Die Fieberkurve in Ländern wie Griechenland oder Portugal, Spanien oder Italien geht einfach zu steil nach oben. Und inzwischen lassen sich die Begleiterscheinungen des bisherigen rigiden Sparkurses nicht mehr ignorieren: Immer mehr EU-Staaten gleiten in die Rezession, Arbeitslosenquoten erreichen demokratiegefährdende Niveaus, Populisten und Extremisten wittern ihre Chance. Außerdem setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass man Europas Staatsfinanzen so nicht wirklich saniert bekommt. Da war es nur klug und überfällig, dass einer der Chefärzte in der Euro-Retterei mal andeutet, man müsse jetzt auch mal an eine weitere Therapieform denken.
Allein: Was heißt das - "Wachstumspakt"? Und wie kann der zusammenpassen mit der bisher verordneten Therapie - sparen, sparen, sparen -, an der ja weiter festgehalten werden soll?
Der EZB-Chef hat die Antworten darauf erst mal anderen überlassen. Was die Debatte eröffnet, aber natürlich sehr schnell die Ambivalenz des Wortes "Wachstumspakt" deutlich gemacht hat. So konnten am Mittwoch sowohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande mit Draghis Vorstoß etwas anfangen. Wachstumspolitik kann schließlich sehr viel sein, sie reicht von der eher langfristig wirkenden Öffnung bisher verschlossener Dienstleistungsmärkte bis zu schnelleren, schuldenfinanzierten Staatsausgabenprogrammen.
Die Frage ist: Was rettet die Patienten am ehesten? Haben wir noch genügend Zeit, allein auf die Wirkung langfristiger Strukturreformen zu setzen? Wenn eine ganze Generation in Südeuropa ökonomisch wegbricht?
Die von Mario Draghi eröffnete Diskussion muss darauf schnell Antworten zeitigen. Vorschläge gibt es viele, sinnige und unsinnige. Zu den sinnigen gehören alle Maßnahmen, die den gebeutelten Ökonomien Europas auch kurz- und mittelfristige Wachstumsimpulse verschaffen. Eine Kapitalerhöhung für die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Ausgabe von Projektanleihen für grenzüberschreitende Infrastrukturmaßnahmen sind dafür zum Beispiel ein effizienter Weg. Eine schnellere Umwidmung von EU-Mitteln aus der Struktur- und Regionalförderung ein anderer. Es wird Zeit fürs Fiebersenken.
Was war zuerst da? Die Finanzierungs- und Refinanzierungskrise des Finanzmarktes 2007 oder die Staatsschulden im Jahre 2010? Was ist hier Ursache und Wirkung?
Sehen Sie Ähnlichkeiten? Northern Rock 2007. Sie hat in kurzer Zeit ihren Markt-Anteil von 2% auf fast 10% gesteigert. Aggressiv-innovative Methoden gehörten dazu: Hypotheken auf 125% des Hauspreises, Hypotheken im Umfang des mehr als sechsfachen Jahreseinkommen der Kreditnehmer. Über 40% des Kreditvolumens hat Northern Rock verbrieft und an den Markt weiterverkauft. Dieser Markt ist zur Zeit aber knochentrocken. Dadurch blieb Northern Rock auf den neuen Hypotheken sitzen und war in Not. „Lender of last resort“. Die Regeln dafür sind glasklar. Die Prinzipien hat der britische Ökonom Walter Bagehot 1873 aufgeschrieben: wenn eine Bank eigentlich solvent, aber illiquide ist, so soll die Zentralbank gegen gutes Pfand, aber zu Strafzinsen beliebig leihen. Das heißt aber auch: wenn die Bank nicht solvent ist, wenn sie sich verspekuliert hat, soll sie nicht beliehen werden. Dann muss man sie pleite gehen lassen. Aber Hallo, Yosemite, das Problem ist seit 1873 bekannt, HB, 2003 „Bad Bank“ in D gefordert! Bailout ist das katastrophale Signal an den Finanzsektor, dass man alle möglichen, riskanten Dinge tun kann: die Bank of England und damit schließlich der Steuerzahler wird schon den Kopf hinhalten, mission accomplished! In der Fachsprache heißt das „Moral Hazard“, und der ist zerstörerisch. Das wäre eine Katastrophe, das wäre der Sündenfall! Der Schaden am ganzen Finanzsystem wäre dauerhaft. Der lizensierte Bankenbereich umfasst ein Volumen von 60 Trillion $, der nichtlizensierte Finanzbereich (OTC, Schattenbanken, Derivate) 702 Trillion $. Fallen nur 10 % im OTC Bereich aus, dann ist die gesamte realwirtschaftliche Leistung in Höhe von 70 Trillion $ weltweit einfach futsch. Müsste nicht zuerst hier reformiert werden? Welchen Vorschlag haben Sie diese Summe aus dem System zu ziehen? Obwohl so viel Geld vorhanden ist, wieso bleibt die Inflation in der Realwirtschaft (M1) einfach aus?
Was haben Lohnsenkungen in der Realwirtschaft mit dem Finanzierungs- und Refinanzierungssystem des Finanzmarktes zu tun? Wie ist die Wirkweise auf die Staatsverschuldung, wenn die Löhne in der Privatwirtschaft gesenkt sind? GR ist ein landwirtschaftlich/dienstleistung strukturierte V´wirtschaft. Wie kann solch eine strukturierte Volkswirtschaft durch Strukturreformen mit einer hochindustrialisierten Volkswirtschaft, wie D, in Wettbewerb treten? Stimmen Sie mir zu, wenn ich fordere, dass die Reformen zuerst im Finanzsektor, besonders im Derivate Bereich, zu geschehen haben. Warum werden die seit mindestens 2007 bekannten Reformen nicht umgesetzt? Wer blockiert da, und aus welchem Interesse?