Wo geht die Tür auf? Wo sitzt das Lenkrad? Und wo, bitte schön, sind die Räder? Das Hover Car, ein weißes Etwas, das aussieht als entwickle Apple künftig Pillendosen statt iPads, ist ein Designentwurf von Volkswagen. Mit einem Auto verbindet Hover auf den ersten Blick gar nichts. Das kreisrunde Modell fährt nicht, es schwebt, besitzt weder Lenkrad noch Räder. "Die Trends gehen zum sicheren Auto, das sich leicht durch überfüllte Straßen navigieren lässt", sagt Simon Loasby, Leiter Design Volkswagen China über das Hover-Auto, welches aus einem VW-Ideenwettbewerb im Internet entstanden ist. Bis letzte Woche konnten Besucher der Automesse in Peking ein Miniatur-Modell davon besichtigen.
Mobilität von morgen nimmt komische Formen an. Derzeit wappnen sich alle Hersteller, um Antworten zu finden auf Herausforderungen wie Megastaus, lästige Parkplatzsuche und Umweltverschmutzung in Städten. So entsteht ein komplett neues Segment: das der Micromobile.
Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Frost & Sullivan werden fast alle großen Hersteller in den nächsten sechs Jahren Fahrzeuge dieses Typs anbieten. 150 neue Modelle erwarten die Experten bis, 110 kommen von klassischen Autobauern. Mit dem Twizy, einem elektrisch betriebener Zweisitzer, verkauft Renault seit gut zwei Wochen eines der Modelle in Deutschland. Wie viele Vorbestellungen es gibt, verschweigen die Franzosen.
Keiner weiß so genau, ob sich diese Ein- bis vierrädrigen Fortbewegungsmittel en miniature tatsächlich durchsetzen werden. Den Herstellern bleibt dennoch kaum eine andere Wahl, die Entwicklung voranzutreiben, wollen sie sich nicht komplett von ihrem klassischen Geschäftsmodell verabschieden. In Großstädten wie London wird das Auto bereits mithilfe von Citymauts verdrängt. Immer mehr Ballungsräume - vor alle in Asien - arbeiten an solchen Bezahlsystemen. Kostenlos rein kommt nur, wer C02-sparsame Autos fährt oder solche, die sich ausschließlich elektrisch bewegen.
Nach Meinung der Globalisierungsforscherin Saskia Sassen vergeht aber noch viel Zeit, bis es ein optimales Fortbewegungsmittel für dicht bevölkerte Ballungsräume gibt. "Minifahrzeuge sind ein erster Schritt", so die US-Professorin.
Auch Frost & Sullivan nimmt an, dass die Micromobile mittelfristig die Städte erobern. 2010 wurden gerade einmal 15.000 Fahrzeuge dieser Kategorie verkauft; 2018 soll das Segment bereits auf 491.000 Einheiten gewachsen sein. Hauptanbieter dieser rollenden Gehstühle, oder Post-Goggomobile werden die klassischen Autobauer sein. Derzeit dominieren Zweiradanbieter wie Piaggio und der Erfinder des motorisierten Fußgängers, Segway, den Markt.
Eine nachhaltige Lösung für die Mobilitätsprobleme in Metropolen böten die Micromobile allerdings nicht, sagt Sassen. "Städte stellen Technologien immer wieder auf die Probe." Folge sei, dass ständig neue Konzepte entstehen. Auch kleine Mikrofahrzeuge sind ihrer Meinung nach ein vorübergehender Trend, der sich weiter entwickelt. Am Schluss könnten sich in immer weiter wachsenden Städten ganz andere Konzepte durchsetzen. "Mobilität heißt nicht nur Mobilität von Fahrzeugen", so Sassen.
Tatsächlich wird mittelfristig das Gros der Micromobile auf zwei Rädern unterwegs sein, glauben die Experten von Frost & Sullivan. 36 Prozent der Kleinstfahrzeuge werden mehr einem Motorrad als einem Auto ähneln. Deshalb verwundert es nicht, dass große Autokonzerne die Nähe zu Zweiradherstellern suchen. Erst vor wenigen Wochen kaufte Audi die Motorrad-Ikone Ducati; BMW besitzt gleich zwei Motorradmarken; Hersteller wie der österreichische Motorradbauer KTM entwickelte für Opel das Stadtmobil Rak-e.
Sassen geht selbst dieser Ansatz nicht weit genug. In dicht besiedelten Städten seien auch Laufbänder denkbar, wie man sie von Flughäfen kennt. Sie könnten entlang wichtiger Verkehrswege gehen, Passanten müssten sich nur draufstellen und mitfahren.
Im nordamerikanischen Seattle wiederum experimentieren Schulen mit einer neuen Form des Personennahverkehrs. Ganze Gruppen von Kindern werden dort statt im Bus von freiwilligen Helfern zu ihrer Schule geführt. Das System nennt sich Walking School Bus und soll sich bei den Eltern schnell durchgesetzt haben.
Solche Modelle helfen den Megacitys, den Autobauern jedoch weniger. Denn selbst die zukunftsweisende Idee des Hover Car setzt immerhin noch auf den Antrieb per Magnetfeld Kaum vorstellbar, dass Hersteller wie VW oder Renault das Zufußgehen neu erfinden werden.