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Merken   Drucken   01.12.2012, 13:21 Schriftgröße: AAA

Die Zukunft der Gemeinschaftswährung: Neun Vorschläge zur Rettung des Euro

Die Schuldenkrise hat sich in den vergangenen Wochen entspannt. Doch zum Aufatmen ist es nach Ansicht von Experten noch zu früh. Die FTD hat neun renommierte Ökonomen befragt, was nötig ist, um die Euro-Krise endlich zu den Akten zu legen.
von Berlin

Manch einer redet beim Stichwort Unsicherheit mittlerweile eher über die USA und deren ungelöste Haushaltslage als über Europa. An den Finanzmärkten hat sich die Lage in den vergangenen Wochen etwas entspannt. Und auch die viel diskutierten Zahlungsbilanzsalden bilden sich zurück, seit die Europäische Zentralbank ankündigte, Anleihen von Euro-Krisenstaaten aufzukaufen. Doch es ist eine trügerische Ruhe. Fragt man Ökonomen, so scheint es weiterhin gut möglich, dass die Krise in den kommenden Monaten wieder aufflammt. Von einer perfekt funktionierenden Währungszone mag schon gar niemand sprechen.

In Brüssel ist man sich dessen bewusst - und will nun weiter vorankommen bei der Perfektionierung der wackeligen Währungsunion. Der von Ratspräsident Herman Van Rompuy vorgestellte Zwischenbericht gibt dabei den Weg vor. Die Euro-Zone soll eine "echte Wirtschafts- und Währungsunion" werden, so der Plan. Dabei sollen Finanzpolitik, Haushaltspolitik und Wirtschaftspolitik stärker integriert werden. Die Bankenunion dient als erstes Puzzleteil. Bis zum EU-Gipfel im Dezember soll ein Zeitplan für alle Bausteine einer echten Währungszone vorliegen. Doch es scheint äußerst fraglich, ob die nationalen Regierungen dieses Tempo mitgehen - wie sich bereits beim Thema Bankenunion zeigt, wo vor allem Deutschland bei der Umsetzung auf die Bremse drückt.

Doch führende Währungsexperten mahnen: Im jetzigen Zustand bleibt die Währungszone fragil und unperfekt. Es braucht dringend weitere Reformen, um aus dem Experiment Euro ein stabiles System zu machen. So reichen die Forderungen von einem europäischen Finanzminister bis hin zu neuen schärferen Fiskalregeln auf nationaler Ebene. Einig sind sich alle: Die Politik darf sich jetzt nicht ausruhen. Und einige - wie der deutsche Sachverständige Peter Bofinger - sagen gar, zum Erhalt des Euro gebe es letztlich nur den Weg einer politischen Union. Am Ende könnte die Schuldenkrise dann sogar einen Nutzen gehabt haben, sagt Nobelpreisträger Robert Mundell. Der Columbia-Professor hat die berühmte Theorie optimaler Währungsräume entwickelt. Diese Forschung war auch eine der Grundlagen bei der Gründung der Euro-Zone.

Was ist konkret nötig, damit Europa die Rolle als großer Unsicherheitsfaktor der Weltwirtschaft verliert? Die FTD hat renommierte Ökonomen und führende Währungsexperten befragt.

Alberto Alesina   Alberto Alesina

"Kurzfristig muss man der Zentralbank erlauben, Anleihen auf dem Zweitmarkt zu kaufen. Zudem sollte man Druck auf die Regierungen ausüben, keine Steuererhöhungen, sondern stattdessen Ausgabenkürzungen kombiniert mit Strukturreformen durchzuführen. Austerität nur durch Steueranhebungen ist selbstzerstörerisch. Um die Währungsunion langfristig zu perfektionieren, braucht es substanzielle Fortschritte beim Bau einer Bankenunion, einer Fiskalunion und letztlich einer Form von politischer Union - in dieser zeitlichen Reihenfolge. Fiskalpolitik kann nur dann der Verantwortung von nationalen Regierungen überlassen werden, wenn sie nicht die Währungsunion als Ganzes gefährdet. In der Praxis hat sich herausgestellt, dass dies nicht funktioniert. Ohne mehr supranationale Kontrolle wird dies wieder passieren."

Alberto Alesina ist Professor in Harvard und gilt als einer der renommiertesten Schuldenexperten weltweit.

