Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard sowie ehemaliger Chefökonom des IWF
Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 fragten viele Kritiker schockiert, warum Märkte, Regulierungsorgane und Finanzexperten die Krise nicht kommen sahen. Heute könnte man sich dieselbe Frage in Bezug auf die Anfälligkeit der Weltwirtschaft für Cyberangriffe stellen.
Tatsächlich bestehen ja auffallende Parallelen zwischen Finanzkrisen und der Bedrohung durch Cyberkatastrophen. Obwohl die größte Bedrohung von Schurkenstaaten mit der Kapazität zur Entwicklung extrem komplexer Computerviren ausgeht, drohen auch von anarchistischen Hackern und Terroristen oder sogar von Computerpannen, die dann durch Naturkatastrophen verstärkt werden, große Gefahren.
Einige Sicherheitsexperten haben bereits ihre große Besorgnis zum Ausdruck gebracht, darunter jüngst der Leiter des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Im Großen und Ganzen jedoch sind nur wenige führende Köpfe bereit, im Namen einer derart amorphen Bedrohung wesentliche Kompromisse beim Wachstum auf dem Technologiesektor oder im Internet einzugehen. Stattdessen ziehen sie es vor, relativ unverfängliche Arbeitsgruppen und -ausschüsse einzurichten.
Es ist schwierig, die Abhängigkeit der modernen Volkswirtschaften von Großrechnern zu überschätzen. Man stelle sich vor, was passieren würde, falls eines Tages eine größere Zahl wichtiger Kommunikationssatelliten arbeitsunfähig gemacht oder die Datenbanken wichtiger Finanzsysteme gelöscht würden. Experten haben schon vor langer Zeit das Stromnetz als die akuteste Schwachstelle identifiziert, da jede moderne Volkswirtschaft ohne Strom zusammenbrechen würde. Viele Skeptiker argumentieren, dass größere Cyberkatastrophen bei Umsetzung angemessener, preiswerter Vorsorgemaßnahmen hochgradig unwahrscheinlich seien und dass die Kassandras dieser Welt die Worst-Case-Szenarien übertreiben.
Zunächst einmal sind sowohl Cybersicherheit als auch Finanzstabilität äußerst komplexe Themen, mit denen die staatlichen Regulierungsbehörden kaum Schritt halten können. Die Vergütung der Experten innerhalb der Branche liegt so weit über der im öffentlichen Sektor, dass dort ständig die besten Köpfe abgeworben werden. Daher wird mancherorts die Ansicht vertreten, die einzige Lösung bestünde in der Selbstregulierung durch die Softwarebranche.
Zweitens übt die Technologiebranche - wie der Finanzsektor - durch ihre Parteispenden und Lobbyisten enormen politischen Einfluss aus. In den USA müssen alle Präsidentschaftskandidaten nach Silicon Valley und in andere Technologiezentren pilgern, um Geld zu sammeln. Der übermäßige Einfluss des Finanzsektors aber war eine Grundursache für den GAU des Jahres 2008, und der Sektor ist nach wie vor zutiefst in das anhaltende Chaos in der Euro-Zone verwickelt.
Drittens scheint die Informationstechnologie derzeit angesichts des sich verlangsamenden Wachstums in den hoch entwickelten Volkswirtschaften die moralische Deutungshoheit innezuhaben, ganz so wie bis vor fünf Jahren die Finanzwirtschaft. Und unbeholfene Versuche der Regierungen, eine Regulierung durchzusetzen, dürften sich als Schutz gegen eine Katastrophe als unzureichend erweisen, zugleich jedoch das Wachstum mit bemerkenswerter Effektivität abwürgen.
In beiden Fällen - sowohl der Finanzstabilität als auch der Cybersicherheit - schafft das Ansteckungsrisiko eine Lage, in der sich ein Keil zwischen privaten Anreizen und gesellschaftlichen Risiken ausbilden kann. Fortschritte auf dem Technologiesektor erzeugen zugegebenermaßen häufig eine enorme Zunahme des Gesamtwohls, die möglicherweise die aller anderen Sektoren während der letzten Jahrzehnte deutlich übersteigt. Doch genau wie bei Kernkraftwerken kann der Fortschritt ohne Regulierung aus dem Ruder laufen. Und schließlich gehen die größten Risiken von Arroganz und Ignoranz aus, menschlichen Eigenschaften, die im Zentrum der meisten Finanzkrisen liegen.
Jüngste Enthüllungen über die Superviren Stuxnet und Flame sind besonders entmutigend. Diese anscheinend von den USA und Israel zur Störung des iranischen Nuklearprogramms entwickelten Viren verkörpern einen Grad an Komplexität, der weit über alles bisher Gesehene hinausgeht. Beide sind stark verschlüsselt und schwer zu entdecken, wenn sie erst einmal in einen Rechner gelangt sind. Das Flame-Virus hat die Fähigkeit, die Kontrolle über die Peripheriegeräte eines Rechners zu übernehmen, Skype-Gespräche aufzuzeichnen, mit der Kamera des befallenen Rechners Fotos zu machen und Informationen per Bluetooth an ein beliebiges in der Nähe befindliches Gerät zu senden.
Wenn die fortschrittlichsten Regierungen der Welt Computerviren entwickeln, wer will da garantieren, dass dabei nichts schiefgehen wird? Leider ist es mit der bloßen Erschaffung besserer Anti-Viren-Programme nicht getan. Virenschutz und Virusentwicklung liefern sich ein ungleiches Wettrüsten. Ein Virus kann aus nur ein paar Hundert Zeilen Computercode bestehen; Anti-Viren-Programme erfordern dagegen Hunderttausende von Zeilen, die zum Schutz vor ganzen Klassen von Feinden entwickelt werden müssen.
Man sagt uns, wir sollten uns keine Sorgen über große Cyberkatastrophen machen, weil es bisher noch keine gegeben habe und die Regierungen wachsam seien. Unglücklicherweise ist eine weitere Lehre aus der Finanzkrise, dass die meisten Politiker von Natur aus unfähig sind, schwierige Entscheidungen zu treffen, bis die drohenden Gefahren tatsächlich eintreten. Wir wollen hoffen, dass wir noch eine Weile Glück haben.
Das größte Problem der IT wird meistens von 2 Augen, 2 Ohren und mehr oder minder vielen Haaren umrahmt und sitzt vor dem Bildschirm. Samtliche Internet-Standards und Protokolle sind übrigens erschöpfend und ausführlich in den sog. RFCs der Internet Engineering Task Force (IETF) dokumentiert und öffentlich und sogar ohne Anmeldung zugänglich. Allerdings gehören viel Zeit, ausgezeichnete Englischkenntnisse und gehöriges Fachwissen dazu, sich durch diese Informationsberge zu arbeiten. Das liest sich nicht so flockig wie ein BGB oder eine Sammlung Steuergesetze.