Ein Hauch von IndustriestaatAn der Westküste, wo der Taedong-Fluss ins Meer mündet, umgibt sich Nordkorea mit einem Hauch von Industriestaat. Kurz vor der Hafenstadt Nampo liegt die Fabrik, in der die südkoreanische Pyonghwa-Gruppe Fiat-Autos für den hiesigen Markt zusammenbauen lässt. "Huiparam" (Pfiff) heißt das bekannteste Modell, das nach einem beliebten Lied benannt ist. Nur wenige Autos verlassen jeden Monat die Fabrik - die Käufer müssen mehr als 10.000 $ dafür hinblättern.
Einige Kilometer weiter staut die Westmeerschleuse den Taedong. Die gigantische Konstruktion aus Beton und Stahl, bei deren Bau in den 80er Jahren ungezählte Soldaten ums Leben kamen, ist ein Renommierprojekt der Staatsführung. Seit der Eröffnung verfügen die Bauern flussaufwärts über Süßwasser, und Pjöngjang wird nicht länger von Überflutungen bedroht.
Besucher bekommen im Informationszentrum einen Propagandafilm gezeigt, in dem nicht von Verlusten die Rede ist, sondern von der "Wahrheit, dass das Volk unter einer großen Führung ein großes Wunder schaffen kann". Der Männerchor will sich gerade zum triumphalen Finale aufschwingen, als der Bildschirm des japanischen Toshiba-Fernsehers plötzlich dunkel wird. "Die Versorgung mit Elektrizität ist immer noch ein Problem", gibt der koreanische Delegationsbegleiter zerknirscht zu.
Die abendliche Heimfahrt in die Hauptstadt führt durch tiefe Dunkelheit. Strom ist knapp, obwohl die schlimmste Energiekrise als überwunden gilt. Heller wird es erst wieder, als der Bus Pjöngjang erreicht. Den Großteil der spärlichen Elektrizität pumpt der Staat traditionell in die privilegierte Zwei-Millionen-Stadt. Durch die Fenster der gleichförmigen Wohnblocks sind nackte Glühbirnen zu sehen. Sie erhellen die gemalten Porträts von Kim Il-sung und Kim Jong-il, die in keinem nordkoreanischen Wohnzimmer fehlen dürfen. Und auf dem Juche-Turm, der die Staatsideologie verherrlicht, leuchtet die ganze Nacht hindurch die rote Fackel.