07.10.2009, 13:03
Liquiditätsrisiken: Industrie drohen Milliardenkosten wegen Derivatereform
Die USA und die EU-Kommission wollen den 592.000 Mrd. $ großen außerbörslichen Derivatehandel regulieren. Dagegen regt sich in der Wirtschaft Widerstand. Allein Eon geht von einem zusätzlichen Kapitalbedarf in Höhe von 7,5 Mrd. Euro aus.
von Richard Milne, London,
Jeremy Grant, London
und Tobias Bayer Frankfurt
Deutsche Versorger und Industrieunternehmen müssten nach eigener Auskunft Milliarden zur Seite legen, um für eine Verschärfung des außerbörslichen Derivatehandels gerüstet zu sein. Allein Europas größter Stromkonzern
Eon bräuchte 7,5 Mrd. Euro an neuen Kreditlinien oder an Bargeld, sofern die Vorschläge der EU-Kommission umgesetzt würden. "Das wird eine große Wirkung haben. Wir sind über die Vorstöße sehr überrascht. Die Absicherung über Derivate ist ein alltägliches Geschäft", sagte Verena Volpert, Leiter Finanzen bei Eon, der Financial Times.
Die Reform des 592.000 Mrd. $ schweren Derivatehandels ist eine der größten Aufgaben für Regierungen und Aufsichtsbehörden. Nachdem der Versicherungskonzern American International Group (AIG) im September 2008 wegen riskanter Wetten mit Kreditderivaten gestützt werden musste, arbeiten die USA und Europa an härteren Vorschriften. Ein zentraler Baustein sind CCPs, die das Kontrahentenrisiko übernehmen und im Fall eines Zahlungsausfalls einstehen. Die amerikanischen und europäischen Vorschläge sehen vor, dass sämtliche standardisierte Derivatekontrakte über CCPs geschleust werden sollen.
Die Industrie wähnt sich dadurch im Nachteil. Der Trend zur Standardisierung gefährde die Absicherung gegen Wechselkurs- und Rohstoffpreisschwankungen. Außerdem entstehe durch CCPs ein Liquiditätsrisiko, argumentieren die Unternehmen. Der Grund: Bei den zentralen Gegenparteien müssen Sicherheiten hinterlegt werden, deren Höhe sich nach dem Marktpreis der Derivate richtet und deshalb variiert.
Um ihrem Ärger Luft zu machen, koordinierten die deutschen Unternehmen ihre Lobbyanstrengungen und deckten die EU-Kommission mit Briefen ein. Zu den Absendern zählten auch
BASF ,
Bayer , die
Deutsche Telekom und
Linde . Auf einer Derivatekonferenz am 25. September in Brüssel beschwerten sich Vertreter von Daimler und Lufthansa - und warnten die Brüsseler Behörde vor einem allzu harten Vorgehen. Auch Repräsentanten von Rolls-Royce ergriffen das Wort.
Siemens würde mehr als 1 Mrd. Euro benötigen, sagte Hans-Peter Rupprecht. Die Vorschläge der EU-Kommission seien unnötig kostspielig. "Siemens hat ein sehr solides Rating. Momentan besteht keine Notwendigkeit, Sicherheiten an internationale Banken abzutreten", sagte Rupprecht gegenüber der Financial Times.
Teil 2: US-Industrie erzielt Lobbyerfolg
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FTD.de, 07.10.2009
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