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  31.08.2009, 19:31    

Kolumne: Lucas Zeise - Eine Erpressungsnummer

Der Fall von Lehman Brothers dient Bankern, Politikern und Aufsehern zur Rechtfertigung von Milliardenhilfen für die Banken. Was sie verschweigen: Lehman ist nicht die Ursache der Krise - sondern ihre Folge. von Lucas Zeise 
Warum spielt der Fall von Lehman Brothers vor fast einem Jahr eine so wichtige Rolle in der Apologetik der Politiker und der von ihnen protegierten Banker? Diese beiden für die Finanzkrise verantwortlichen Berufsgruppen vertreten seit einem Jahr die These, erst der Crash der New Yorker Investmentbank habe die Finanzkrise zur weltweiten Wirtschaftskrise ausgeweitet.
Ihre Argumentation: Erst als die auf dem Globus tätigen Wirtschaftsakteure erkannt hätten, dass die US-Regierung eine so tolle Bank wie Lehman, eine der fünf weltweit verehrten Wall-Street-Broker, ungerührt pleitegehen ließ, da habe sie eine Art Schockstarre überkommen. Da hätten diese Subjekte von Feuerland bis Ostsibirien, von Island bis Australien plötzlich aufgehört, ihrer üblichen Wirtschaftstätigkeit nachzugehen. Sie hätten aufgehört, Investitionen zu tätigen und Investitionsgüter zu bestellen, und hätten stattdessen begonnen, die schon bestellten zu stornieren. Kurzum: Die Theorie besagt, die Realwirtschaft weltweit sei durch einen psychologischen Effekt in einen Abwärtstaumel geraten. Mit der Lehman-Pleite einsetzende Angst habe jeglichen Unternehmergeist erstickt.
Es gibt auch noch eine Variation dieser Theorie, die ihre Verfechter wie Rechtsanwälte vor Gericht "ersatzweise geltend machen". Danach hätten nach der Lehman-Pleite die Banken aufgehört zu funktionieren. Sie hätten keinen Kredit an die Unternehmen mehr vergeben. Diese hätten dann ihre eigentlich geplanten Einkäufe und Investitionen aufgeben müssen.

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US-Konsument entscheidend
Keine dieser beiden unterstellten Wirkungsketten hat es wirklich gegeben. Warum sollten Unternehmer in aller Welt vom Untergang einer Investmentbank so schockiert sein? Nicht Lehman war für die reale Wirtschaft des Globus wichtig, sondern der US-Bürger als Käufer von Waren aus aller Welt. Schließlich war die Finanzkrise, als Lehman in die Pleite entlassen wurde, bereits mehr als ein Jahr alt. Der bis 2007 funktionierende Mechanismus war bereits unterbrochen, wobei die Banken und Fonds der ganzen Welt die Hypotheken der US-Bürger in netter Neuverpackung gierig aufkauften und diese damit in die Lage versetzten, dank höherer Verschuldung kräftig einzukaufen. Der nun bröckelnde Konsum leitete im vierten Quartal 2007 in den USA den Beginn der Rezession ein.
Freundlicherweise schüttete die Regierung Bush im ersten Halbjahr 2008 noch etwa 160 Mrd. $ zur Konsumstützung an die Bürger aus. Das stabilisierte die US-Konjunktur und verzögerte den Eintritt der Weltrezession um einige Monate. Sie kam dann aber mit umso größerer Wucht. Im September vorigen Jahres stellten dann selbst professionelle Krisenleugner wie der Bundesfinanzminister oder die Deutsche Bundesbank eine Weltrezession fest.
Auch für die Ersatzthese spricht nichts. Als Lehman fiel, hatten der Geldmarkt unter Banken und andere Segmente des Finanzmarkts längst aufgehört, in gewohnter Weise zu funktionieren. Die Banken hatten bereits Hunderte von Milliarden abgeschrieben. Sie hatten Bedarf an Eigenkapital und große Mühe, es aufzutreiben. Lehman gelang dies nicht. Kapital und Kredit waren längst knapp geworden. Die Banken hatten ihre früher großzügige Kreditvergabe bereits ein Jahr lang eingeschränkt. Nicht der Lehman-Crash hat die Kreditvergabe unterbrochen. Vielmehr ist Lehman gefallen, weil Kapital und Kredit bereits knapp waren.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die öffentlichen Verfechter der Theorie von der entscheidenden Wirkung der Lehman-Pleite nicht wirklich an sie glauben. Sie ist schließlich völlig unplausibel. Aber sie passt ihnen bestens in den Kram. Man nehme Finanzminister Peer Steinbrück, seinen Staatssekretär Jörg Asmussen und ihren Auftritt vor dem HRE-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Beide stellten die Notlage der Hypo Real Estate als Folge der Fehlentscheidung der US-Regierung dar, Lehman pleitegehen zu lassen. Diese Entscheidung sei unvorhersehbar gewesen. So rechtfertigen die Herren, dass sie 13 Monate lang die Finanzkrise nicht bemerkt oder ihre Existenz einfach verdrängt hatten. Das ist auch deshalb besonders frech, weil beide mit dem Absturz der IKB und der Sachsen LB gleich zu Beginn der Krise im Sommer 2007 ganz eng befasst gewesen waren. Zu behaupten, man habe das HRE-Desaster nicht habe kommen sehen können, ist ähnlich albern wie die Behauptung mitten im Gewitter, mit einem Blitzeinschlag sei nicht zu rechnen.
Alle sind systemrelevant
Auch bei Bankern (und ihren Aufsehern) ist die These von der durchschlagenden Wirkung der Lehman-Pleite äußerst populär. Sie rechtfertigt die enormen Summen, die zur Bankenrettung in aller Herren Länder aufgewendet wurden. Sie macht es den Politikern leicht, die Existenz der Institute zu garantieren. Welche Regierung wagt es nun noch, eine Bank über die Wupper gehen zu lassen und angeblich verheerende Wirkungen in Kauf zu nehmen? Kurz, alle Banken sind nach dieser These systemrelevant.
Musste der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, bei der Rettung der IKB zu Beginn der Krise noch den historischen Vergleich mit dem Untergang der Danat-Bank in der Weltwirtschaftskrise bemühen, so reichte ihm im Untersuchungsausschuss zur HRE-Stützung der Hinweis auf Lehman. Sein im September 2008 zusammen mit Bundesbank-Präsident Axel Weber verfasster Appell an den Staat, die HRE mit viel Geld zu stützen, sieht mit der Lehman-Theorie im Rücken nicht wie Panikmache zugunsten des Bankensektors, sondern wie die berechtigte Warnung vor dem Untergang der Welt aus.
In Wirklichkeit sind weder Lehman noch die HRE für die Volkswirtschaft systemrelevant. Bei Lehman fand der Test statt. Der von der Krise bereits arg gebeutelte Finanzmarkt wurde einmal kräftig durchgeschüttelt. Für den Wertpapierhandel und den Handel in Finanzderivaten bedeutete das einige schwierige Wochen der Abwicklung und Rückabwicklung. Nicht einmal für den Finanzmarkt im engeren Sinne hatte Lehman wirklich systemische Bedeutung.
In Wirklichkeit ist die These von der verheerenden Wirkung der Lehman-Pleite nichts weiter als eine grandiose Erpressungsnummer.
Lucas Zeise ist Finanzkolumnist der FTD.
  • Aus der FTD vom 01.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland