In jenen Junitagen bangte nicht nur die Hochschule, auch die Stadt, das ganze Land mit den Lübeckern: Die damalige Landesregierung wollte der Uni ihre teure Medizinerausbildung streichen. Das hätte ihr Aus bedeutet. Nur mithilfe des Bundesbildungsministeriums konnte das Ende schließlich abgewendet werden. Aber die Erfahrung hat Peter Dominiak, der seit 22 Jahren als Pharmakologe an der Uni arbeitet und diese seit 2005 leitet, geprägt: "Es soll uns niemand mehr alle paar Jahre totsagen." Deshalb will der Präsident die Uni nun in eine Stiftungshochschule umwandeln.
Mit dem Stiftungsmodell verbinden Hochschulen große Hoffnungen: auf mehr Freiheit und vor allem auf mehr Geld. Auch Dominiak möchte dadurch nicht nur Bestandssicherheit für seine Uni erreichen, er will flexibler und unabhängiger vom Land agieren. "Ich möchte nicht für jede Kleinigkeit beim Ministerium anklopfen", sagt er. Die Uni wird zwar eine öffentliche Einrichtung bleiben, sie wird auch weiterhin einen Landeszuschuss von derzeit 24 Mio. Euro jährlich bekommen, aber sie könnte eigenverantwortlicher über Immobilien, Spenden und Personal entscheiden. "Wir packen uns am eigenen Schopf", sagt Dominiak.
Am 12. Dezember wird der Senat der Uni über den Plan abstimmen. Zwei Drittel der Mitglieder müssen sich dafür aussprechen, dann würde die Uni einen entsprechenden Vertrag mit dem Land aushandeln. Wenn alles glatt läuft, könnte die Uni zum 1. Januar 2015 Stiftungshochschule sein.
Wissenschaftsministerin Waltraud Wende (parteilos) hat bereits ihre Unterstützung signalisiert. Staatssekretär Rolf Fischer sagte der FTD: "Wir freuen uns darauf. Es ist ein Versuch. Wenn er erfolgreich ist, könnte dadurch die ganze Hochschullandschaft in Schleswig-Holstein eine neue Dynamik gewinnen." Allerdings müssen noch Details verhandelt werden, und "das wird noch schwierig werden".
Denn zu viel Freiheit will das Land der Uni Lübeck nicht geben. Das Ministerium will dem Vorhaben nur zustimmen unter vier Bedingungen: Die Uni darf keine Studiengebühren erheben, sie muss die Freiheit von Forschung und Lehre garantieren sowie die Mitbestimmung der Mitarbeiter und ihre Bezahlung nach Tarifrecht.
Das Ministerium reagiert damit auf kritische Stimmen aus der Uni, von Studenten und Gewerkschaften, die eine Privatisierung und Lohndumping fürchten. Dass eine Umwandlung in eine Stiftungsuni kein Selbstläufer ist, ließ sich kürzlich an der Uni Osnabrück beobachten. Dort hat sich der Senat dagegen entschieden. Knackpunkt war die starke Stellung des Präsidiums in einem Stiftungsmodell.
"Ich bin doch jetzt, nach Abschaffung der Fakultäten, schon sehr mächtig", sagt Lübecks Unipräsident Dominiak mit einem Lachen. Er versucht, Kritiker eher mit Vorteilen zu überzeugen, etwa der Aussicht auf mehr privates Kapital. Dadurch ließe sich der Hochschulbetrieb auf eine breitere finanzielle Grundlage stellen und auch Lehre und Forschung besser ausstatten. "Wir glauben, dass wir als Stiftungshochschule viel mehr Geld einwerben können. Einer staatlichen Uni gibt doch kaum einer Geld, weil die Leute denken, das verpufft sowieso irgendwo im Haushalt, aber bei einer Stiftung wissen sie es gut angelegt", sagt er. Ein Blick nach Frankfurt scheint ihm recht zu geben: Die Goethe-Uni profitiert sehr von ihrem Stiftungsstatus und dem ausgeprägten Bürgersinn in der Main-Metropole. Seit die Uni 2008 Stiftungsuni wurde, hat sie mehrere Millionen Euro an privaten Spenden eingeworben.
Auch in Lübeck ist der Bürgersinn sehr ausgeprägt, es gibt viele wohltätige Stiftungen. "Ich weiß von einigen, die haben schon Geld für uns geparkt, die Stiftungen halten Geld bereit, ein Zahnarzt hat zugesagt, der Uni sein Haus zu vermachen", sagt Dominiak. "Unser besonderes Profil hilft uns. Viele Arbeitsplätze und Unternehmen hängen an der Uni, die Region, die Stadt braucht uns, die identifizieren sich mit uns."
Die regionale Wirtschaft jedenfalls steht hinter dem Projekt. "Für Wissenstransfer und Fachkräftegewinnung ist die Stiftungsuni eine erstklassige strategische Option", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Schulz-Kleinfeldt.
In Niedersachsen hingegen haben sich die Hoffnungen auf einen Geldsegen nicht erfüllt. Keine der fünf Hochschulen, die seit fast zehn Jahren von Stiftungen öffentlichen Rechts getragen werden, konnte Großspenden einwerben und einen viele millionenschweren Kapitalstock aufbauen. Kritiker in Lüneburg sehen die Stiftungshochschule daher bereits als "gescheitert", so der ehemalige Vizepräsident Ferdinand Müller-Rommel. Ein Vergleich mit US-Unis wie Harvard oder Yale, die milliardenschwere Stiftungsvermögen haben, ist ohnehin unrealistisch. In Deutschland bedeutet, Stiftungsuni zu sein, vielfach einfach nur, ein paar Freiheiten mehr zu haben, aber keine zusätzlichen Mittel.
Dominiak selbst wird weder von dem Geld noch von den Freiheiten etwas haben: 2014 geht er in Pension. Zum 1. Januar 2015 soll die Stiftungsuni an den Start gehen. "Ich tue das nicht für mich" , sagt er, "ich tue es für die Universität."
| Die etwas andere Uni |
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| Vielfalt Es gibt in Deutschland derzeit 13 Stiftungshochschulen, wobei nur eine, die Goethe-Uni Frankfurt, selbst in Form einer öffentlich-rechtlichen Stiftung organisiert ist. Die übrigen zwölf werden durch Stiftungen getragen. Die private Bucerius Law School etwa wird von der Zeit-Stiftung gefördert. Die staatliche Uni Göttingen wurde vom Land in die Trägerschaft einer Stiftung öffentlichen Rechts überführt. |
| Vorteil Die Hochschulen versprechen sich von dem Stiftungsmodell mehr Autonomie, mehr Unabhängigkeit vom Staat und nicht zuletzt mehr Möglichkeiten, privates Kapital zu akquirieren. |