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Merken   Drucken   25.02.2010, 09:11 Schriftgröße: AAA

Währungspolitik: Der IWF spielt mit dem Feuer

Kommentar Der Vorschlag, das Inflationsziel der Notenbanken auf vier Prozent zu erhöhen, ist schädlich. Der Internationale Währungsfonds verharmlost die volkswirtschaftlichen Kosten eines solchen Experiments.
von Axel Weber

Axel Weber ist Präsident der Deutschen Bundesbank

Am 12. Februar haben IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard und zwei Koautoren ein Grundsatzpapier mit dem Titel "Rethinking Macroeconomic Policy" vorgelegt. Darin gehen sie der Frage nach, in welchen Punkten angesichts der Erfahrungen aus der Krise die Makropolitik geändert oder ergänzt werden sollte. Ihre Aussagen zur Finanzpolitik und zur Finanzmarktregulierung, die sich als neues makropolitisches Instrument herausschält, sind zum Teil begrüßenswert, zumindest aber wenig strittig. Die mit Abstand größte öffentliche Reaktion galt aber den Aussagen zur Geldpolitik und hier insbesondere dem Vorschlag, das Inflationsziel auf vier Prozent anzuheben. Um es vorwegzunehmen: Inhaltlich überzeugt mich dieser Vorstoß nicht. Von der Form her, das heißt zum jetzigen Zeitpunkt und als Anstoß des IWF für eine breitere Diskussion, halte ich ihn für grob fahrlässig und schädlich. Der IWF spielt mit dem Feuer.

Axel Weber ist Präsident der Deutschen Bundesbank   Axel Weber ist Präsident der Deutschen Bundesbank

Blanchard und seine Koautoren treibt die Sorge, dass bei einem niedrigen Inflationsziel von etwa zwei Prozent die Geldpolitik in schweren Krisen zu schnell an die Nullzinsgrenze stößt - bildlich gesprochen also nicht mehr genug Wasser unter dem Kiel hat, um die Volkswirtschaft zu stabilisieren. Bei einem glaubwürdig höheren Inflationsziel dagegen könnte die Geldpolitik mit einem kurzfristigen Nominalzins nahe null den Realzins stärker senken. Rein arithmetisch mag dies so sein, da sich der Realzins als Differenz zwischen Nominalzins und Inflationserwartung ergibt. Nach meiner Überzeugung trifft aber die Prämisse eines bedenklich eingeschränkten Handlungsspielraums der Geldpolitik an der Nullzinsgrenze ebenso wenig zu wie die Folgerung, durch eine höhere Inflationsrate könne über eine bessere Stabilisierungsfähigkeit ein volkswirtschaftlicher Mehrwert erzielt werden.

Bei der Krisenbekämpfung spielte die Geldpolitik weltweit eine entscheidende Rolle. In der ersten Phase, bevor die Finanzpolitik sukzessive mit Stützungsmaßnahmen für Finanzsystem und Konjunktur eingreifen konnte, hatte sie sogar die Hauptlast zu schultern. Neben beachtlichen Leitzinssenkungen waren es vor allem die verschiedenen unkonventionellen Maßnahmen, die zur Stabilisierung von Finanzmärkten und Konjunktur beitrugen und einen Systeminfarkt verhinderten. Was das Euro-System angeht, dürfte für die Eindämmung der Krise die Ausweitung der Volumina und insbesondere der Laufzeiten der Refinanzierungsgeschäfte sogar entscheidender gewesen sein als das genaue Ausmaß der Leitzinssenkung. Die geldpolitische Flexibilität jedenfalls war während der Krise nie nennenswert eingeschränkt.

Noch wichtiger ist: Einem vermeintlich stärkeren Stabilisierungsspielraum der Geldpolitik über den Realzins sind die mit einer höheren Teuerungsrate einhergehenden Kosten gegenzurechnen. Blanchard und seine Koautoren erwähnen die mit einer höheren Inflationsrate verbundenen volkswirtschaftlichen Kosten zwar, relativieren sie jedoch im Ergebnis aus meiner Sicht unzulässig stark. Höhere Inflation richtet weit mehr Schaden an, als sie Nutzen bringt. Aus gutem Grund stehen heute das Ziel der Preisstabilität und die glaubhafte Verankerung der Inflationserwartungen ganz oben auf der Prioritätenliste aller großen Notenbanken.

Teil 2: Ausufernde Inflationserwartungen

  • Aus der FTD vom 25.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 25.02.2010 16:51:02 Uhr   Andreas Heil: Realeinkommen

    Nun also doch noch was zur Sache.

    Freundlich ausgedrückt übersehen die Gralshüter der Geldwertstabilität notorisch, dass die Realeinkommen nicht auf der Geldseite der Bilanz erwirtschaftet werden und die Realinvestitionen dort ebensowenig stattfinden und damit ist es auch illusorisch zu versuchen, die Geldwertstabilität nur auf der einen Seite der Bilanz zu sichern und autistisch den neomerkantilistischen Kurs der Vergangenheit einfach weiterzugehen.

    Die inflatorische Buchgeldblase, die aufzublasen die EZB mit einer Rate von 10 Prozent pro Jahr in der letzten Dekade fleißig mitgeholfen hat, kann überhaupt nicht in die Gütersphäre durchdiffundieren, weil jeder Versuch des Umrubelns sofort über den induzierten Preisschock die Nachfrage drastisch einbrechen lassen würde - der Versuch ist doch schon 2008 gründlich misslungen.

    Da die bisherigen Maßnahmen (nicht nur) der EZB aber vor allem äußerst erfolgreich darin waren, der letztlich unumgängliche Asset-Deflation entgegenzuwirken und - mit Ausnahme des Niveaus der Staatsschulden - die Vorkrisensituation beinahe erfolgreich restauriert wurde, wird wohl unweigerlich kommen, was in der letzten vergleichbaren Phase kam: Ein Depressionsschub, der sich gewaschen hat.

    Raussparen aus der deflatorischen Situation auf Kosten des Kleinsteuerzahlers, um dem Sparer, vor allem aber dem FIRE-Sektor selbst seine derzeit schon ziemlich fiktiven Guthaben zu sichern, führt analog zum Nachfrageeinbruch, der in der Folgewirkung natürlich auch den ohnehin schon fragwürdigen Ertragswert der inflationierten Assets weiter schmälert.

    Setzt sich Weber durch, werden wir uns noch mal sehnlichst "nur" eine japanische "verlorene Dekade" wünschen.

    Unfreundlich ausgedrückt, kann man das natürlich auch als Absicht interpretieren. Nur welche ? - Eine "exportimperialistische" Neofeudalisierung der EU unter Führung Deutschlands und ein paar kleinerer Vasallen ?

  • 25.02.2010 16:49:15 Uhr   fokus: Inflation hilft Schulden abbauen
  • 25.02.2010 13:29:47 Uhr   system: Recht hat er....
  • 25.02.2010 13:28:00 Uhr   Ekkehart Schlicht: Inflationsziel erhöhen
  • 25.02.2010 11:02:44 Uhr   Andreas Heil: Die Überlegungen Blanchards
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