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Merken   Drucken   10.06.2004, 14:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Hauch von Freiheit in Nordkorea

Die Wirtschaftskrise in Nordkorea wird für die Führung in Pjöngjang gefährlich. Um das Land vor einer Implosion zu bewahren, bemüht sich das kommunistische Regime um ausländische Investitionen - und gewährt seinen Bürgern erstmals kleine Zugeständnisse. von Sabine Muscat, Pjöngjang
Atomanlagen in Nordkorea   Atomanlagen in Nordkorea
An einem lauen Sommerabend ist Pjöngjang fast schon eine normale Stadt. Menschen gehen auf der Brücke über den Fluss Taedong spazieren, manche essen dabei ein Eis. Einige junge Männer bahnen sich mit dem Fahrrad ihren Weg durch die Fußgänger, wenige Privilegierte fahren in japanischen Gebrauchtwagen oder neuen Mercedes-Limousinen über die Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt.
Entlang der monotonen Häuserblocks im Stadtzentrum reihen sich Stände aneinander, an denen Händler Gemüse, Schnittblumen und Trinkwasser in Flaschen verkaufen. Neugierige Augen suchen den Blickkontakt mit ausländischen Besuchern, die sonst so stoisch dreinblickenden Politessen auf ihren runden Podesten inmitten des Verkehrs lächeln. "Do you speak English?", ruft eine Frau, die wie viele Passanten ein großes Bündel auf dem Rücken trägt, und erbietet sich, den Weg zu einer der Treffpunkte für ausländische Gäste zu weisen, den "Diplomatic Club". In der Karaokebar singt die Hostess gegen Mitternacht aus voller Kehle internationale Hits mit - nur bei "Surfin’USA" lässt sie den Beach Boys den Vortritt.
Alltagssituationen in fast jedem Land der Welt - in Nordkorea sind sie eine kleine Sensation. Im isoliertesten Land der Erde ist ein Hauch von Leben eingekehrt. "Über uns sind viele Gerüchte im Umlauf", sagt der koreanische Begleiter der deutschen Delegation, die drei Tage lang einen Einblick in den Alltag des 22-Millionen-Einwohner-Staats bekommen soll, "manche zählen uns zur 'Achse des Bösen'." Das Regime des Diktators Kim Jong-il will das Image des Schurkenstaates abstreifen. Während es sich nach außen als Atommacht profilieren will, bekämpft es im Innern die Implosionsgefahr, indem es der Bevölkerung mehr Freiheiten gewährt und im Ausland um Investitionen wirbt.
Erste Schritte
Vor knapp zwei Jahren hat der Staat den ersten Schritt getan, um die Wirtschaft zu stimulieren: Preise und Löhne wurden neu justiert, das Rationierungssystem für etliche Grundnahrungsmittel abgeschafft. Im Herbst hielt Kim Jong-il eine für nordkoreanische Verhältnisse revolutionäre Rede, in der er forderte, dass mehr Bürger im Ausland studieren und sich dort "im kreativen Denken" üben sollten. Investitionsagenturen werben neuerdings um internationale Firmen, die sich in Nordkorea ansiedeln sollen. In der Stadt Kaesong, nahe der Grenze zum Klassenfeind, entsteht eine Sonderwirtschaftszone, in der mehr als 100 südkoreanische Firmen die Produktion für den Export aufnehmen wollen. Dass der Staat die Reformstrategie der Chinesen kopiert, weisen offizielle Vertreter zurück: "Wir werden einen eigenen koreanischen Weg finden", sagt Kim Song, der Leiter der Investitionsagentur PIINTEC in Pjöngjang. Der Manager spricht Englisch mit amerikanischem Akzent. Nur die Anstecknadel mit dem Konterfei des "verehrten Führers" Kim Jong-il weist ihn als Nordkoreaner aus.
Die ersten Folgen der zaghaften Öffnung sind bereits sichtbar. Die Regale der Geschäfte in der Hauptstadt beginnen sich langsam zu füllen. In der Halle des Tongil-Marktes gibt es fast alles zu kaufen, was in anderen asiatischen Ländern zum Standardsortiment gehört: heimischen Trockenfisch, Kleidung und Plastikwaren aus China, aber auch Davidoff-Zigaretten und Nescafé. Für den Durchschnittskoreaner sind die Importprodukte allerdings kaum erschwinglich - eine Sechserpackung Hanuta-Riegel kostet 450 Won, ein Sechstel eines Monatsgehaltes.
Wer dem Taedong-Fluss an seinen Ursprung folgen will, muss von Pjöngjang nach Nordosten fahren, ins "Gebirge der wunderbaren Düfte". Die dicht bewaldeten Myohyang-Berge bieten grandiose Ausblicke, doch im kolossalen Hyangsan-Hotel, das pyramidenförmig in einer Lichtung thront, ist für Touristen noch viel Platz.
Außergewöhnliche Schatzkammer
Die meisten Besucher werden während ihres Aufenthalts zu einer außergewöhnlichen Schatzkammer geführt, die sich in der Nähe befindet. Dort sind in 100 Räumen mehr als 100.000 Geschenke ausgestellt, die Kim senior und junior aus aller Welt erhalten haben - darunter eine kugelsichere Limousine des sowjetischen Diktators Josef Stalin.