Nobelpreisträger Robert Mundell   Nobelpreisträger Robert Mundell

"In Krisen wie diesen stecken immer auch Chancen: Die Schuldenkrise könnte am Ende einen Nutzen gebracht haben, wenn sie dazu führt, dass die Europäische Kommission und nationale Regierungen ihre Verantwortung für die Staatshaushalte teilen. Dies sollte letztlich das Ziel für eine funktionierende Währungszone sein. Die Vorschläge des deutschen Finanzministers für einen mächtigen EU-Haushaltskommissar gehen daher in die richtige Richtung. Die Verantwortung für Defizite und mögliche Insolvenzen von Regierungen sowie eine zentrale Behörde der Währungszone muss gemeinsam übernommen werden. Letztlich braucht eine Währungsunion eine politische Union und damit auch einen gemeinsamen Finanzminister."

Robert Mundell ist der Begründer der berühmten "Theorie optimaler Währungsräume". Dafür erhielt der heute 80-jährige Kanadier 1999 den Nobelpreis. Seine Forschung war zudem Grundlage für die Einführung des Euro.

Dennis Snower   Dennis Snower

"Die Euro-Krise kann in den kommenden Monaten nur dann entschärft werden, wenn die Länder der Euro-Zone sich zu glaubwürdigen langfristigen Fiskalregeln verpflichten. Diese Regeln würden vorschreiben, wie hoch die langfristige Schuldenquote sein soll, wie schnell an diese Schuldenquote angeglichen wird und wie antizyklisch die Fiskalpolitik sein darf. Die Regeln müssten in den Verfassungen der Länder verankert werden. Zusätzlich sollte bei Regelverstoß ein automatischer Mechanismus in Kraft treten. Dies würde gewährleisten, dass kurzfristig Rezessionen auch fiskalpolitisch angemessen bekämpft werden können und langfristig die Staatsschulden unter Kontrolle gehalten werden. Eine funktionierende Währungsunion erfordert die Etablierung eines integrierten Finanzmarkts in Europa und eine Geldpolitik, die sich auf Inflationsbekämpfung beschränkt."

Dennis Snower ist Präsident des international angesehenen Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Barry Eichengreen   Barry Eichengreen

"Die Euro-Krise ist keine einzelne Krise, sondern es sind vielmehr drei Krisen in einem: eine Schuldenkrise, eine Bankenkrise und eine Wachstumskrise. Es braucht daher gleich drei Lösungen, damit Ruhe einkehrt. Als Erstes muss Europa so schnell wie möglich zu einer Bankenunion finden. Deutschland darf hier nicht weiter verzögern. Bei den Schulden geht die am Montag vereinbarte Streckung der griechischen Staatsschuld durch verlängerte Laufzeiten und niedrigere Zinsen nicht weit genug. Dasselbe müsste auch für Portugal und Irland getan werden. Was Wachstum angeht, so sollte die Austerität stärker über die Zeit verteilt erfolgen. Außerdem braucht es dabei mehr Stützung von der Europäischen Zentralbank. Nach diesen kurzfristigen Maßnahmen kann Europa seine Währungsunion perfektionieren. Das wird allerdings gut zehn Jahre brauchen."

Barry Eichengreen ist Währungsexperte an der US-Eliteuniversität Berkeley.

Markus Brunnermeier   Markus Brunnermeier

"Das Anleiheaufkaufprogramm der EZB hat sicherlich dazu beigetragen, das Auseinanderdriften einzelner Teile der Währungsunion zu entschärfen. Allerdings hat die Europäische Zentralbank (EZB) damit nur Zeit gekauft, und es ist entscheidend, dass die grundlegenden Probleme angegangen werden. Ein großes Problem ist, dass viele Verluste auf die EZB abgewälzt werden und Umverteilungspolitik vorwiegend durch die Geldpolitik durchgeführt wird. Es wäre besser, wenn die Fiskalbehörden gezielter Banken restrukturieren würden. Mittelfristig muss ein Weg gefunden werden, der die EZB schützt und eine unabhängige Geldpolitik garantiert. Das heißt zum Beispiel, dass die EZB in der Lage sein sollte, eine Restrukturierung von bestimmten Banken einzuleiten, auch wenn die Kosten und die Verfahren von Fiskalbehörden getragen werden müssen."

Markus Brunnermeier ist Professor an der US-Eliteuniversität Princeton.

