Jahrelang produzierte die Wirtschaft wertvolle Waren, die woanders gebraucht wurden. Die Exporte stiegen und stiegen, ebenso die Importe der europäischen Nachbarn. Einiges war finanziert auf Pump. Als die Blase platzte, war klar: Deutschland bleibt auf dem Gros seiner Geldforderungen sitzen.
Ein schlechter Deal, viele Deutschen hatten jahrelang verzichtet. In Zahlen drückt sich die Geschichte so aus: Von 2000 bis 2007 legten die privaten Konsumausgaben in Deutschland inflationsbereinigt um knapp vier Prozent zu, im Währungsraum insgesamt gab es ein Plus von 13 Prozent. Ähnlich krass ist die Divergenz bei den Investitionen.
Eigentlich wäre Deutschland jetzt an der Reihe. Doch das Gegenteil ist der Fall: Durchbrachen die Ausfuhren 2011 erstmals die Marke von 1000 Mrd. Euro , wird in Deutschland heute drei Prozent weniger investiert als vor der Finanzkrise. In der ersten Hälfte 2012 sanken die Investitionen sogar: Die offiziellen Zahlen geben die Geschichte vom Binnenboom nicht her. So bleibt die Differenz aus Exporten und Importen in Deutschland 2012 weltweit unerreicht, wie die FTD vergangene Woche berichtete. Die Debatte schwappte bis in die USA und nach China.
In Deutschland scheint man es allen Gefahren zum Trotz leider noch immer nicht besser zu wissen. Berlin verhält sich wie die berüchtigten drei Affen, wenn es die Kritik am Handelsüberschuss mit dem autistischen Reflex zu kontern versucht: Dieser sei eine Stärke der deutschen Wirtschaft und spiegle die Qualität der Produkte wieder. Mögen deutsche Produkte auf ewig die besten in der Welt sein!
Doch was, wenn Deutschland wieder eine Party ausrichtet, auf der andere feiern? Wenn sich im Morgengrauen herausstellt, dass der attraktive Kunde nicht genug Kohle hat, um die Zeche zu zahlen? Dann wird die deutsche Wirtschaft wegen ihrer Exportabhängigkeit wie schon in der Rezession 2009 tief stürzen. Und ob sie sich dann ähnlich prächtig erholt, ist höchst ungewiss: Anfang 2012 sanken die Guthaben auf den Arbeitszeitkonten laut dem Forschungsinstitut IAB erstmals wieder - die Puffer, die den Jobmarkt in der letzten Krise retteten, schwinden also wieder.
Deutschlands Wirtschaft sei bestens ausgerichtet auf die Bedürfnisse der Schwellenländer, allen voran Chinas, argumentieren Befürworter des deutschen Modells. Das ist prima, solange der Boom dort anhält. Was aber, wenn der Aufschwung abebbt? Deutsche Experten haben nicht einmal die strukturelle Krise vor der eigenen Haustür vorhergesehen - wie sollen sie das bei einem 8000 Kilometer entfernten Land schaffen, das gern mal undurchsichtige, weil inkonsistente Wirtschaftszahlen meldet?
Dabei schlagen Skeptiker bereits Alarm. Warnungen vor dem Platzen einer Blase in China kursieren seit Monaten. Zudem hat Peking angekündigt, die Wirtschaft umzustellen: weg vom investitionsgetriebenen hin zum konsumgestützten Wachstum.
Weniger Investitionen, weniger Nachfrage nach deutschen Maschinen. Horcht man hinein in die Lobbyverbände, sieht es schon heute nicht mehr rosig aus: Die Ausfuhren nach China sanken zuletzt, teilt der Maschinenbauverband mit. Von 2003 bis 2011 verdreifachte sich der Wert der Exporte ins Reich der Mitte noch. Gut möglich, dass der Anfang vom Ende der goldenen Zeiten bereits eingeläutet ist. Vielleicht geht es so aber auch noch eine ganze Weile gut.
Verlassen sollte sich Berlin darauf jedoch nicht. Vielmehr sollte das von der FDP geführte Wirtschaftsministerium schleunigst zur Kenntnis nehmen, dass die Kritik am Exportüberschuss keineswegs nur von den ach so bösen Gewerkschaften kommt, die die Debatte angeblich nur als Vorwand für ihre ständigen Forderungen nach höheren Löhnen missbrauchen. Auch der in seinen Empfehlungen sonst eher zurückhaltende Industrieländerklub OECD mahnt eindringlich Reformen an, um das Investitionsumfeld in Deutschland zu stärken.
Für Startups, die für den heimischen Markt produzieren, sollte Berlin die Finanzierungsbedingungen bessern und bestehende Firmen innovativer fördern. Unbestritten ist: Der Kapitalbedarf in Deutschland ist wegen der Energiewende in den kommenden Jahren immens. Das Mammutprojekt erfordert Investitionen von geschätzt 200 Mrd. Euro und ist ohne privates Geld nicht finanzierbar. Wegen der Schuldenbremse sind dem Staat die Hände gebunden - also muss er die Anreize besser setzen. Hier ist bisher viel zu wenig geschehen.
Entlarvend für das schwache Niveau der Debatte in Deutschland ist, wenn - wie vergangene Woche öfter - das Institut der deutschen Wirtschaft Köln als Kronzeuge den Handelsüberschuss verteidigt. Die Einrichtung ist eng verquickt mit der Exportbranche und wird unter anderem getragen vom deutschen Industrieverband. Im Vorstand sitzen vornehmlich Vertreter aus der Metall-, Elektro- und Chemiebranche, die an einer starken Lobby der Dienstleister in Deutschland kaum interessiert sind.
Schon eher sollte Berlin den tendenziell konservativen Fachleuten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Gehör schenken. Selbst dort hat man eine Reindustrialisierung in Deutschland festgestellt, die nicht nachhaltig ist. Das könnte am Ende dann vor allem die vielen Industriearbeiter treffen. Denn Studien zeigen, dass die es nach Rezessionen in der Vergangenheit besonders schwer hatten, einen neuen Job zu finden. Eigentlich müsste Deutschland es besser wissen.
Privatisierungen, Steuersenkungen und wie der ganze absurde Katalog sinnloser Maßnahmen lautet) wird hier noch weniger investiert.