei die entscheidende Rolle zu. Über die Fiat-Händler sollen die Alfas in den Markt gedrückt werden. Wenn die Amerikaner zugreifen, ist als Nächstes Asien an der Reihe. Auch mithilfe von Chrysler soll Alfa Romeo dort neues Terrain erschließen, dazu soll es Vertriebskooperationen mit lokalen Partnern geben. "Nach den USA ist China die nächste Etappe beim Comeback von Alfa Romeo", sagt Marchionne. Seine Ziele sind ambitioniert. Die Verkäufe sollen von derzeit 130.000 bis 150.000 auf bis zu 500.000 im Jahr 2014 gesteigert werden.
| Ein Mann, ein Plan |
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| Fiat-Chef Sergio Marchionne will mit neuen Alfa-Romeo-Modellen erst den amerikanischen, dann den chinesischen Markt erobern. |
| Die Hoffnungen ruhen auf dem Alfa Romeo 4c. Er soll im nächsten Jahr den Flitzern von BMW, Mercedes und Porsche Konkurrenz machen. |
Für Marchionne und den Fiat-Konzern steht viel auf dem Spiel. Dem Italokanadier gelang es seit seinem Amtsantritt 2004 zwar, den italienischen Autobauer vor der Pleite zu bewahren und mit der Übernahme von Chrysler zu stabilisieren. Das dürften auch die Quartalsergebnisse zeigen, die das Unternehmen am Dienstag vorlegen wird. Doch wirklich wettbewerbsfähig gegen die Konkurrenz von Volkswagen, BMW und Mercedes ist Fiat nicht. Alfa Romeo ist neben dem Geländewagenhersteller Jeep die einzige globale Marke im Konzern, die auch im Premiumsegment bestehen könnte. Stellt es Marchionne richtig an, könnte Alfa Romeo das werden, was Audi für Volkswagen ist: die Gewinnquelle, die den Massenmarken auch technologisch zugutekommt. Alfa Romeo wäre eine Art Überlebensgarantie in wirtschaftlich schlechten Zeiten, in denen Massenhersteller besonders leiden.
Missglückt das Alfa-Romeo-Comeback, wären die Gewinnziele der gesamten Fiat-Gruppe in Gefahr. Und auch für Marchionne könnte es dann eng werden. "Alfa Romeo ist seine Achillesferse", sagt Giorgio Airaudo, Sprecher für den Automobilsektor der mächtigen Gewerkschaft Fiom-Cgil. Während seiner acht Jahre an der Spitze sei Marchionne nicht viel gelungen. Der Fiat-Chef sei fehlbarer, als viele meinten. "Er ist gut im Marketing. Er versteht viel von Zahlen. Aber in Sachen Produkte ist er nicht so stark", sagt Airaudo. In anderen Worten: Marchionne würde mit einer Bruchlandung Kritikern wie Airaudo recht geben, die ihn zwar für einen fähigen Finanzfachmann halten, aber eben für keinen "Car Guy" vom Kaliber eines Ferdinand Piëch.
Eigentlich dürfte es nicht schwerfallen, Alfa Romeo wieder wachzuküssen. Die Marke ist und bleibt ein Mythos, "una bomba", wie es ein italienischer Automanager ausdrückt. In den 20er-Jahren setzen die Italiener Maßstabe in Technik und Design. Die Wagen im Farbton Rosso Alfa rasten von Rennsieg zu Rennsieg, nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Alfa-Piloten zu den ersten Formel-1-Siegern. Serienmodelle wie Giulietta, Giulia oder eben der Spider bescherten dem Unternehmen in den 50er- und 60er-Jahren Weltruhm.
Auch in Deutschland genoss Alfa einen exzellenten Ruf. Noch 1972 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eine Umfrage unter Besitzern des Alfa Romeo Giulia Super. "Wer in Deutschland eine kompakte Sportlimousine hoher Leistung fahren möchte, muss sich in erster Linie zwischen Alfa Romeo und BMW entscheiden", stand dort geschrieben. Das Modell Giulia wurde als "heimliche Liebe der Deutschen" gefeiert, ein Ingenieur versprach sich von dem Auto "Flair ohne Angabe, Fahrsicherheit, Therapie gegen das Altwerden".
