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  Aufschwung im Vergleich FTD-Serie: Das Erholungsrennen

Das Schlimmste scheint überstanden, in den meisten Industrieländern ist die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs. Doch die Erholung verläuft nicht überall gleich. FTD.de beleuchtet die unterschiedlichen Wege aus der Krise.

Merken   Drucken   05.08.2010, 12:28 Schriftgröße: AAA

Das Erholungsrennen: Welche Branchen brummen

Nach der Finanzkrise geht es wieder kräftig bergauf. Doch die Konzerne bleiben angesichts hoher Staatsverschuldungen und klammer Verbraucher skeptisch. FTD.de zeigt, wen der Aufschwung erfasst hat - und wer noch hinterher hinkt.
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Nach der Finanzkrise geht es wieder kräftig bergauf. Doch die Konzerne bleiben angesichts hoher Staatsverschuldungen und klammer Verbraucher skeptisch. FTD.de zeigt, wen der Aufschwung erfasst hat - und wer noch hinterher hinkt. von Gregor Haake 
Kaum jemand hatte der Weltwirtschaft diesen ransanten Aufschwung zugetraut. Nach einem Horrorjahr 2009 haben viele Branchen schon fast wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Vor allem Autobauer, chemische Industrie und Luftfahrtbranche erleben ein Comeback. Getragen wird die Erholung in erster Linie von der starken Nachfrage aus den Schwellenländern und den besser laufenden USA.
Der Aufschwung scheint robust, doch viele Unternehmen bleiben skeptisch - zu bitter sind die Erfahrungen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Konzerne verunsichert vor allem die hohe Verschuldung vieler Staaten und die Angst davor, dass die Verbraucher als Reaktion auf die Krise ihr Geld zusammen halten.
Bei den Flugzeugherstellern ist der Nachfragetiefpunkt überwunden. Von den Rekordbestellungen der Jahre 2006 bis 2008 ist die Branche aber noch weit entfernt. Die beiden großen Konzerne Airbus und Boeing  haben nach der Luftfahrtmesse in Farnborough im Juli ihre Prognosen für die erwarteten Bestellungen 2010 nach oben korrigiert. Bei Airbus von gut 250 auf über 400 Flugzeuge. Boeing nennt traditionell keine Absatzziele.
Kursinformationen und Charts
  Boeing 69,39 USD  [-1.01 -1,43%
  Lufthansa 8,535 EUR  [-0.141 -1,63%
Trotzdem bleibt der Auftragseingang unter der Zahl der Auslieferungen. Airbus will in diesem Jahr rund 500 Flugzeuge produzieren. Weil beide Hersteller einen riesigen Auftragsberg vor sich herschieben, beschlossen sie - mit dem Rückenwind der wieder anspringenden Branchenkonjunktur - jüngst einen Ausbau der Produktion. Die Europäer etwa werden die monatliche Produktion von 34 Maschinen schrittweise auf 40 bis Anfang 2012 steigern.
Wachstumstreiber für die Branche sind vor allem Fluggesellschaften aus Asien und dem Nahen Osten. Zudem sorgt die Beruhigung auf den Finanzmärkten dafür, dass Leasinggesellschaften wieder als Großeinkäufer tätig werden. Nach dem Anspringen des Marktes in diesem Jahr erwartet Boeing 2011 eine breite Erholung. Airbus-Verkaufsvorstand John Leahy sagte kürzlich, der Markt bewege sich an der oberen Grenze der erhofften Belebung: "Wir sehen eindeutig einen nachhaltigen Aufschwung."
Auch dei den Fluggesellschaften wie der Lufthansa  zieht die Nachfrage bei Passagieren und Fracht stark an. Allerdings hinkt Europa hinter allen anderen Regionen her - das Wachstum etwa im Nahen Osten ist viel größer. Unklar ist der Trend in Bezug auf die Preise, die die Airlines durchsetzen können. Auf der Langstrecke, speziell im Premiumsegment, ziehen sie wieder an. Im innerdeutschen und europäischen Verkehr bleibt der Wettbewerb hart.
Hohe Nachfrage aus dem produzierenden Gewerbe und anziehende Preise verhelfen der Chemiebranche zu einem in dem Maße unerwarteten Aufschwung. Selbst Weltmarktführer BASF  staunt über die eigene Stärke. Man habe zwar auch in der Rezession an den Erfolg geglaubt, sagte Finanzchef Kurt Bock. "Trotzdem erstaunt uns die Dynamik der Entwicklung, die die BASF seitdem genommen hat."
