Nun also auch Siemens . Die Euro- Schuldenkrise fordert ihre Opfer, so könnte man nach einem ersten Blick auf die Zahlen der Münchner Industrieikone glauben. Der Bericht für das dritte Geschäftsquartal hat auf breiter Front enttäuscht. Die im April erst gesenkte Gewinnprognose von 5,2 bis 5,4 Mrd. Euro scheint bereits unerreichbar. So ging es auch der Börse für das Schwergewicht weiter bergab, zeitweise um mehr als vier Prozent.
Doch so einfach ist es nicht. De facto hat die schlechte Konjunktur bei Siemens noch gar nicht wirklich zugeschlagen. Der Umsatz ist im dritten Geschäftsquartal weiter gestiegen, währungsbereinigt um vier Prozent. Und trotzdem brechen die Gewinne weg, und das quer über den gesamten Konzern. Unter dem Strich stand im dritten Quartal nur noch ein Überschuss von 850 Mio. Euro - bei 19,5 Mrd. Euro Umsatz.
War Siemens-Chef Peter Löscher vor fünf Jahren nicht als der Mann angetreten, der den behäbigen, jahrelang mit Ergebnisproblemen kämpfenden Industrieriesen auf ein neues Ertragsniveau heben wollte? Die aktuelle Entwicklung ist besorgniserregend. Denn wie wird es erst mit Deutschlands Vorzeigekonzern weitergehen, wenn Europa in die Rezession schlittert? Wenn sich Siemens' Bestellungen, die bereits jetzt stark schrumpfen, auch in sinkenden Umsätzen niederschlagen? In den ersten neun Monaten hat Siemens weniger Auftragsvolumen als Umsatz herein bekommen. Das gab es seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.
Man muss dem Vorstand zugute halten: Konjunkturzyklen dauern statt Jahren nur noch Monate. Europas Wirtschaft bewegt sich scheinbar wie ein Springball nach oben und unten - eine neue Entwicklung, die wohl den immer neuen Rettungspaketen geschuldet ist. Das war schwer vorherzusehen. Doch die großen weltwirtschaftlichen Unwägbarkeiten hat auch Siemens immer wieder betont - und dennoch viele Milliarden in Wachstum investiert, in neue Produktionsanlagen, neue Forscher, neue Vertriebsorganisationen. Derzeit sieht es nicht danach aus, als ob das Geld gut angelegt war.
Die Hausaufgaben wurden dagegen vernachlässigt. Heute gibt es kaum noch Geschäfte bei Siemens, die stark und rund laufen. Und nur wenige Felder, wie die Medizintechnik, für die wenigstens bereits Verbesserungen auf den Weg gebracht wurden. Erst mit dem jüngsten Quartalsbericht kündigte Löscher ein - eher halbherzig klingendes - Kosten- und Effizienzprogramm für den Konzern an.
Dabei türmen sich seit Monaten die Probleme an allen Ecken und Enden: Der Umbau des von asiatischen Wettbewerbern bedrängten Transformatorensparte wurde zu spät eingeleitet, bei den Verzögerungen der Netzanschlüsse von Windparks auf hoher See zu spät gegengesteuert. Die Marge in der Stromübertragung wird damit über Jahre schwach bleiben. Das Solargeschäft verbucht weiter hohe Verluste, ohne dass Besserung in Sicht ist. Im Zuggeschäft wurden Prestigeaufträge mit niedrigen Margen erkauft, die sich ebenfalls noch viele Quartale niederschlagen werden.
Überhaupt wirkt der gesamte neue Sektor Infrastruktur & Städte wie eine Großbaustelle: Keine der Divisionen erreicht ihre Margenziele, und die Margen gehen sogar noch zurück. Den neuen Sektor hatte Löscher im März 2011 angekündigt, eine seiner größeren stragischen Entscheidungen. Noch immer ist intern und extern höchst umstritten, ob sie auch sinnvoll war.
Weitere Punkte auf der Sorgenliste: Nokia Siemens Networks. Für den Telekom-Ausrüster, den Siemens mit Nokia hält, ist eine Lösung nicht in Sicht. Die Lichttochter Osram sollte eigentlich schon 2011 an die Börse, nun wird sie an die Siemens-Aktionäre verschenkt. Bei Osram ist angesichts der enormen Umbrüche in der Lichtbranche die große Frage, ob die Selbständigkeit für die Firma nicht Jahre zu spät kommt.
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Statt die Wettbewerber zu übertreffen, wie es Siemens-Chef Löscher bei jeder Gelegenheit betont, ist Siemens im Wettbewerb zurückgefallen. Auch an der Akquisitionsfront: Bauten der große US-Rivale General Electric und die Schweizer ABB ihre Geschäfte durch mehrere Milliardenzukäufe aus, hat Siemens seit dem überteuerten Erwerb der US-Labordiagnostikfirma Dade Behring 2007 kaum noch größere Übernahmen getätigt.
So gerne der Konzern diese Entwicklung schönredet, die Börse kann er nicht täuschen. Die Anleger haben ihr Urteil gefällt: In den vergangenen zwölf Monaten hat die Siemens-Aktie um 28 Prozent an Wert verloren. Der deutsche Leitindex DAX gab im gleichen Zeitraum - bedingt durch die Euro-Krise - "nur" zwölf Prozent nach. GE legte um gut sieben Prozent zu. Auch ABB und die US-Firma Honeywell entwickelten sich besser ab als Siemens, selbst der niederländische Krisenkonzern Philips . Unter den wichtigsten Rivalen schnitt nur die französische Alstom noch schlechter ab. Dass sich Siemens am Dienstag nach drei Jahren als wertvollster DAX -Wert erstmals überholen lassen musste, passt in das schwache Bild.