1986 schob die italienische Regierung Alfa Romeo in Richtung Fiat, um eine Übernahme durch Ford zu verhindern. Doch der Konzern aus Turin verstand es nicht, mit der Edelmarke etwas Sinnvolles anzufangen. Mal stimmten die Modelle nicht, mal fehlte das Geld. Und nach dem Zwischenhoch 2001, als der keilförmige Alfa 156 für Furore sorgte, ging es stetig bergab. Mit dem Mito, dem Giulietta und dem in die Jahre gekommenen 159er bieten die Italiener gerade mal drei Modellreihen an. BMW kommt allein auf fünf Baureihen, vier Geländewagenmodelle und einen Sportwagen.
Das Lager der Skeptiker ist deshalb groß. In der amerikanischen Autoszene gilt die Ankündigung "Alfa Romeo kommt zurück" seit Jahren als Dauerwitz. Viele können sich noch gut an den wenig ehrvollen Rückzug erinnern. Die Italiener sagten 1995 Ciao, weil der Absatz stotterte, die Qualität ihrer Autos nicht stimmte und sie überhaupt in den falschen Segmenten vertreten waren.
Marchionne weiß das - und will deshalb nichts falsch machen. Das Alfa-Comeback verschob er um zwei Jahre, weil ihm die Modelle nicht gefielen. In Italien traut man Marchionnes Zukunftsplan trotzdem nicht so recht. Besonders herablassend äußert sich Giorgetto Giugiaro. Der 73-jährige Industriedesigner erschuf den Lotus Esprit, den Fiat Punto und den VW Golf I. Sein Unternehmen Italdesign verkaufte er an Volkswagen. Marchionne wolle Alfa "nur in der Schwebe" halten, also gerade einmal so viel investieren wie unbedingt nötig. Alfa Romeo aber zu verkaufen, dazu seien die Turiner nicht bereit. "Fiat", sagt Designer Giugiaro, "steht der eigene Stolz im Weg."
Dabei wäre es das Beste, die Marke abzugeben an jemanden, der mit ihr etwas anzufangen wüsste - zum Beispiel an Volkswagen, glaubt Giugiaro. Die Wolfsburger haben mit Marken wie Ducati, Lamborghini und dem Designstudio Italdesign Giugiaro eine ganze Italien-Abteilung eröffnet. VW-Patriarch Piëch gilt als großer Alfa-Fan. Während des Pariser Autosalons vor zwei Jahren hatte der Aufsichtsratsvorsitzende sein Interesse noch einmal unterstrichen. "Wir sind geduldig, wir können warten", sagte er da. Fiat geht es noch zu gut."
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Selbst wenn Marchionne den Geschmack der Amerikaner treffen sollte - ein durchschlagender Erfolg ist ungewiss. "Die Positionen sind alle besetzt", sagt ein ehemaliger Alfa-Insider. Konkurrenten wie BMW seien mit Modellen wie dem X1 erfolgreich in Nischen vorgedrungen, viel Platz für Alfa Romeo bleibe da nicht. Die Alfa-Offensive halte er nur für eine "Sortimentserweiterung", sagt der frühere Topmanager. Alfa wäre danach ein etwas besser ausgestatteter Fiat. Aber immerhin - die Kooperation mit Mazda bei dem Sportwagen Spider sei eine Chance, "Emotionen zurückzubringen".
Ob es reicht, nur den Mythos wiederzubeleben? Nein, glaubt ein anderer Automanager. Als Vorbild für ein gelungenes Revival nennt er Mini. BMW habe die positiven Eigenschaften des Autos wie dessen Klassenlosigkeit und Sportlichkeit mit neuen Merkmalen erweitert - beispielsweise mit höherer Qualität.
Alfa-Klub-Präsident Hammond jedenfalls kann die Rückkehr seiner Lieblingsmarke kaum erwarten. "Der Alfa Spider hat einen einmaligen Stil", schwärmt Hammond. "Er liegt perfekt auf der Straße und hat eine Menge Kraft unter der Haube. Ein Auto für die Ewigkeit." Er glaubt an Marchionne - und dessen Plan. Dass die Alfas in den USA mit der Schwestermarke Fiat unter einem Dach verkauft werden sollen, ist kein Problem für ihn. "Fiat ist eine Marke für junge Einsteiger", sagt er. "Und wenn die zu Geld kommen, können sie direkt zu Alfa Romeo wechseln."