US-Konsument entscheidendKeine dieser beiden unterstellten Wirkungsketten hat es wirklich gegeben. Warum sollten Unternehmer in aller Welt vom Untergang einer Investmentbank so schockiert sein? Nicht Lehman war für die reale Wirtschaft des Globus wichtig, sondern der US-Bürger als Käufer von Waren aus aller Welt. Schließlich war die Finanzkrise, als Lehman in die Pleite entlassen wurde, bereits mehr als ein Jahr alt. Der bis 2007 funktionierende Mechanismus war bereits unterbrochen, wobei die Banken und Fonds der ganzen Welt die Hypotheken der US-Bürger in netter Neuverpackung gierig aufkauften und diese damit in die Lage versetzten, dank höherer Verschuldung kräftig einzukaufen. Der nun bröckelnde Konsum leitete im vierten Quartal 2007 in den USA den Beginn der Rezession ein.
Freundlicherweise schüttete die Regierung Bush im ersten Halbjahr 2008 noch etwa 160 Mrd. $ zur Konsumstützung an die Bürger aus. Das stabilisierte die US-Konjunktur und verzögerte den Eintritt der Weltrezession um einige Monate. Sie kam dann aber mit umso größerer Wucht. Im September vorigen Jahres stellten dann selbst professionelle Krisenleugner wie der Bundesfinanzminister oder die Deutsche Bundesbank eine Weltrezession fest.
Auch für die Ersatzthese spricht nichts. Als Lehman fiel, hatten der Geldmarkt unter Banken und andere Segmente des Finanzmarkts längst aufgehört, in gewohnter Weise zu funktionieren. Die Banken hatten bereits Hunderte von Milliarden abgeschrieben. Sie hatten Bedarf an Eigenkapital und große Mühe, es aufzutreiben. Lehman gelang dies nicht. Kapital und Kredit waren längst knapp geworden. Die Banken hatten ihre früher großzügige Kreditvergabe bereits ein Jahr lang eingeschränkt. Nicht der Lehman-Crash hat die Kreditvergabe unterbrochen. Vielmehr ist Lehman gefallen, weil Kapital und Kredit bereits knapp waren.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die öffentlichen Verfechter der Theorie von der entscheidenden Wirkung der Lehman-Pleite nicht wirklich an sie glauben. Sie ist schließlich völlig unplausibel. Aber sie passt ihnen bestens in den Kram. Man nehme Finanzminister Peer Steinbrück, seinen Staatssekretär Jörg Asmussen und ihren Auftritt vor dem HRE-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Beide stellten die Notlage der Hypo Real Estate als Folge der Fehlentscheidung der US-Regierung dar, Lehman pleitegehen zu lassen. Diese Entscheidung sei unvorhersehbar gewesen. So rechtfertigen die Herren, dass sie 13 Monate lang die Finanzkrise nicht bemerkt oder ihre Existenz einfach verdrängt hatten. Das ist auch deshalb besonders frech, weil beide mit dem Absturz der IKB und der Sachsen LB gleich zu Beginn der Krise im Sommer 2007 ganz eng befasst gewesen waren. Zu behaupten, man habe das HRE-Desaster nicht habe kommen sehen können, ist ähnlich albern wie die Behauptung mitten im Gewitter, mit einem Blitzeinschlag sei nicht zu rechnen.