Der deutsche Konzern gilt wegen seiner Größe und der breiten Produktpalette als Gradmesser für die Geschäftslage der gesamten Branche. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um fast ein Drittel zum Vorjahreszeitraum. Dabei wird der Umsatzzuwachs sowohl von hohen Absatzmengen als auch von deutlich anziehenden Preisen getragen. Die verkauften Mengen legten gegenüber dem Vorjahresquartal um 14 Prozent zu, die Preise um ungewöhnliche neun Prozent.
Auch die Mischkonzerne Merck  und Bayer  mit ihren jeweiligen Chemieparten sowie der Gasekonzern Linde meldeten jüngst gute Zahlen. Der Erholung findet auf breiter Front und weltweit statt. Gute Zahlen meldeten beispielsweise auch Solvay  aus Belgien und Kemira aus Finnland, Dupont  und Celanese  in den USA.
Das Zahlenwerk ist indes eine Momentaufnahme. Der Branchenverband VCI prognostiziert für Deutschland nachlassende Wachstumsraten - was schon am statistischen Basiseffekt liegt. Im Krisenjahr 2009 fielen das dritte und vierte Quartal deutlich besser aus als die ersten beiden. Zu berücksichtigen ist als Sondereffekt auch, dass die Kunden der chemischen Industrie zuletzt ihre in der Krise geleerten Lager wiederauffüllten. BASF mahnt, nicht übermütig zu werden. Den Konzern sorgen die weltweit hohen Staatsverschuldungen, das Ende staatlicher Konjunkturprogramme sowie Überkapazitäten.
Die europäische Logistikbranche profitiert enorm vom Aufschwung der Weltwirtschaft. Derzeit werden so große Mengen transportiert wie nie zuvor. Allerdings gelingt es den Unternehmen nicht, die gestiegenen Transportkosten voll an die Kunden weiterzugeben - die Margen sind damit deutlich niedriger als vor der Krise. Die Branche ist beim Blick auf die nächsten Monate vorsichtig. Die Unternehmen erwarten, dass das Mengenwachstum abnimmt und haben Angst, dass die unsichere Finanzlage in einigen Ländern und das Ende der Konjunkturpakete der Weltwirtschaft einen Schlag versetzt.
Nach dem Ende der Wirtschaftskrise begeistern sich die Kunden wieder für teurere Mode, Uhren oder Schmuck. Die Nachfrage nach Luxusartikeln zieht an, weil viele Händler ihre Regale wieder aufstocken und Käufer in China großen Wert auf Markenware legen. Der französische Luxushersteller Hermès etwa verzeichnete in den vergangenen sechs Monaten ein Kursplus von 31 Prozent, die Aktien der britischen Firma Burberry legten um 37 Prozent zu. Dennoch halten sich viele Manager mit einem konkreten Jahresausblick zurück. Trotz der jüngsten Erholung ist bei Konsumgüterherstellern und Handel in Europa und den USA die Sorge groß, dass der Aufschwung nicht von Dauer ist, weil höhere Steuern und geringere öffentliche Ausgaben die Verbraucher zum Sparen zwingen. Markenartikelhersteller spüren zudem den steigenden Wettbewerbsdruck, weil die Verbraucher lieber nach günstigen Eigenmarken greifen.
Vor einem Jahr war sich die Branche einig, dass 2010 noch einmal richtig schlimm werden würde. Doch seit ein paar Monaten geht es wieder aufwärts. Der wichtigste Beleg dafür sind die sogenannten Auflieger. Die Zahl der Containerfrachter, die in Buchten rund um den Globus stillgelegt sind, lag zu Hochzeiten bei mehr als 600. Heute sind es nur noch 174.
Es ist nicht lange her, da musste Deutschlands größte Containerreederei Hapag-Lloyd von den Eignern mit rund 1,8 Mrd. Euro gestützt werden, das Ergebnis war tiefrot, und der Staat gab eine Bürgschaft über 1,2 Mrd. Euro. Die gesamte Branche verlor in der Krise laut Experten rund 20 Mrd. Dollar. Nun erhöht die größte deutsche Containerreederei ihre Prognose und will wieder signifikanten Gewinn einfahren. Die Bürgschaft nahm sie nie in Anspruch.
Auch der 2009 defizitäre Weltmarktführer A.P. Möller-Maersk hat seine Gewinnprognose angehoben: "Die Erholung ist deutlich stärker als noch vor zwei Monaten erwartet", hieß es. Wenn der Welthandel einbricht, sind die Linienreeder die Ersten, die leiden. Sie sind aber auch die Ersten, die vom Aufschwung profitieren. Schon im Auftaktquartal stiegen die Transportmengen bei Hapag um fünf, die Frachtraten um acht Prozent.
Frachtcontainer werden im Hamburger Hafen für den Export verladen.   Frachtcontainer werden im Hamburger Hafen für den Export verladen.
Linienreeder transportieren Ware von einem Ort zum anderen - teils mit eigenen, zum Großteil mit gecharterten Schiffen. Nun erholt sich der Welthandel und den Reedern gelingt es, deutlich höhere Frachtraten, also Preise für den Containertransport, auszuhandeln. Knapp 70 Prozent der deutschen Schiffseigner erwarten laut einer Umfrage, dass die Frachtraten in diesem Jahr weiter steigen. Wie hoch sie sind, wird allerdings nirgends offiziell erfasst.
Mit einiger Verzögerung ist der Aufschwung auch bei den Charterreedern angekommen. Sie unterhalten keine eigenen Transportdienste, sondern kaufen Schiffe und vermieten sie dann an Linienreedereien wie Maersk oder Hamburg Süd. Seit einigen Monaten erholen sich die Mietpreise - die so genannten Charterraten - deutlich. In der Krise waren sie drastisch abgestürzt.
Zahlten die Linien laut dem Londoner Schiffsmakler Clarkson Anfang des Jahres für ein Containerschiff mit Platz für 1700 Boxen gerade einmal 4200 Dollar am Tag, waren es im Juni schon wieder 7800 Dollar. Bei größeren Schiffen fällt der Ratenanstieg noch deutlicher aus. Trotzdem reichen sie aber vor allem bei kleineren Schiffen weiterhin nicht aus, um neben den Betriebskosten auch Zins und Tilgung für das Bankdarlehen zu zahlen.
Hermann Ebel, Geschäftsführer des Fondshauses und Schiffseigners Hansa Treuhand, erwartet, dass die Raten für diese Schiffe erst von 2012 an wieder profitabel sein werden. Das trifft vor allem jüngere Frachter, die noch hoch verschuldet sind. Außerdem profitieren von dem Aufschwung nur die Eigner, die in den letzten Monaten ihre Schiffe neu vermieten konnten. Wer lang laufende Verträge zu niedrigen Raten abschließen musste, leidet weiterhin.
Für kaum eine Industrie war der Einbruch in der Wirtschaftskrise so schmerzhaft wie für die Autobauer. Aber kaum eine Branche ist auch so schnell wieder in Fahrt gekommen - ebenso wie die Zulieferer. Der Absatz von Neuwagen kam 2009 nur durch die staatlichen Förderprogramme und ungebremste Nachfrage aus China nicht gänzlich zum Erliegen. Nun steigt er sprunghaft an - in Europa genauso wie in den USA.
Dank der Abwrackprämie haben Massenhersteller wie Volkswagen  die Krise vergleichsweise glimpflich überstanden. Nun geht es aber auch für die Premiumbauer, die kaum etwas von den staatlichen Konjunkturprogrammen hatten, kräftig bergauf. Vor allem die deutschen Hersteller Daimler  und Audi strotzen nach dem Horrorjahr wieder vor Kraft und schraubten jüngst ihre Prognosen kräftig nach oben. Mercedes etwa traut sich insgesamt 6 Mrd. Euro Gewinn zu - ein zu Jahresbeginn undenkbarer Wert.
Autoumschlag Bremerhaven: BMW-Modelle warten auf den Abstransport ...   Autoumschlag Bremerhaven: BMW-Modelle warten auf den Abstransport per Schiff nach China
Selbst die nur mit Milliarden vom Steuerzahler geretteten US-Autobauer kommen langsam wieder in Tritt. Vor allem General Motors profitiert von anziehender Nachfrage nach Pick-ups in den USA und ungebremster Kauflaune der Chinesen. Dabei zeigt sich: Zwar gelten verbrauchsarme Kleinwagen als Mittel gegen die Krise. Doch richtig Geld bringen den Herstellern vor allem die großen Autos. Und deren Zeit ist noch lange nicht vorbei. Gerade in China werden vor allem lange Limousinen als Statussymbole gekauft.
Doch der schier unerschöpfliche Absatzmarkt China stimmt viele Experten und Automanager auch skeptisch. Jüngst warnte BMW-Chef Norbert Reithofer  davor, sich von der Volksrepublik abhängig zu machen. Experten mahnen: Ein Einbruch der Nachfrage in Fernost würde wegen ihres starken Engagements in China besonders die deutschen Autobauer treffen.
Die Strom- und Gasversorger sind mit vergleichsweise geringen Blessuren durch die Krise gekommen. Konjunkturelle Schwankungen wie etwa bei der Autoindustrie oder den Metallverarbeitern treffen die Energielieferanten in der Regel später und in abgeschwächter Form. Dafür werden sie nach Einschätzung von Beobachtern auch von einem Aufschwung in den nächsten Monaten nur milde profitieren. Ein Grund: Viele Großverbraucher haben sich bereits fürs kommende Jahr mit Strom zu Preisen auf Rezessionsniveau eingedeckt. Wenn RWE  und Eon  in der kommenden Woche ihre Zwischenberichte vorlegen, erwarten die meisten Analysten solide Ergebnisse, aber wenig Highlights.
Lobbyarbeit fruchtet nicht mehr
Die Politik liefert derzeit weitaus mehr Spannung für die Energiewirtschaft als die Konjunktur. Die jahrelang zuverlässig funktionierende Lobbyarbeit der Branche scheint für die Unternehmen nicht mehr so zu fruchten wie früher. Themen wie die Steuer auf Kernbrennstoffe und der seit Monaten ausbleibende Beschluss über eine Verlängerung der Atomlaufzeiten irritieren die etablierten Konzerne.
Das angekündigte Energiekonzept der Bundesregierung, das die Rahmendaten und Ziele für erneuerbare, fossile und nukleare Energie neu setzen soll, wird deshalb quer über alle Sparten in der Energiewirtschaft mit Spannung erwartet. Bis mehr Klarheit herrscht, werden die Energiefirmen deshalb mit Investitionen zurückhaltend sein.
Auf europäischer Ebene ähnelt sich das Bild. Spanien überarbeitet sein Modell zur Regulierung der Energiewirtschaft, Großbritannien stellt seine Versorgung in Richtung auf weniger Treibhausgas-Emissionen um. "Die Stimmung in der Branche bleibt vorsichtig angesichts der Kombination aus Unsicherheit und begrenzter Flexibilität", schreibt die Ratingagentur Moody's. Viele Unternehmen seien derzeit vorrangig mit der Entschuldung beschäftigt. Mehr Vertrauen werde in den Sektor erst einkehren, wenn die europäischen Regierungen Transparenz in ihre Pläne bringen, wie sie Emissionsziele, Versorgungssicherheit und Erschwinglichkeit der Energieversorgung künftig vereinbaren wollten.
Die IT-Branche befindet sich weltweit in Hochstimmung. Beflügelt von starker Nachfrage nach der Finanzkrise melden die Hersteller von Computerhard- und software sowie Unterhaltungselektronik Rekordquartale. Getrieben wird die Entwicklung von Herstellern wie Apple , die mit neuen Produkten wie dem iPad kräftig zulegen. Auch Microsoft  profitiert von Neuerscheinungen wie Windows 7 und zunehmender Investitionsbereitschaft der Geschäftskunden.
Zuletzt legten auch die Unterhaltungselektronikkonzerne Samsung  und Sony  Zahlen über den Erwartungen vor. Von dem Boom profitieren zudem die Zulieferer. Besonders die Chipindustrie kann nach der langen Durststrecke steigende Verkaufszahlen melden. Die Nachfrage nach Chips beflügelt Intel  und Samsung , aber auch kleinere Wettbewerber wie AMD  oder ARM  überzeugten die Anleger mit ihren Quartalsergebnissen.
Mitarbeit: Gerhard Hegmann. Jennifer Lachman, Leo Klimm, Nicola de Paoli, Michael Gassmann, Kathrin Werner und Andreas Albert
  • FTD.de, 05.08.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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