Die nordkoreanische Bevölkerung wurde niemals reich beschenkt. Wenige Kilometer weiter westlich kümmern sich Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe um mehr als 36.000 mangelernährte Kinder. Im Kindergarten der Kooperative Taepyong herrscht Stille. Es ist drei Uhr nachmittags, doch die Kleinen schlafen. Aufgereiht liegen sie in Decken gewickelt auf dem Boden. In sicherer Entfernung auf dem Nachbargrundstück steht eine Erzieherin inmitten einer Kinderschar auf einer Terrasse. Sie lacht und winkt der ausländischen Delegation zu. Direkter Kontakt mit den Kindern ist in dieser Inszenierung nicht vorgesehen.
Die Kleinen erhalten die Proteinkekse, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Pjöngjang herstellt. Pro Tag stehen jedem Kind außerdem 250 Gramm Reis, 40 Gramm Mungbohnen und 25 Gramm Speisefett zu - das muss für drei Mahlzeiten reichen. Die Entwicklungshelfer gehen davon aus, dass bis zu 40 Prozent der Kinder in Nordkorea an den Folgen chronischer Mangelernährung leiden, zu klein und zu schwach für ihr Alter sind. Die akute Gefahr einer Hungersnot wie in den 90er Jahren sehen die Deutschen allerdings gebannt.
Schwer nachvollziehbar
Ob Geld und Waren ihre Empfänger stets erreichen, ist für die Helfer kaum nachzuvollziehen. Der Projektleiter der Welthungerhilfe, Karl Fall, der in der Region Nord-Pyongan mehr als 150 Gewächshäuser errichtet hat, darf nicht mit dem Fahrrad über Land fahren. Der Besuch der Bauernmärkte, auf denen Reis, Mais, Kartoffeln und Weizen angeboten werden, ist ihm verboten.
Den einheimischen Mitarbeitern müssen die ausländischen Organisationen ein Monatsgehalt von bis zu 300 $ zahlen. Die Helfer gehen davon aus, dass die Nordkoreaner das Geld bei den Behörden abliefern. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 3000 Won im Monat, nach dem Schwarzmarktkurs sind das kaum mehr als 2 $.
Auch auf dem Land wurde die Planwirtschaft in jüngster Zeit etwas gelockert. Die kollektiv organisierten Bauern dürfen heute einen kleinen Teil ihrer Produktion privat verkaufen. Doch damit sei es nicht getan, sagt Projektleiter Fall. "Die Kooperativen müssten in der Lage sein, selbst zu wirtschaften und Ersatzteile für ihre Anlagen zu kaufen." Wenn die Folie der Gewächshäuser reißt, muss Nachschub bei den Behörden beantragt werden - und das kann länger dauern, als es für die Pflanzen gut ist. Wer über Land fährt, sieht Bauern, deren Pflüge von Ochsen übers Feld gezogen werden. Ihre Traktoren können sie nicht reparieren. Durch technische Mängel bei Lagerung und Transport gehen nach Ansicht westlicher Experten jährlich bis zu 40 Prozent der Ernte verloren.
Ein Hauch von Industriestaat
An der Westküste, wo der Taedong-Fluss ins Meer mündet, umgibt sich Nordkorea mit einem Hauch von Industriestaat. Kurz vor der Hafenstadt Nampo liegt die Fabrik, in der die südkoreanische Pyonghwa-Gruppe Fiat-Autos für den hiesigen Markt zusammenbauen lässt. "Huiparam" (Pfiff) heißt das bekannteste Modell, das nach einem beliebten Lied benannt ist. Nur wenige Autos verlassen jeden Monat die Fabrik - die Käufer müssen mehr als 10.000 $ dafür hinblättern.
Einige Kilometer weiter staut die Westmeerschleuse den Taedong. Die gigantische Konstruktion aus Beton und Stahl, bei deren Bau in den 80er Jahren ungezählte Soldaten ums Leben kamen, ist ein Renommierprojekt der Staatsführung. Seit der Eröffnung verfügen die Bauern flussaufwärts über Süßwasser, und Pjöngjang wird nicht länger von Überflutungen bedroht.
Besucher bekommen im Informationszentrum einen Propagandafilm gezeigt, in dem nicht von Verlusten die Rede ist, sondern von der "Wahrheit, dass das Volk unter einer großen Führung ein großes Wunder schaffen kann". Der Männerchor will sich gerade zum triumphalen Finale aufschwingen, als der Bildschirm des japanischen Toshiba-Fernsehers plötzlich dunkel wird. "Die Versorgung mit Elektrizität ist immer noch ein Problem", gibt der koreanische Delegationsbegleiter zerknirscht zu.
Die abendliche Heimfahrt in die Hauptstadt führt durch tiefe Dunkelheit. Strom ist knapp, obwohl die schlimmste Energiekrise als überwunden gilt. Heller wird es erst wieder, als der Bus Pjöngjang erreicht. Den Großteil der spärlichen Elektrizität pumpt der Staat traditionell in die privilegierte Zwei-Millionen-Stadt. Durch die Fenster der gleichförmigen Wohnblocks sind nackte Glühbirnen zu sehen. Sie erhellen die gemalten Porträts von Kim Il-sung und Kim Jong-il, die in keinem nordkoreanischen Wohnzimmer fehlen dürfen. Und auf dem Juche-Turm, der die Staatsideologie verherrlicht, leuchtet die ganze Nacht hindurch die rote Fackel.
  • FTD, 10.06.2004
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