Sinkende Exporte, fallende Produktion, rückläufige Aufträge: Die deutsche Wirtschaft spürt wegen der Schuldenkrise und der Rezession in vielen Euro-Ländern immer stärkeren Gegenwind. Wegen der Serie schlechter Konjunkturdaten im Juni gehen Ökonomen davon aus, dass sich das Wachstum im zweiten Quartal mehr als halbiert hat. Im Sommer könnte das Bruttoinlandsprodukt in Europas größter Volkswirtschaft gar sinken.
Im Juni drosselte die deutsche Wirtschaft wegen der schrumpfenden Nachfrage ihre Produktion. Die Unternehmen stellten 0,9 Prozent weniger her als im Vormonat. Die gesamte Wirtschaft dürfte im zweiten Quartal deutlich an Fahrt verloren haben. Stieg das Bruttoinlandsprodukt zum Jahresanfang noch um 0,5 Prozent, so dürfte es zwischen April und Juni Experten zufolge nur noch ein Plus von rund 0,2 Prozent gegeben haben. Dass die Industrie immer mehr unter Schuldenkrise und globaler Konjunkturabkühlung leidet, zeigt das maue Neugeschäft: Die Industrie sammelte im Juni 1,7 Prozent weniger Aufträge ein. Die Bestellungen fielen damit so stark wie seit November 2011 nicht mehr. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnete die Entwicklung als "immer noch relativ robust", räumte aber wegen der mauen Auftragslage nur verhaltene Aussichten für die Industrieproduktion ein.
Ähnlich schlecht steht es um die Ausfuhren. Die Exporteure verkauften wegen der sinkenden Nachfrage aus der kriselnden Euro-Zone 1,5 Prozent weniger ins Ausland als im Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Das war der zweite Rückgang in diesem Jahr. Im Mai hatte es noch ein kräftiges Plus von 4,2 Prozent gegeben. "Der Schlamassel in der Euro-Zone macht unseren Unternehmen zu schaffen", sagte Ilja Nothnagel vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Das können die robusten Geschäfte mit den Schwellenländern nicht ausgleichen."
Der Rückgang der Industrieproduktion gilt als weiterer Beleg dafür, dass der Abwärtstrend bei den Frühindikatoren auch real zu Verlusten in der deutschen Wirtschaft führt, bei der die Daten in der Regel mit Verspätung vorliegen. Insgesamt stellte die deutsche Industrie damit im zweiten Quartal rund 0,3 Prozent weniger her als noch zu Jahresbeginn. Der schwache Juni-Bericht ist bereits die dritte Negativmeldung binnen zwei Tagen für die deutsche Industrie. Zuvor hatte es schon bei den Ausfuhren und den Aufragseingängen deutliche Einbußen gegeben. Erst am Dienstag hatte die deutsche Industrie ein Auftragsminus von 1,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat gemeldet. Die Bestellungen von Investitionsgütern aus dem Inland waren auf den tiefsten Stand seit 2010 gesunken - laut Experten ein recht sicheres Indiz für krisenbedingte Vorsicht.
Damit schlägt nun die seit Monaten sinkende Nachfrage aus den angeschlagenen Euro-Ländern merklich auf die stark von ihren Ausfuhren abhängige deutsche Wirtschaft durch. Über die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts steuern die Ausfuhren bei. Während Umfragen bereits seit Wochen einen Konjunktureinbruch befürchten ließen, hatte es aus den Unternehmen bis vor kurzem noch fast ausschließlich positive Nachrichten gegeben.
Für die nächste Zeit sind nach Ansicht von Andreas Scheuerle von der Dekabank zwei Entwicklungen wichtig: "Zum ersten die Euro-Schuldenkrise. Sie dämpft wegen der Sparanstrengungen in Europa und der Verunsicherung von Unternehmen und Haushalten die Nachfrage nach deutschen Exportgütern. Zum zweiten die globale Entwicklung - das Sicherheitsnetz der deutschen Exporteure. Hier deuten die jüngsten Indikatoren zumindest eine vorübergehende Schwäche an."
Bergab ging es auch bei der Industrie, deren Betriebe ihren Ausstoß um 1,0 Prozent drosselten. Die Hersteller von Konsumgütern meldeten ein Minus von 0,9 Prozent. Die Erzeugung von Vorleistungsgütern wie Chemikalien oder Stahl sackte nur leicht um 0,3 Prozent. Die Produzenten von Maschinen, Geräten und anderen Investitionsgütern stellten 1,6 Prozent weniger her. Die Energieversorger hingegen erhöhten ihre Leistung um 1,2 Prozent. Am Bau sank die Produktion um 2,0 Prozent. Die Branche profitiert nach Ministeriumsangaben aber vom günstigem Umfeld. Niedrige Zinsen und der Run auf Immobilien haben dem Wohnungsbau in der Schuldenkrise mächtig Auftrieb verliehen.
Insgesamt hält sich Deutschland gut: "Im Vergleich zu anderen Euro-Staaten steht Deutschland aber noch gut da", sagte Citigroup-Ökonom Jürgen Michels. In Italien brach das Bruttoinlandsprodukt um 0,7 Prozent ein, in Belgien um 0,6 Prozent und in Spanien um 0,4 Prozent. Für die gesamte Euro-Zone wird ein Minus von 0,2 Prozent erwartet. Experten gehen davon aus, dass sich Deutschland davon nicht lange abkoppeln kann und im Sommer ebenfalls den Rückwärtsgang einlegt. "Wir erwarten, dass die Wirtschaft im dritten Quartal schrumpft", sagte Commerzbank-Ökonomin Ulrike Rondorf.
Insgesamt verkauften die Unternehmen Waren im Wert von 94,6 Mrd. Euro ins Ausland - das sind 7,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Exporte in die EU-Länder fielen um 0,5 Prozent, die in die Euro-Zone sogar um 3,0 Prozent. Dagegen legten die Ausfuhren außerhalb Europas um 19,8 Prozent zu. "Besonders in Russland und den USA läuft es sehr gut, auch in Japan und Südostasien", sagte der DIHK-Analyst Nothnagel. "Der schwächere Euro hilft dabei." Er macht deutsche Waren in anderen Währungsräumen billiger. Im ersten Halbjahr lieferten die deutschen Unternehmen bereits mehr Waren nach Übersee als in die Währungsunion.
Im ersten Halbjahr erhöhten sich die Exporte um 4,8 Prozent auf 550,4 Mrd. Euro. Der Branchenverband BGA rechnet auch im Gesamtjahr mit einem Plus von gut vier Prozent. Stefan Kibar, Analyst der BayernLB, hält die Exporte für besonders wichtig: "Wenn es sich außerhalb des Euro-Raums abkühlt, werden die Exporteure das spüren." Die deutschen Importe wiederum fielen im Vergleich zum Vormonat mit 3,0 Prozent doppelt so stark wie erwartet. Die Einfuhren im Juni summierten sich auf 76,7 Mrd. Euro, was einem Plus von 1,5 Prozent im Vergleich zum Juni 2011 entspricht. Die Handelsbilanz - die Differenz zwischen Exporten und Importen - wies im Berichtsmonat einen saison- und kalenderbereinigten Überschuss von 16,2 Mrd. Euro aus.