Charles Wyplosz   Charles Wyplosz

"Die bisherige Krisenstrategie ist gescheitert. Harte Konsolidierung, die in Rezessionen mündet, ist ein Teufelskreis. Einige Länder werden nicht zu stabilen Finanzlagen zurückkehren, weil ihre Schulden nicht tragbar sind. Entweder diese Länder verlassen den Euro und schreiben fast alle Schulden ab - oder man gewährt ihnen einen Teil-Schuldenschnitt innerhalb des Euro. Für die Zukunft gilt: Die Euro-Zone kann nicht überleben, wenn nicht jedes Land mehr Haushaltsdisziplin zeigt. Da die Länder ihre fiskalische Souveränität auf absehbare Zeit nicht aufgeben wollen, sind nun zwei Schritte nötig: eine scharfe nationale Gesetzgebung, die fiskalische Zügellosigkeit illegal macht. Darüber hinaus braucht es einen starken Anreiz für Regierungen, diese Gesetzgebung zu beachten. Es gibt bereits die Nicht-Rettungs-Klausel für Staaten. Diese muss nun gestärkt werden."

Charles Wyplosz ist Währungsexperte am Schweizer Graduate Institute in Genf.

"Um die Euro-Zone zu stabilisieren, gibt es im Wesentlichen zwei Wege. Bei zentraler Kontrolle über Fiskalpolitik und Teile der Wirtschaftspolitik kann man eine Solidarhaftung für Staatsschulden einführen, sodass Insolvenzen einzelner Staaten ausgeschlossen sind. Die Bereitschaft dazu sehe ich derzeit aber nicht. Alternativ kann man die Entscheidungsmacht über Staatsverschuldung bei den nationalen Parlamenten lassen, dann muss es aber möglich sein, dass Staaten insolvent werden und private Gläubiger voll haften. Das geht nur, wenn der Finanzsektor so verändert wird, dass die Insolvenz nicht länger die Stabilität des Bankensystems beeinträchtigt. Das könnte durch eine Bankenunion erreicht werden. Hauptproblem dabei sind die Lasten, die in den Bankensystemen einiger Länder stecken und die nicht auf die Gemeinschaft abgewälzt werden dürfen."

Clemens Fuest ist Professor in Oxford und designierter Präsident des ZEW-Instituts.

Peter Bofinger   Peter Bofinger

"Als Erstes muss man die Konsolidierungsstrategie ändern: Statt immer härterer Sparprogramme sollte man etwas höhere Defizite akzeptieren und wieder mehr Wachstum zulassen. Das muss man notfalls über die Geldpolitik flankieren. Damit das nicht zu einer goldenen Kreditkarte für die Regierungen wird, braucht es ein klares Bekenntnis zu einer politischen Union in der Euro-Zone, mit scharfen Restriktionsmechanismen für die Staatshaushalte und einem Euro-Finanzminister. Ein Schuldentilgungspakt zum längerfristigen Abbau der Schulden wäre dabei ein wichtiges Element. Man muss sich aber einfach entscheiden. Wir stehen derzeit in einem Tunnel - an einem Ende die Rückkehr zu nationalen Währungen, am anderen eine politische Union. Wenn man den Euro behalten will, muss man den Schritt zur politischen Union konsequent zu Ende gehen."

Peter Bofinger ist Professor an der Uni Würzburg und Mitglied des Sachverständigenrats.

Daniel Gros   Daniel Gros

"Die EZB-Anleihekäufe waren eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Beruhigung der Märkte. Die Krise entschärft sich langsam von allein. Die meisten der Panikverkäufe der Südstaaten-Bonds haben bereits stattgefunden. Nur Institutionen, die Risiko vertragen können, halten diese Bonds noch. Diese Halter werden nicht plötzlich alles auf den Markt werfen, selbst wenn es noch Schwierigkeiten geben wird. Die Ungleichgewichte in der Zahlungsbilanz bilden sich zurück, und die öffentlichen Haushalte werden gestärkt. Eine perfekte Währungsunion in der Zukunft scheint jedoch unmöglich. Stabiler könnte sie dagegen schon sein mit einer starken Bankenunion, um die Maastricht-Vision harter Budgetbeschränkungen auch durchsetzen zu können. Ein europäischer Währungsfonds wäre ein Bauteil einer stabileren Währungszone."

Daniel Gros ist Direktor der Brüsseler Denkfabrik CEPS.

  • Aus der FTD vom 01.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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