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Merken   Drucken   30.01.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Investieren in Osteuropa: Stahlwerk für einen Dollar  

Premium Serbiens Regierung muss ein Unternehmen wieder verstaatlichen. Warum dies symptomatisch für die Schwerindustrie in Südeuropa ist.
von Hubert Beyerle, Sarajevo

US Steel , einer der größten Stahlkonzerne der Welt, zieht sich aus Serbien zurück. Die Regierung in Belgrad übernimmt für einen symbolischen Dollar das Stahlwerk in der Kleinstadt Smederevo südlich von Belgrad. Premierminister Mirko Cvetkovic erklärte, die Regierung wolle einen neuen Investor finden, und das sei einfacher, wenn die Produktion nicht unterbrochen werde. Das Unternehmen ist mit 5500 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber Serbiens - und steht für 14 Prozent der Exporte.

Die Rückverstaatlichung des Stahlwerks in Serbien ist nur das vorerst letzte Beispiel dafür, dass sich der Staat in Südosteuropa wieder der alten Industrien annimmt. Nach Jahren der Privatisierung sorgen die schwierigen Bedingungen auf den Weltmärkten für einen Rückwärtstrend.

Preis für Warmbreitstahl   Preis für Warmbreitstahl

Erst letzte Woche kaufte die Regierung in Belgrad ihren Anteil an der serbischen Telekom zurück, der 15 Jahre lang dem griechischen Telekomkonzern OTE gehört hatte. Bereits im Herbst 2010 hatte die Regierung im Nachbarstaat Montenegro die Privatisierung ihrer Aluminiumhütte zur Hälfte rückgängig gemacht. Die Stahlhütte in Montenegro ist seit April 2010 nach drei erfolglosen Versuchen der Privatisierung in der Insolvenz. Selbst der weltgrößte Stahlkonzern ArcelorMittal reduziert seine Produktion in Osteuropa.

Das serbische Stahlwerk war nur wenige Jahre lang richtig profitabel. Der US-Konzern hatte die Stahlhütte 2003 für 21 Mio. Dollar gekauft - genau zum richtigen Zeitpunkt, bevor die Stahlpreise weltweit in die Höhe schossen. Doch die Jahre vor der Finanzkrise erwiesen sich als Ausnahmejahre. "Diese guten Zeiten werden vorerst nicht wiederkommen, jedenfalls nicht vor Mitte des Jahrzehnts", sagt Peter Fish vom Stahlberatungshaus MEPS in London. US Steel hatte sich zuletzt immer deutlicher enttäuscht über die schwache Nachfrage in der Region geäußert und von der Regierung Steuernachlässe erhalten.

Das Problem der Schwerindustrie in dieser Region sei, dass die Fabriken meist tief im Landesinneren liegen und die hohen Transportkosten den Unternehmen zu schaffen machten, sagt Berater Fish. "Hinzu kommt, dass der Stahlpreis zurzeit ziemlich niedrig ist."

Das Stahlwerk in Smederevo galt zwar lange Zeit als Rückgrat der serbischen Wirtschaft, doch schleppte es eine Erblast aus der Zeit der Planwirtschaft mit sich. "Die Stahlwerke im ehemaligen Jugoslawien waren Jahrzehnte lang Verlustbringer", sagt Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.

Der Einstieg der Regierung in das Stahlwerk ist wirtschaftspolitisch ein ungünstiges Signal, zumal das Land derzeit über einen neuen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) verhandelt. Dennoch gab es kaum eine Alternative für Belgrad. "Kurz vor den Wahlen im Mai kann sich die Regierung die Schließung des Werkes nicht leisten", sagte Gligorov. Außer den bei US Steel angestellten Arbeitern hängt ein Großteil der 18.000 Arbeitsplätze in der Stadt Smederevo an der Fabrik. 40 Prozent der serbischen Bahnfracht sind Transporte zum oder vom Stahlwerk.

Die Regierung sucht nun einen neuen Investor, allerdings sind die Aussichten dafür eher gering. "Vielleicht hofft sie auf Interesse aus Russland oder China", sagt Gligorov. "Aber wieso sollte ein anderer Konzern es besser können als US Steel? Wenn die Amerikaner eine Chance sehen würden, das Werk wieder profitabel zu machen, hätten sie es behalten."

Die Entscheidung wird auch Auswirkungen auf den Staatshaushalt haben. Der Ökonom Milan Culibrk rechnet damit, dass auf den Staatshaushalt jährlich 100 bis 150 Mio. Euro Subventionen zukommen werden. Vergangenes Jahr betrug das Defizit im Staatshaushalt umgerechnet 1,5 Mrd. Euro oder 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Defizit dürfte nun weiter steigen. Dabei hatte schon vor der Entscheidung der Regierung der IWF seinen Bericht zum aktuellen Stand-by-Abkommen verschoben, weil das Defizit laut Haushaltsplan höher ausgefallen wäre als mit dem Währungsfonds vereinbart. Am Donnerstag wird nun eine IWF-Delegation in Belgrad erwartet.

  • Aus der FTD vom 31.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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