Es sind nur ein paar leere weiße Seiten mit schwarzem Einband und einem elastischen Band. Doch für Bruce Chatwin bedeutete sein Notizbuch die Welt, wie der 1989 verstorbene britische Reiseschriftsteller in seiner Reportage "Traumpfade" festhielt. Jahre später liest in Mailand ein Mitarbeiter eines kleinen Verlags diese Zeilen - geboren ist die Idee, die einstmals markenlosen kleinformatigen Hefte wieder aufzulegen. Sie sollen so heißen, wie sie Chatwin genannt hat: Moleskine - was auch immer das bedeuten mag. Eine Hommage sollen sie werden an Pablo Picasso und Ernest Hemingway, die dort ihre Ideen skizzierten. Immer mit der Leitidee: "Das ist kein bloßes Notizbuch. Das ist ein Buch, das erst geschrieben werden will."
15 Jahre nach Gründung ist Moleskine in 95 Ländern präsent und erzielt einen Umsatz von rund 67 Mio. Euro sowie eine Gewinnmarge von 40 Prozent. Neben den Notizbüchern sind mittlerweile auch Taschen, Stifte und Lesehilfen wie Lampen im Sortiment. Das Unternehmen steht nun vor dem nächsten großen Schritt: Für Oktober oder November ist der Börsengang in Mailand angesetzt. Rund 250 Mio. Euro könnte das Unternehmen erlösen, schätzen Experten. Es ist ein außerordentliches Ereignis, in den vergangenen 18 Monaten wagten mit dem Schuhhersteller Salvatore Ferragamo und dem Kaschmirschneider Brunello Cucinelli lediglich zwei bekanntere Unternehmen den Gang an die Borsa Italiana. Trotz der Turbulenzen an den Kapitalmärkten ist der Mehrheitsaktionär, die Private-Equity-Gesellschaft Syntegra, zuversichtlich: "Wir hoffen jetzt das Beste", sagt Marco Ariello, Partner bei Syntegra. 2006 hatte der Investor rund 62 Mio. Euro für Moleskine bezahlt und will auch nach dem Börsengang engagiert bleiben. Die Konsortialbanken um Goldman Sachs, Mediobanca und UBS glauben an den Erfolg.
Mit dem Kapital könnte die weltweite Expansion vorangetrieben werden. In 22.000 Geschäften ist das Unternehmen bereits vertreten. Am wichtigsten sind Buchhandlungen wie Feltrinelli in Italien oder Thalia in Deutschland, Kaufhäuser wie Harrods in Großbritannien sowie Spezialgeschäfte wie Staples oder Bed Bath & Beyond in den USA. Die Italiener bemühen sich darum, nicht nur in einem Regal auszuliegen, sondern ganz eigene Verkaufsplätze zu bekommen. 30 solcher Platzierungen gebe es bereits, Ende des Jahres werde man auf rund 100 kommen, kündigt Vorstandschef Arrigo Berni an.
Um aber das gesamte Sortiment präsentieren zu können, setzt Moleskine künftig auch auf eigene Geschäfte. In Italien habe man im Juni mit zwei Shops begonnen, an den Hauptbahnhöfen Mailand und Rom, sagt Berni. Am Milano Centrale drängt sich Moleskine in einen Kubus mit einer Fläche von 20 Quadratmetern, mitten in der Bahnhofshalle, nur unweit von den Gleisen. "Das reicht uns. Wir brauchen keinen Marmor oder eine teure Holzverkleidung." Der Umsatz stimmt. Auf das Jahr hochgerechnet käme Moleskine momentan auf 25.000 Euro je Quadratmeter in Mailand, sagt Berni, der das Konzept auch an Flughäfen und Bahnhöfen im Ausland ausprobieren will.
Die digitale Welt der Tablets und Smartphones sieht Moleskine als Chance. Die Italiener haben eigene Anwendungen entwickelt, mit denen iPad-Nutzer in elektronische Moleskine-Notizbücher schreiben können. Die Apps sind allerdings kostenlos. Zusammen mit dem Startup Fiftythree bietet das Unternehmen zudem an, die digitalen Zeichnungen und Kritzeleien als Notizbuch zu drucken. Doch geht es auch andersrum, also vom Papier auf das iPad oder Smartphone? Berni grinst und sagt: "Am 24. August stellen wir etwas vor. Stay tuned."