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Der wohl schiefste Satz über die TV-Managerin Anke Schäferkordt stammt von der TV-Schauspielerin Veronica Ferres. Schäferkordt sei, sagte Ferres einmal der "Bunten", "die Angela Merkel des Fernsehens".
Tatsächlich tritt die RTL-Chefin öffentlich so bescheiden und ruhig auf, wie sich auch die Kanzlerin gern gibt. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Und wenn sie über die Zukunft der Branche spricht, ihre Worte langsam abwägt, faltet sie ihre Hände zum Dreieck, zur Kanzlerinnengeste. Aber da endet die Gemeinsamkeit auch schon. Schäferkordt wartet nicht ab, sie taktiert auch nicht aus dem Hintergrund. Sie packt lieber an.
So wie diesen Donnerstag in Luxemburg, bei ihrem ersten Auftritt als neue Chefin des Mutterkonzerns RTL Group. Schäferkordt präsentierte bei der Pressekonferenz in der Europazentrale nicht nur den bisher höchsten Halbjahresgewinn in der Geschichte der deutschen RTL-Sender, sondern kündigte auch gemeinsam mit ihrem Co-Vorstandschef Guillaume de Posch eine offensive Strategie vor, um sich auf dem aufsplitternden TV-Markt zu behaupten.
Bislang wiegeln TV-Manager bei kritische Fragen zur Zukunft der Branche gern ab: Die durchschnittliche Sehdauer der Zuschauer sei in den vergangenen Jahren gestiegen, der Werbemarkt wachse, die Marktanteile der großen Sender seien stabil. Schäferkordt und de Posch dagegen warnen in Luxemburg, dass der Anteil des linearen Fernsehens bis 2015 von 96 auf 90 Prozent sinken wird. Abrufvideoangebote wachsen, das klassische Fernsehen stagniert.
Schäferkordt schwenkt um: "Das Wachstum wird vom Start neuer Sender kommen", sagt sie. RTL geht deshalb nun europaweit mit mehreren neuen kleinen Sendern mit spitzen Zielgruppen ins Rennen. TV-Inhalte seien der Haupttreiber für On-Demand-Plattformen, meint Schäferkordt. RTL baut seine eigenen Abrufvideoangebote massiv aus, schließt Verträge mit Kabelbetreibern, um seine Videoplattformen auf möglichst viele Geräte zu bringen, und beliefert über seine Produktionstochter ab Herbst erstmals in Deutschland zwei Videokanäle auf der Google -Plattform Youtube.
Dabei sah es vor zwei Jahrzehnten kaum so aus, als würde aus Schäferkordt einmal die Frau, die die Zukunft der Fernsehlandschaft gestalten würde. Die in Lemgo geborene Managerin leitete bei RTL das Controlling, bevor sie 1995 zum Nischensender Vox ging. Vox war zwei Jahre zuvor als elitärer Kultursender gestartet, fand kaum Zuschauer und verbrannte Millionen. Schäferkordt führte den Sender in kurzer Zeit zum Erfolg, schraubte den Marktanteil von unter zwei auf 6,4 Prozent in die Höhe und erfand nebenbei die moderne Programmstrategie. Sie kaufte US-Serien und ließ leichte Dokusoaps und Kochshows drehen. Als sie 2005 zum Großsender RTL wechselte, führte sie ihn mit einem ganz ähnlichen Programm zur überlegenen Marktführerschaft.
Heute leitet die 49-Jährige die gesamte RTL-Gruppe, die deutschen Sender, macht das Programm von RTL und sitzt im Vorstand des Haupteigentümers Bertelsmann. Vergangene Woche äußerten mehrere Manager des TV-Konzerns im Branchenblatt "Kress" anonym Kritik an der Ämterhäufung. Schäferkordts Entscheidungen dauerten dadurch zu lange, sagten ungenannte Führungskräfte. Wenn die Arbeitsbelastung zu groß würde, könne sie Aufgaben im Deutschland-Geschäft abgeben, hieß es dazu aus ihrem Umfeld. Bisher gebe es dazu aber keine Pläne.
Durch ihre neue Aufgabe als Europa-Chefin bekommt Schäferkordt zumindest für ein paar Minuten in der Woche unverhoffte Ruhe. Auf der Autostrecke zwischen Köln und Luxemburg gebe es über mehrere Kilometer keinen Handyempfang, berichtet die RTL-Chefin.