06.10.2009, 15:26
Weiterbildung: Die Alten sollen es nochmal wissen
Noch überdeckt die Krise den Fachkräftemangel. Wer schlau ist, bindet seine älteren Mitarbeiter dennoch jetzt mit Weiterbildung ans Unternehmen. Nachweislich gehen sie dann später in Rente.
von Roland Karle
An der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg kann es vorkommen, dass der Rektor einer Schule, ein Nachwuchspersonalmanager aus einem Weltkonzern und die zukünftige Leiterin einer Volkshochschule im selben Hörsaal sitzen und Bildungsmanagement studieren. Diese bunte Mischung ist in dem Aufbaustudiengang - vorausgesetzt werden ein Erststudium und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung - gewollt, weil sich so am besten das Kernprinzip des Studiums "Lernen am Unterschied" vermitteln lässt.
30 Teilnehmer hat jeder Kurs. Manche sind schon Großeltern, während sich andere als noch aktive Enkelkinder verstehen. Alle profitieren von dem Generationsunterschied, sagt Ulrich Müller, der den Studiengang Bildungsmanagement in Ludwigsburg leitet. "Die Jüngeren schätzen es sehr, von den Erfahrungen der Älteren zu lernen. Umgekehrt profitieren die Älteren von dem, was die Jüngeren einbringen."
Das Ludwigsburger Mehr-Generationen-Modell könnte zur Blaupause für die deutsche Wirtschaft werden, die derzeit den demografischen Wandel zu verschlafen droht. Altersstrukturanalysen der Belegschaft gibt es nur vereinzelt, und "die Vorteile altersgemischter Arbeitsgruppen bleiben oft noch ungenutzt", heißt es in einer Studie des Bundesfamilienministeriums vom Mai dieses Jahres. 4000 Mittelständler und deren Geschäftsführer wurden dafür befragt. Fast 80 Prozent fordern eine "Abkehr vom Jugendkult" und eine größere Bereitschaft, bis ins höhere Alter zu arbeiten und zu lernen.
Wenig Weiterbildungsmaßnahmen für ÄltereDie Realität sieht aber anders aus. Nach Angaben der Studie bilden 85 Prozent der Unternehmen vor allem jüngere Mitarbeiter weiter. Qualifizierungsmaßnahmen für Ältere gibt es deutlich seltener. Damit setzen die Unternehmen aber falsche Prioritäten. Denn der Anteil der 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen wird hierzulande in den kommenden 20 Jahren deutlich stärker steigen als im übrigen Europa. Das stellt das Berufsinstitut für Berufsbildung in seinem Berufsbildungsbericht 2009 fest. Die sogenannten Silver Workers werden also dringend gebraucht.
Zwar verdeckt die Wirtschaftskrise derzeit den Mangel an Ingenieuren. Doch noch immer gilt: Jeder zweite der berufstätigen Ingenieure wird bis 2020 in den Ruhestand gehen - ohne das ausreichend Nachwuchs folgt. Unternehmen müssen sich also frühzeitig um ältere Fachkräfte bemühen. Dann nämlich gehen Ingenieure erst mit durchschnittlich 63,2 Jahren in den Ruhestand, während sie sonst schon zwei Jahre eher aufhören. Das belegt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult (IW), das in diesem Frühjahr rund 3900 Industriefirmen befragte. Weitere Erkenntnisse: Projektverantwortung und Weiterbildung wirken auf ältere Mitarbeiter besonders motivierend.
Trotzdem schneidet Deutschland im internationalen Weiterbildungsvergleich denkbar schlecht ab. Während in Schweden, Dänemark und Finnland mehr als jeder Dritte der 55- bis 65-Jährigen an betrieblichen Weiterbildungskursen teilnimmt, ist es hierzulande laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, nur jeder Fünfte.
Ältere verfügen einen großen ErfahrungsschatzDabei sind Menschen über 50 keinesfalls weniger, sondern lediglich anders leistungsfähig als ihre jüngeren Kollegen", sagt der Hamburger Führungskräftetrainer Frieder Barth. Auch Sophia von Rundstedt beobachtet, "dass Ältere heute wesentlich aufgeschlossener für Weiterbildung sind und sich zunehmend auf lebenslanges Lernen einstellen". Das gilt auch für Manager, sagt die Chefin der Personalberatung von Rundstedt und Partner. "Sie müssen in Zeiten rasanter Veränderungen mehr denn je Führungskompetenz und Fachwissen auffrischen."
Viele Ältere verfügen über einen großen Erfahrungsschatz und viel Routine. Doch gerade deshalb stehen sie Neuem oft etwas skeptischer gegenüber. "Ältere brauchen genügend Zeit, um sich kritisch damit auseinanderzusetzen", sagt Pädagoge Müller und betont: "Hinsichtlich der Lernleistung Älterer zeigt die empirische Lernforschung ganz eindeutig, dass das Alter nur ein Faktor unter vielen ist." Die Unterschiede zwischen einzelnen Individuen einer Altersgruppe seien größer als jene zwischen den Altersgruppen.
Teil 2: Ältere verlangen individuelles Lernen
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FTD.de, 06.10.2009
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